Sie haben öfter Kopf- und Rückenschmerzen, leiden unter Dauer-Energie-Flaute, die Neurodermitis plagt und Sie nehmen auch noch zu… Dann haben Sie vermutlich eine neue Vollzeit-Beschäftigung gefunden: Sie pilgern vom Internisten zum Orthopäden, vom Dermatologen zum Allergologen. Jeder vermutet andere Ursachen und verordnet andere Pillen und Therapien... Und dann finden Sie vielleicht eines Tages heraus: Ihnen mangelt es lediglich an bestimmten Nährstoffen, was neben einer falschen Ernährung und zu wenig Muskelaktivität chronische Gebrechen fördert...

Nur wenige Ärzte nehmen sich die Zeit, den Lifestyle ihrer Patienten und persönliche Stressfaktoren zu erfragen oder gar den Status von Mikronährstoffen zu prüfen. Und das führte zu einem neuen Trend in der Medizin, der sowohl in den USA wie auch hierzulande boomt: Die „Root Cause Medicine“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, die eigentlichen Ursachen von Erkrankungen– von Stress bis latente chronische Entzündungen – herauszufinden und gezielt zu therapieren. Ein ausführliches Patienten-Vorgespräch gehört ebenso dazu wie etwa Ernährungs-Therapien.

Dieser Ansatz, Ursachen statt nur Symptome gezielt und individuell zu behandeln, ist schon länger als „Functional Medicine“ oder „Integrative Medizin“ bekannt. Im Gegensatz zur Schulmedizin mit oft unflexiblen Schubladen-Therapien und dem Glauben „Eine Leitlinien-geprüfte Behandlung hilft jedem“ werden dabei Patienten und ihre spezifischen Risiko-oder Triggerfaktoren individuell (aber durchaus mit überprüften Methoden) behandelt. Das amerikanische „Institute for Functional Medicine“ listet mittlerweile ein Netzwerk von 3.100 Arztpraxen auf, die nach diesem Prinzip therapieren; 73 Prozent davon befinden sich in den USA.

Auch die berühmte Cleveland Clinic in Cleveland (Ohio, USA) betreibt mittlerweile ein großes akademisches Medizinzentrum, das „Cleveland Clinic Center for Functional Medicine“, in dem auch klinische Studien durchgeführt werden. Genaue Zahlen für Deutschland gibt es nicht, da es keine Facharztausbildung für Funktionelle Medizin gibt. Auf der Bewertungsplattform Doctify sind derzeit ganze 39 Arztpraxen und Kliniken für diese Art der Ursachen-Medizin zu finden.

Und was bringt dieser Behandlungsansatz? Einer zweijährigen retrospektiven Kohortenstudie der Cleveland Clinic nach, publiziert in JAMA Network Open, erzielt diese Art der individuellen Diagnostik und Behandlung bereits nach sechs Monaten bei Patienten mit chronischen Leiden eine signifikante Verbesserung der Gesundheitsbeschwerden und Lebensqualität – sechs Monate eher als bei der Kontrollgruppe. Für die Studie wurde der Gesundheitszustand von fast 1.600 Patienten, die nach den Prinzipien der funktionellen Medizin behandelt wurden, mit dem von rund 5.700 konventionell therapierten Patienten aus Arztzentren verglichen.


Mein Senf dazu: Klar, dass eine boomende neue Medizin-Variante Kritiker auf den Plan ruft. „Nicht Evidenz-basiert, unbewiesen“, rufen sie. Jedoch werden randomisierte Studien (RCT) bald zeigen, ob die „Ursachen-Medizin“ der bessere Weg ist. Auch eine gute „Schulmedizin“ könnte sicherlich noch mehr Erfolge erzielen, würden ihre Vertreter ihren Patienten und derer Vorgeschichte ebensoviel Zeit widmen, wie es die Vertreter der Integrativen Medizin tun. Generell gilt: Die Ursache einer Krankheit nicht aufzuspüren und nur die Symptome statt die Ursachen zu behandeln, ist in etwa so, als würde man schwarze Schimmelstellen an der Wand einfach weiß übermalen. Scheint erst zu helfen – während sich der Schaden in der Wand unbemerkt vergrößert...




Quellen:

https://naturemed.org/how-natural-doctors-treat-the-root-cause/

Beidelschies M, Alejandro-Rodriguez M, Ji X, Lapin B, Hanaway P, Rothberg MB. Association of the Functional Medicine Model of Care With Patient-Reported Health-Related Quality-of-Life Outcomes. JAMA Netw Open. 2019 Oct 2;2(10):e1914017. doi: 10.1001/jamanetworkopen.2019.14017. PMID: 31651966; PMCID: PMC6822085.

Droz N, Hanaway P, Hyman M, Jin Y, Beidelschies M, Husni ME. The impact of functional medicine on patient-reported outcomes in inflammatory arthritis: A retrospective study. PLoS One. 2020 Oct 8;15(10):e0240416. doi: 10.1371/journal.pone.0240416. PMID: 33031458; PMCID: PMC7544031.