pTau im Blut – der neue Bluttest für die Alzheimer-Diagnostik
Alzheimer möglichst früh zu erkennen, ist eine der großen Herausforderungen in der Medizin. Lange Zeit war die Diagnostik vor allem auf Gespräche, Gedächtnistests, Bildgebung und aufwendigere Untersuchungen wie die Analyse von Nervenwasser (Liquor) angewiesen. Inzwischen rückt jedoch ein neuer Ansatz immer stärker in den Fokus: die Messung von pTau im Blut.
Tau ist ein Eiweiß, das bei jedem Menschen ganz natürlich im Gehirn vorkommt. Es hilft den Nervenzellen dabei, ihre innere Struktur stabil zu halten. Man kann es sich vereinfacht wie eine Art Stütze im Inneren der Zelle vorstellen. Außerdem trägt Tau dazu bei, dass wichtige Stoffe innerhalb der Nervenzelle an den richtigen Ort transportiert werden.
Damit Tau diese Aufgaben erfüllen kann, wird es im Körper ständig reguliert und auch chemisch verändert. Eine solche Veränderung ist die sogenannte Phosphorylierung. Dabei werden kleine chemische Gruppen, sogenannte Phosphate, an das Tau-Protein angeheftet. Das ist ein normaler biologischer Vorgang.
Problematisch wird es aber dann, wenn Tau zu stark oder an untypischen Stellen phosphoryliert wird. Dann entsteht vermehrt phosphoryliertes Tau, kurz pTau.
Dieses veränderte Tau kann seine eigentliche Aufgabe nicht mehr gut erfüllen. Es löst sich leichter von den Strukturen in der Nervenzelle, die es eigentlich stabilisieren soll, und neigt dazu, sich zusammen zu lagern. Mit der Zeit können dadurch im Gehirn typische Tau-Ablagerungen entstehen, wie sie bei Alzheimer vorkommen.
Wenn sich krankhaft verändertes pTau im Gehirn ausbreitet, wird die Kommunikation zwischen Nervenzellen gestört. Der Zelltransport funktioniert schlechter, Nervenzellen geraten unter Stress und können langfristig zugrunde gehen. Diese Veränderungen hängen eng mit typischen Symptomen zusammen, etwa:
- Gedächtnisproblemen
- Orientierungsstörungen
- Konzentrationsschwierigkeiten
Vereinfacht gesagt: Normales Tau unterstützt die Nervenzelle, krankhaft verändertes pTau belastet sie. Deshalb ist pTau heute einer der spannendsten Biomarker in der Alzheimer-Forschung.
Dass sich pTau inzwischen auch im Blut messen lässt, ist ein großer Fortschritt. Moderne, hochsensitive Testverfahren können selbst sehr kleine Mengen dieses Biomarkers erfassen. Ein erhöhter pTau-Wert im Blut kann darauf hinweisen, dass im Gehirn Prozesse ablaufen, wie sie für Alzheimer typisch sind. Das bedeutet: Der Test liefert Hinweise auf die biologische Seite der Erkrankung.
Wichtig ist aber: Ein Bluttest allein stellt keine endgültige Diagnose. Er ist ein Baustein im Gesamtbild. Entscheidend bleibt immer die Gesamtschau. Dazu gehören unter anderem:
- das ärztliche Gespräch
- die Krankengeschichte
- kognitive Tests
- gegebenenfalls Bildgebung wie ein MRT
Der Bluttest ergänzt die Diagnostik, ersetzt sie aber nicht.
In Deutschland ist die Messung von pTau im Blut bereits möglich. Aktuell kommt sie vor allem in spezialisierten Zentren und in ausgewählten Laboren zum Einsatz. Teilweise wird die Untersuchung bereits als privatärztliche oder IGeL-Leistung angeboten. Für viele Patientinnen und Patienten ist wichtig zu wissen: Die Kosten werden derzeit in der Regel noch nicht von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen.
Vieles spricht dafür, dass blutbasierte Biomarker wie pTau die Alzheimer-Diagnostik in den kommenden Jahren grundlegend verändern werden. Sie könnten dazu beitragen, Betroffene deutlich früher zu erkennen, diagnostische Prozesse gezielter zu steuern und neue, insbesondere frühzeitige Therapien wirksamer einzusetzen.
Hinzu kommt: Die Erkenntnisse von Professor Dr. Dale Bredesen, einem international renommierten Alzheimer-Forscher aus Los Angeles, deuten stark darauf hin, dass Alzheimer in einem sehr frühen Stadium unter bestimmten Voraussetzungen reversibel sein kann.
Gerade deshalb gewinnt eine frühe, möglichst niederschwellige Diagnostik zunehmend an Bedeutung. Ziel muss es sein, Alzheimer künftig nicht mehr als unausweichliche Folge des Alterns zu betrachten, sondern als Erkrankung, der sich frühzeitig begegnen lässt. Oder, um es mit den Worten von Professor Bredesen zu sagen: „Alzheimer’s is optional.“
Angesichts der steigenden Zahl an Erkrankten in Deutschland — insbesondere unter Frauen — ist diese Perspektive von besonderer gesellschaftlicher Relevanz.
Quellen:
Matsuura S, Tagai K, Tatebe H, et al.: Comparison of three plasma p-tau217 assays to detect PET-confirmed Alzheimer's pathologies. Alzheimers Dement (Amst). 2026 Mar 4;18(1):e70294. doi: 10.1002/dad2.70294. PMID: 41788190; PMCID: PMC12959247.
Ashton NJ, Brum WS, et al.: Diagnostic Accuracy of a Plasma Phosphorylated Tau 217 Immunoassay for Alzheimer Disease Pathology. JAMA Neurol. 2024 Mar 1;81(3):255-263. doi: 10.1001/jamaneurol.2023.5319. PMID: 38252443; PMCID: PMC10804282.
Über die Autorin:
"Kyra Kauffmann, Jahrgang 1971, Mutter zweier kleiner Söhne, Volkswirtin, seit 20 Jahren niedergelassene Heilpraktikerin, Buchautorin, Dozentin, Journalistin und seit 3 Jahren begeisterte Medizinstudentin.
Zur Medizin kam ich durch meine eigene schwere Erkrankung mit Anfang 30, bei der mir seinerzeit kein Arzt wirklich helfen konnte. („Ihre Werte sind alle super – es ist alles rein psychisch!“). Hilfe bekam ich von Heilpraktikern, die zunächst einmal eine wirklich gründliche Labordiagnostik durchgeführt haben, ganz nach dem Vorbild von Dr. Ulrich Strunz. Es war eine neue Welt, die sich mir eröffnete und die Erkenntnisse, haben mich sofort fasziniert (ohnehin bin ich ein Zahlen-Daten-Fakten-Fan und habe nicht umsonst das Studium der VWL gewählt). Die Begeisterung war so groß, dass ich meinen alten Beruf an den Nagel hängte und Heilpraktikerin wurde. Meine Praxis führe ich seit 20 Jahren mit großer Begeisterung und bin – natürlich - auf Labordiagnostik spezialisiert und kann so oft vielen Symptomen auf den Grund gehen. In 2 Jahren hoffentlich dann auch als Ärztin.
