Seit vielen Jahren begleite ich Patienten dabei, versteckten Jodmangel aufzudecken. Ich messe Jodwerte, bilde Therapeuten aus und nutze jede Gelegenheit, um über die enorme Bedeutung dieses oft unterschätzten Spurenelements zu sprechen. Doch ein Thema liegt mir dabei ganz besonders am Herzen: die Rolle von Jod für die Gesundheit der weiblichen Brust. Denn die Wissenschaft zeigt schon seit Jahrzehnten etwas, das erstaunlicherweise noch immer viel zu wenig bekannt ist: Auch die weibliche Brustdrüse benötigt Jod. Trotzdem wird dieser Zusammenhang im medizinischen Alltag kaum erwähnt. Viele Frauen ahnen nicht, dass Beschwerden im Brustgewebe (z. B. Brustspannen), hormonelle Dysbalancen oder ein allgemeines Unwohlsein auch mit einem chronischen Jodmangel zusammenhängen können. Genau deshalb ist es so wichtig, dieses Wissen endlich stärker ins Bewusstsein zu bringen.

Warum hätte die Natur es sonst so eingerichtet, dass die Zellmembranen der Brustdrüse dieselben Jod-Transporter enthalten wie die Schilddrüse – die sogenannten Natrium-Jodid-Symporter (NIS)? Dieses Wissen ist unter Jodforschern seit Langem bekannt, hat es aber leider bis heute nicht aus den wissenschaftlichen Elfenbeintürmen in die moderne Gynäkologie geschafft. Tatsächlich kenne ich persönlich nur einen einzigen Gynäkologen in Deutschland, der sich aktiv mit dem Thema Jod in seiner Praxis beschäftigt; und ich kenne viele Gynäkologinnen und Gynäkologen.

Umso spannender ist eine brandneue wissenschaftliche Arbeit, die genau diesen Zusammenhang nun erneut aufgreift. Eine aktuelle Veröffentlichung von Liu J. et al. in Frontiers in Oncology beschäftigt sich detailliert mit der Frage, ob Jod möglicherweise ein bislang unterschätzter Faktor bei der Entstehung von Brustkrebs sein könnte.

Die Wissenschaftler beschreiben in ihrer Arbeit einen möglichen biologischen Zusammenhang zwischen Jodmangel und Brustkrebsentwicklung. Im Mittelpunkt steht dabei eben dieser Natrium-Jodid-Symporter, also jenes Transportprotein, das Jod in die Zellen einschleust. Dieses System ist nicht nur in der Schilddrüse aktiv, sondern eben auch im Brustgewebe, insbesondere während Schwangerschaft und Stillzeit. Gerät dieser Mechanismus aus dem Gleichgewicht, könnten laut der Studie Prozesse begünstigt werden, die das Krebswachstum in der Brust fördern.

Die Autoren beschreiben ein mehrstufiges Modell, wie Brustkrebs durch Jodmangel entstehen könnte. Demnach führt ein langfristiger Jodmangel zunächst zu hormonellen Veränderungen im Körper. Betroffen sind unter anderem die Schilddrüsenregulation sowie die weiblichen Hormone. Dadurch entsteht im Brustgewebe ein entzündliches und wachstumsförderndes Milieu.

Im weiteren Verlauf könnten bestimmte Signalwege aktiviert werden, die die normale Funktion des Natrium-Jodid-Symporters stören. Statt Jod korrekt in die Zelle zu transportieren, verbleibt das Protein im Zellinneren und verliert seine eigentliche Schutzfunktion. Die Forschenden vermuten, dass dadurch Zellwachstum und Tumorentwicklung erleichtert werden könnten insbesondere bei hormonabhängigen Brustkrebsformen.

Interessant ist dabei, dass frühere Untersuchungen bereits gezeigt hatten, dass Jod antioxidative und entzündungshemmende Eigenschaften besitzt. Zudem gibt es deutliche Hinweise darauf, dass molekulares Jod das Wachstum bestimmter Brustkrebszellen durch Apoptose hemmen kann (siehe News vom 3.9.2023). Die neue wissenschaftliche Arbeit verbindet diese älteren Forschungsergebnisse nun zu einem schlüssigen biologischen Modell.

Natürlich bedeutet das nicht automatisch, dass Jodmangel direkt Brustkrebs verursacht. Die Studie liefert keine endgültigen Beweise, allerdings bestätigt sie etwas, worauf Jodforscher seit Jahrzehnten hinweisen: Jod ist viel mehr als nur das Spurenelement für die Schilddrüse.

Gerade in Deutschland leiden viele Frauen unbemerkt unter einer kritischen Jodunterversorgung. Sichtbar wird meist nur die Spitze des Eisbergs: eine Schilddrüsenunterfunktion. Trotzdem wird Jod in der medizinischen Praxis kaum beachtet, selten getestet und fast nie gezielt verordnet. Besonders erschreckend ist, dass die Bedeutung von Jod für gesundes Brustgewebe im Alltag vieler Ärzte – vor allem Gynäkologen - praktisch keine Rolle spielt. Für viele Frauen bedeutet das: Sie bleiben mit ihren Beschwerden allein und erhalten keine Antworten auf die eigentliche Ursache. Umso wichtiger ist es, dieses Wissen endlich stärker ins Bewusstsein zu bringen. Hoffentlich beginnt hier in den kommenden Jahren ein echtes Umdenken.




Quelle:

Liu J et al. Could iodine be the missing micronutrient in breast cancer development? Front Oncol. 2026;16:1674237. doi:10.3389/fonc.2026.1674237