Wenn von Homocystein die Rede ist, denken die meisten zunächst an das Herz-Kreislauf-System. Tatsächlich wird dieser Laborwert – leider immer noch nicht routinemäßig - gemessen, um mögliche Hinweise auf ein erhöhtes Risiko für Gefäßerkrankungen zu erkennen. Erhöhte Homocysteinwerte werden seit Jahren mit Herzinfarkt, Schlaganfall und Arteriosklerose in Verbindung gebracht. Aber: Wer bringt Homocystein schon mit der Knochengesundheit in Verbindung? Auch die meisten meiner Patientinnen und Patienten denken bei gesunden Knochen eher an Calcium, Vitamin D, Bewegung oder die Wechseljahre. Dass auch ein Stoffwechselmarker wie Homocystein eine Rolle spielen könnte, überrascht viele zunächst. Genau deshalb lohnt sich ein genauerer Blick.

Homocystein ist eine schwefelhaltige Aminosäure, die im Körper als Zwischenprodukt im Methionin-Stoffwechsel entsteht. Normalerweise wird Homocystein schnell weiterverarbeitet und entweder wieder zu Methionin zurückverwandelt oder zur Aminosäure Cystein abgebaut. Für diese Stoffwechselprozesse benötigt der Körper jedoch bestimmte Vitamine in entsprechender Menge, insbesondere:


  • Vitamin B6
  • Vitamin B12
  • Folat (Vitamin B9)


Fehlen diese Vitamine oder funktionieren die Stoffwechselwege nicht optimal, kann sich Homocystein im Blut anreichern. Man spricht dann von einer Hyperhomocysteinämie.


Der Optimalbereich für Homocystein liegt bei 5–8 µmol/L.


Hierzu muss jedoch angemerkt werden, dass ich mir immer auch parallel den Methionin-Spiegel im Blut eines Patienten ansehe. Denn Homocystein ist ein Zwischenprodukt im Methionin-Stoffwechsel. Methionin ist eine essentielle Aminosäure, die wir über eiweißreiche Lebensmittel wie Fisch, Fleisch, Eier und Milchprodukte aufnehmen.

Im Körper wird Methionin in mehreren Stoffwechselschritten verarbeitet, wobei unter anderem Homocystein entsteht. In meiner Praxis sehe ich jedoch immer wieder deutlich zu niedrige Methioninspiegel. Fehlt dem Körper Methionin, kann er auch weniger Homocystein bilden. Das bedeutet: Ein niedriger Homocysteinwert ist nicht automatisch ein Garant für Gesundheit und Ausdruck einer guten Vitamin B-Versorgung. In manchen Fällen kann er eher auf ein massives Defizit hinweisen. Von daher sollte immer auch der Methionin-Spiegel mitbetrachtet werden.

Mehrere wissenschaftliche Studien zeigen, dass erhöhte Homocysteinwerte mit einer geringeren Knochendichte und einem erhöhten Frakturrisiko verbunden sind. Der Zusammenhang lässt sich durch verschiedene Mechanismen erklären.

Knochen bestehen nicht nur aus Mineralien, sondern zu einem großen Teil aus Kollagenfasern vom Typ 1, die dem Knochen Stabilität und Elastizität verleihen. Homocystein kann die Quervernetzung dieser Kollagenfasern beeinträchtigen. Dadurch wird die Knochenmatrix weniger stabil, was die Knochen brüchiger macht.

Ein erhöhter Homocysteinspiegel scheint außerdem die Aktivität der Osteoklasten zu fördern. Diese Zellen bauen Knochengewebe ab. Wenn ihr Einfluss überwiegt, kommt es langfristig zu einem Verlust an Knochenmasse.

Homocystein kann oxidativen Stress im Körper erhöhen und entzündliche Prozesse fördern. Beide Faktoren gelten als wichtige Treiber von Knochenabbau und können die Entwicklung von Osteoporose begünstigen.

Mehrere große Bevölkerungsstudien haben den Zusammenhang zwischen Homocystein und Knochenbrüchen untersucht. Besonders bekannt ist eine Studie, die zeigte, dass Menschen mit hohen Homocysteinwerten ein deutlich erhöhtes Risiko für Hüftfrakturen hatten – unabhängig von der gemessenen Knochendichte.

