Viele kennen Kreatin als Nahrungsergänzung für Muskelaufbau oder sportliche Leistungsfähigkeit. Doch in den letzten Jahren rückt ein ganz anderer Aspekt immer stärker in den Fokus der Forschung: Kreatin könnte gerade für Menschen mit einer MTHFR-Genvariante interessant sein und zwar deshalb, weil es dem Körper helfen kann, Methylgruppen einzusparen. In der letzten News habe ich dargestellt, dass Wissenschaftler die tägliche Zufuhr von 3-5 g Kreatin empfehlen, vor allem wenn wenig Fleisch oder Fisch gegessen wird oder auch für Menschen über 50 Jahre, um den Muskelerhalt zusammen mit Kraftsport zu unterstützen.
Der Körper stellt Kreatin aus den Aminosäuren Methionin, Glycin und Arginin auch selbst her. Die körpereigene Synthese findet hauptsächlich in Niere und Leber statt und erfolgt in zwei Schritten.
Schritt 1: Bildung von Guanidinoacetat
In der Niere reagieren die beiden Aminosäuren:
- Arginin
- Glycin
miteinander.
Das Enzym AGAT (Arginin-Glycin-Amidinotransferase) überträgt dabei eine Amidino-Gruppe vom Arginin auf Glycin.
Dadurch entstehen:
- Guanidinoacetat (GAA)
- Ornithin
Dieser erste Schritt benötigt noch keine Methylgruppen.
Schritt 2: Die entscheidende Methylierung
Anschließend gelangt Guanidinoacetat in die Leber.
Hier kommt das Enzym Guanidinoacetat-N-Methyltransferase (GAMT) zum Einsatz. Es überträgt eine Methylgruppe auf Guanidinoacetat.
Der Methylgruppenspender dabei ist S-Adenosylmethionin (SAMe).
Erst durch die Methylierung, also durch die Übertragung der Methylgruppe, entsteht das fertige Kreatin. Dabei wird SAMe zu S-Adenosylhomocystein (SAH) umgewandelt, aus dem schließlich Homocystein entsteht.
Kreatin ist einer der größten "Verbraucher" von Methylgruppen. Schätzungen gehen davon aus, dass die körpereigene Kreatinsynthese bis zu 40 % des gesamten Methylgruppenverbrauchs des Körpers ausmachen kann. Damit gehört sie zu den größten Einzelverbrauchern von SAMe überhaupt.
Das bedeutet: Jedes Gramm Kreatin, das der Körper selbst herstellen muss, kostet wertvolle Methylgruppen.
Warum ist das bei MTHFR-Varianten, die bis zu 70 der Bevölkerung haben, interessant?
Das MTHFR-Enzym (Methylen-Tetrahydrofolat-Reduktase) spielt eine zentrale Rolle im Folatstoffwechsel. Ich möchte hier auch auf die wichtige News von Robert Krug vom 09.12.2022 verweisen. MTHFR sorgt dafür, dass ausreichend 5-Methyltetrahydrofolat (5-MTHF) gebildet wird. Dieses aktiviert gemeinsam mit Vitamin B12 die Remethylierung von Homocystein zu Methionin. Aus Methionin entsteht wiederum SAMe. Er ist der der wichtigste Methylgruppenspender des Körpers.
Bei bestimmten MTHFR-Varianten (z. B. C677T oder A1298C) kann die Aktivität des Enzyms deutlich vermindert sein. Dadurch steht unter ungünstigen Bedingungen möglicherweise weniger 5-MTHF zur Verfügung. In der Folge kann auch die Bildung von SAMe eingeschränkt sein. Dies lässt sich im übrigen sehr einfach im Labor mittels Blut- oder Urinproben messen.
Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass jeder Mensch mit einer MTHFR-Variante Beschwerden entwickelt. Entscheidend sind viele weitere Faktoren wie Ernährung, Vitaminversorgung, andere Gene und der individuelle Stoffwechsel. Dennoch kann es sinnvoll sein, einen unnötigen Verbrauch von Methylgruppen möglichst gering zu halten.
Wird Kreatin über Nahrung oder Nahrungsergänzung aufgenommen, muss der Körper entsprechend weniger selbst herstellen.
Die Folge:
- weniger Aktivität des Enzyms AGAT
- weniger Bildung von Guanidinoacetat
- geringerer Bedarf an der anschließenden Methylierung
- geringerer Verbrauch von SAMe
Man spricht deshalb davon, dass Kreatin Methylgruppen "spart" (methyl sparing effect). Die eingesparten Methylgruppen stehen anschließend für viele andere lebenswichtige Prozesse zur Verfügung, unter anderem für:
- Bildung von Neurotransmittern wie Adrenalin und Melatonin
- Abbau von Adrenalin, Dopamin und Noradenalin durch COMT
- Abbau von Östrogenen über COMT
- Abbau von Histamin
- DNA-Methylierung und Genregulation
- Entgiftungsprozesse
- Phospholipid-Synthese für Zellmembranen
- Carnitin-Synthese
- Coenzym-Q10-Stoffwechsel
Gerade Menschen mit einem ohnehin stärker beanspruchten Methylstoffwechsel könnten daher theoretisch von jeder eingesparten Methylgruppe profitieren.
Kreatin ersetzt daher weder eine ausreichende Versorgung mit Folat, Vitamin B12, Vitamin B6 und Riboflavin noch einen insgesamt gesunden Lebensstil. Es kann diesen jedoch sinnvoll ergänzen.
Quelle:
Brosnan JT, da Silva RP, Brosnan ME. The metabolic burden of creatine synthesis. Amino Acids. 2011 May;40(5):1325-31. doi: 10.1007/s00726-011-0853-y. Epub 2011 Mar 9. PMID: 21387089.