Eine Schilddrüsenunterfunktion liegt vor, wenn der TSH-Wert über 4 mU/l ansteigt. Laut Leitlinie sollte das gängige Medikament gegen Schilddrüsenunterfunktion, L-Thyroxin, jedoch erst ab einem Wert von 10 mU/l verschrieben werden. Einige Ärzte stellen jedoch bereits bei Werten über 4 mU/l oder 5 mU/l ein Rezept aus, da diese auf dem Laborbogen als außerhalb der Norm markiert sind.
Das ist problematisch, denn einige Patienten haben bei TSH-Werten zwischen 4 und 10 mU/l keine der typischen Beschwerden wie Müdigkeit, Antriebslosigkeit, Konzentrationsprobleme oder trockene Haut und/oder Haare. Einige Allgemeinmediziner untersuchen vor der Verschreibung auch nicht die wichtigen Schilddrüsenhormone fT3 und fT4. Dabei ist besonders der fT4-Wert wichtig, um festzustellen, ob eine unterschwellige oder eine ausgeprägte Unterfunktion vorliegt. Ist nur der TSH-Wert erhöht und der fT4-Wert liegt noch im Normbereich, wird dies als unterschwellige Unterfunktion definiert. Bei einer ausgeprägten Unterfunktion ist zusätzlich fT4 erniedrigt. Dieser Unterschied ist für die Behandlung entscheidend, wird in der Praxis aber häufig gar nicht überprüft.
Der Nutzen einer Therapie mit L-Thyroxin bei unterschwelliger Schilddrüsenunterfunktion und einem TSH Wert unterhalb von 10 mU/l ist nicht belegt. In Studien ergaben sich keine Hinweise auf eine Verbesserung der Herz-Kreislauf-Gesundheit, der Lebensqualität, der Gedächtnisleistung, der Gesamtsterblichkeit oder der Symptomlast.
Ein einmal gemessener erhöhter TSH-Wert bedeutet nicht zwangsläufig, dass die Schilddrüse erkrankt ist. Er kann vorübergehend ansteigen, wenn psychischer Stress vorliegt. Bei Frauen kann eine Kombination aus Fasten und intensivem Training oder generell zu geringer Nahrungsaufnahme den Wert erhöhen. Ähnlich wirken Schlafprobleme. Ein einzelner erhöhter Wert sollte deshalb mehrfach kontrolliert werden, denn er kann sich auch ohne Behandlung wieder normalisieren.
Verschreibungen in Deutschland
In Deutschland nehmen schätzungsweise vier bis fünf Millionen Menschen täglich L-Thyroxin ein. Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2014 schätzte das Vorkommen einer unterschwelligen Schilddrüsenunterfunktion in Europa auf 3,80 bis 4,59 Prozent der Bevölkerung und das einer ausgeprägten Unterfunktion auf 0,37 bis 0,62 Prozent. Das bedeutet, dass nur etwa 300.000 bis 600.000 Menschen eine ausgeprägte Unterfunktion haben, aber etwa vier bis fünf Millionen Menschen täglich Medikamente erhalten. Die Einnahme von L-Thyroxin geht bei vielen Personen jedoch nicht ohne Nebenwirkungen einher: So steigt insbesondere bei Frauen das Risiko für Osteoporose und Vorhofflimmern. Dieser Sachverhalt war Gegenstand eines Artikels in der Zeitschrift für Allgemeinmedizin im Juli 2024.
Wer einmal L-Thyroxin verschrieben bekam, erhält es oft über Jahre oder Jahrzehnte hinweg, ohne dass die ursprüngliche Diagnose je überprüft wurde.
Ein Absetzen von L-Thyroxin ist jedoch möglich
Das Medikament sollte dabei schrittweise ausgeschlichen werden. Nach jeder Dosisreduktion sollten der TSH- und der fT4-Wert nach sechs bis acht Wochen kontrolliert werden, bei grenzwertigen Befunden nach weiteren zwei bis drei Monaten erneut. Eine einzige Messung reicht nicht aus, um eine dauerhafte Therapie zu rechtfertigen oder zu beenden.
Werte zwischen 4 und 10 mU/l sind jedoch auch ohne medikamentöse Behandlung nicht ideal. Es gibt aber natürliche Wege, um die Werte zu verbessern. Ausreichende Nahrungsaufnahme und Stressreduktion sind ein erster Schritt. Auch die Jodversorgung spielt eine Rolle, da Jod der Rohstoff für T3 und T4 ist. Eine grobe Einschätzung der Jodversorgung liefert die Jodausscheidung im Spontanurin, dividiert durch Kreatinin, um Verdünnungseffekte auszugleichen. Der Vorteil dieser Messung ist ihre einfache Durchführung, der Nachteil besteht darin, dass es sich nur um eine Momentaufnahme handelt. Das Ergebnis wird verlässlicher, wenn man sich in den Tagen davor wie gewohnt ernährt.
Selen, Eisen, Zink und Vitamin A unterstützen ebenfalls die Schilddrüsenfunktion, genau wie ein gesundes Mikrobiom. Sport ist außerdem hilfreich, allerdings sollten Frauen in Phasen des Intervallfastens nicht nüchtern trainieren. Stressreduktion und ausreichend Schlaf sind weitere wichtige Faktoren für einen gesunden Lebensstil und eine gut funktionierende Schilddrüse.
Quelle:
Kramer MR, Bleckwenn M, Deutsch T, Voigt K, Schübel J. L-Thyroxin bei Hypothyreose – absetzen oder nicht? Eine Befragung unter hausärztlich Tätigen. Z Allg Med. 2024; unter: https://www.springermedizin.de/levothyroxin/hypothyreose/l-thyroxin-bei-hypothyreose-absetzen-oder-nicht/50018558#CR3_source_0. Letzter Zugriff am 30.06.2026.