Das bedeutet: Selbst, wenn die Knochendichte noch relativ normal erscheint, kann eine schlechte Knochenqualität das Bruchrisiko erhöhen.

Homocystein ist daher ein guter zusätzlicher Marker für die Bewertung der Knochengesundheit.

Die gute Nachricht ist: Homocystein lässt sich relativ einfach beeinflussen. Eine ausreichende (!) Versorgung mit den relevanten B-Vitaminen kann den Homocysteinspiegel oft deutlich senken. Gerade ältere Menschen haben häufiger erhöhte Homocysteinwerte, da die Aufnahme von Vitamin B12 über den Dünndarm mit dem Alter abnimmt.

Auch ein insgesamt gesunder Lebensstil mit regelmäßiger Bewegung, ausgewogener Ernährung und Rauchverzicht trägt zur Regulierung des Homocysteins bei.

Für eine optimale Knochengesundheit ist es sinnvoll, Osteoporose nicht nur aus der Perspektive von Calcium und Vitamin D zu betrachten. Der Stoffwechsel der Knochen ist komplex und wird von vielen Faktoren beeinflusst, darunter Hormone, Entzündungen, Mikronährstoffe und eben auch Homocystein.



Quellen:

Sharma DK, Cheok TS, Rogers M, Zhe Lu VY, Solomon LB, Ramasamy B, Clifton PM, Callary SA. Relationship between homocysteine levels and bone quality in healthy adults - A systematic review and meta-analysis. Clin Nutr ESPEN. 2025 Aug;68:790-805. doi: 10.1016/j.clnesp.2025.06.034. Epub 2025 Jun 20. PMID: 40544918.

Nigotia P, Agrawal U, Sharma A, Agrawal RP. Biochemical Markers Linking Osteoporosis and Cardiovascular Risk in Older Adults: A Retrospective Analysis. J Orthop Case Rep. 2025 Jul;15(7):242-247. doi: 10.13107/jocr.2025.v15.i07.5838. PMID: 40635953; PMCID: PMC12237452.

van Meurs JB, Dhonukshe-Rutten RA, Pluijm SM, van der Klift M, de Jonge R, Lindemans J, de Groot LC, Hofman A, Witteman JC, van Leeuwen JP, Breteler MM, Lips P, Pols HA, Uitterlinden AG. Homocysteine levels and the risk of osteoporotic fracture. N Engl J Med. 2004 May 13;350(20):2033-41. doi: 10.1056/NEJMoa032546. PMID: 15141041.



Über die Autorin:

"Kyra Kauffmann, Jahrgang 1971, Mutter zweier kleiner Söhne, Volkswirtin, seit 20 Jahren niedergelassene Heilpraktikerin, Buchautorin, Dozentin, Journalistin und seit 3 Jahren begeisterte Medizinstudentin.

Zur Medizin kam ich durch meine eigene schwere Erkrankung mit Anfang 30, bei der mir seinerzeit kein Arzt wirklich helfen konnte. („Ihre Werte sind alle super – es ist alles rein psychisch!“). Hilfe bekam ich von Heilpraktikern, die zunächst einmal eine wirklich gründliche Labordiagnostik durchgeführt haben, ganz nach dem Vorbild von Dr. Ulrich Strunz. Es war eine neue Welt, die sich mir eröffnete und die Erkenntnisse, haben mich sofort fasziniert (ohnehin bin ich ein Zahlen-Daten-Fakten-Fan und habe nicht umsonst das Studium der VWL gewählt). Die Begeisterung war so groß, dass ich meinen alten Beruf an den Nagel hängte und Heilpraktikerin wurde. Meine Praxis führe ich seit 20 Jahren mit großer Begeisterung und bin – natürlich - auf Labordiagnostik spezialisiert und kann so oft vielen Symptomen auf den Grund gehen. In 2 Jahren hoffentlich dann auch als Ärztin.


Das Bild zeigt ein Porträt der News-Autorin Kyra Kauffmann.