„Ich träume eigentlich nie.“ Diesen Satz höre ich in meiner Praxis ziemlich häufig, wenn ich Patienten im Rahmen des Erstgesprächs nach ihrem Schlaf frage.

Dabei interessiert mich nicht nur, wie lange und wie gut jemand schläft, sondern auch, ob er träumt bzw. ob er sich zumindest kurz nach dem Erwachen an seine Träume erinnern kann. Denn träumen tun wir alle. Besonders während des REM-Schlafs entstehen intensive Traumerlebnisse. Jedoch können sich manche Menschen morgens sehr gut an ihre Träume erinnern, andere praktisch nie.

Schon vor Jahrzehnten beschäftigte sich der amerikanische Psychiater und Biochemiker Carl C. Pfeiffer mit diesem Phänomen. Er vertrat die Auffassung, dass eine fehlende Traumerinnerung ein möglicher Hinweis auf eine unzureichende Versorgung mit Vitamin B6 sein könne. Pfeiffer ging sogar noch weiter: In seinem orthomolekularen Konzept verwendete er das Wiedereinsetzen einer fehlenden Traumerinnerung als eine Art klinischen Hinweis darauf, dass ausreichend Vitamin B6 im Gehirn verfügbar sei. Besonders im Zusammenhang mit der von ihm beschriebenen „Pyrolurie“ – heute häufig als Kryptopyrrolurie oder Hämopyrrollaktamurie bezeichnet – spielte Vitamin B6 eine zentrale Rolle. Hierbei kommt es gehäuft zu einem Vitamin B6-Mangel (zusammen mit Zink-, und Mangandefiziten).

Ganz aus der Luft gegriffen scheint die Verbindung zwischen Vitamin B6 und Traumerinnerung tatsächlich nicht zu sein.

Vitamin B6 – insbesondere seine aktive Form Pyridoxal-5'-phosphat (PLP) – ist Cofaktor zahlreicher enzymatischer Reaktionen. Es ist unter anderem an Stoffwechselwegen beteiligt, die für die Bildung von Neurotransmittern wie Serotonin, Dopamin und GABA relevant sind. Damit gibt es durchaus biologische Mechanismen, über die Vitamin B6 Prozesse im Gehirn, Gedächtnisfunktionen und möglicherweise auch die Erinnerung an Träume beeinflussen könnte.

In einer randomisierten, doppelblinden und placebokontrollierten Studie aus dem Jahr 2018 erhielten 100 Teilnehmer über fünf Tage entweder Vitamin B6, einen Vitamin-B-Komplex oder Placebo. In der B6-Gruppe wurden täglich 240 mg Pyridoxin eingenommen (Hinweise: diese Menge an Vitamin B6 ist sehr hoch und sollte nicht ohne therapeutische Begleitung eingenommen werden!).

Das Ergebnis: Die Teilnehmer unter Vitamin B6 konnten sich morgens an signifikant mehr Trauminhalte erinnern.

Das finde ich spannend. Allerdings beweist die Studie nicht, dass eine fehlende Traumerinnerung automatisch auf einen Vitamin-B6-Mangel hinweist. Aber in meiner Praxis sehe ich häufig den Zusammenhang von fehlenden Träumen und Vitamin B6-Mangel. Selbstverständlich messe ich den Vitamin B6-Spiegel.

Eine einfache Bestimmung von „Vitamin B6“ im Serum ist für die Beurteilung des Vitamin-B6-Status nur eingeschränkt geeignet. Als etablierter direkter Statusmarker wird heute vor allem Pyridoxal-5'-phosphat im Plasma („aktives Vitamin B6“) verwendet. Doch auch dieser bildet nicht zwangsläufig sämtliche funktionellen Veränderungen B6-abhängiger Stoffwechselwege ab. Deshalb können zusätzlich sogenannte funktionelle Marker interessant sein. Der wichtigste ist Cystathionin.

Vitamin B6 wird als Cofaktor für die Cystathionin-γ-Lyase benötigt. Dieses Enzym wandelt Cystathionin im sogenannten Transsulfurationsweg weiter in Richtung Cystein um. Bei einer eingeschränkten Vitamin-B6-Verfügbarkeit nimmt die Aktivität dieses Enzyms ab – und Cystathionin kann ansteigen.

Cystathionin gehört deshalb zu den untersuchten funktionellen Markern des Vitamin-B6-Stoffwechsels.

Bedeutet fehlende Traumerinnerung also immer Vitamin-B6-Mangel? Nicht automatisch, aber nach meiner Erfahrung ziemlich oft.

Wie gut wir uns an unsere Träume erinnern, hängt von vielen Faktoren ab: Schlafdauer, Schlafqualität, Zeitpunkt des Erwachens, nächtliche Wachphasen, Stress, Medikamente und individuelle Unterschiede spielen ebenfalls eine Rolle.

Die Frage nach der Traumerinnerung ist deshalb primär kein diagnostischer Test, sondern allenfalls ein kleines Puzzleteil.

Vielleicht ist meine etwas ungewöhnliche Frage in der Anamnese also auch für Sie, liebe Leserin, lieber Leser, interessant: Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt an einen Traum erinnert?




Quellen:

Adventure-Heart DJ, Madden NA, Delfabbro P. Effects of Vitamin B6 (Pyridoxine) and a B Complex Preparation on Dreaming and Sleep. Percept Mot Skills. 2018 Jun;125(3):451-462. doi: 10.1177/0031512518770326. Epub 2018 Apr 17. PMID: 29665762.


Ebben M, Lequerica A, Spielman A. Effects of pyridoxine on dreaming: a preliminary study. Percept Mot Skills. 2002 Feb;94(1):135-40. doi: 10.2466/pms.2002.94.1.135. PMID: 11883552.