Da wird jahrelang geforscht und fleißig aufgeklärt, dass das Immunorgan nur in der Kindheit und Jugend aktiv ist, mit dem Alter schrumpft und seine Funktion fast völlig verliert. Und jetzt stellt sich heraus: Von wegen! Unsere Thymusdrüse kann auch im höheren Alter noch fit wie ein Turnschuh sein, Immunfunktionen schärfen und altersbedingte Krankheitsrisiken reduzieren...
Die Fachwelt steht Kopf. „Was wir glaubten über den Thymus zu wissen könnte falsch sein“, titelte etwa das Medizin(er)-Portal „Medscape“. Was ist passiert? Gleich drei Arbeiten zum unterschätzten Einfluss der Thymusdrüse – zwei aktuelle in „Nature“, eine aus 2023 im „New England Journal of Medicine“, räumten jetzt mit dem Bild eines Immunorgans auf, das im Alter nur noch faul und untätig hinter dem Brustbein lümmelt.
Vielmehr zeigte sich, dass das Organ entgegen der Lehrmeinung auch noch nach der Pubertät und im höheren Alter die Produktion von Lymphozyten fördern, sowie Entzündungen regulieren kann – und nicht, wie bisher geglaubt, diese Funktion verliert. Im Thymus, der Polizeischule des Immunsystems, lernen junge Vorläufer-T-Zellen (Thymozyten), körpereigene und -fremde Strukturen zu unterscheiden; zudem werden dort auch spezielle Killerzellen produziert, die Tumore und Viren angreifen und zerstören können.
Worum geht’s in den neuen Arbeiten? Für die erste Studie in „Nature“, die unter Federführung der Harvard University in Boston (USA) entstand und deren Erstautor der Arzt Simon Bernatz von der Universitätsmedizin Frankfurt ist, wertete ein internationales Forscherteam 27.000 CT-Aufnahmen aus, die im Rahmen zweier großer US-Langzeitstudien entstanden waren. Ergebnis: Im „National Lung Screening Trial (12 Jahre) ging eine gesunde Thymusdrüse mit einer halbierten Gesamtsterblichkeit, einem um 36 Prozent geringeren Lungenkrebsrisiko sowie einer um 63 bis 92 Prozenten gesenkten Wahrscheinlichkeit, an Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu sterben, einher. Auch die noch andauernde “Framingham Heart Study“ bestätigte die geringere Sterblichkeit an Herz-Kreislauf-Krankheiten – unabhängig von Alter, Geschlecht oder Rauchen (!).
Dasselbe Autorenteam untersuchte in einer weiteren Studie anhand der Daten von 3.400 Krebspatienten den Zusammenhang zwischen einer gesunden Thymusdrüse und den Überlebenschancen bei Krebs unter einer Immuntherapie (Checkpoint-Inhibitoren). Dabei wiesen die Probanden mit einer fitten Thymusdrüse deutlich bessere Behandlungsergebnisse auf, etwa bei Lungenkrebs, und Melanomen.
Schon die Studie einer Harvard-Arbeitsgruppe 2023 im New England Journal of Medicine hatte dem Irrglauben, eine Thymusdrüse sei nach der Pubertät fast nutzlos, den Todesstoß versetzt. Darin wurde gezeigt, dass bei Erwachsenen im Laufe von fünf Jahren nach einer Entfernung des Organs im Vergleich zur Kontrollgruppe das Sterblichkeitsrisiko (8,1 vs. 2,8 Prozent), die Wahrscheinlichkeit einer Krebserkrankung (7,4 vs. 3,7 Prozent) und das Risiko für Autoimmunkrankheiten (12,3 vs. 7,9 Prozent) deutlich höher waren. Eine deutliche Immunschwäche (u.a. verminderte Produktion neuer T-Zellen) war bei den Patienten auch noch 14,2 Jahre nach dem Eingriff festzustellen.
Power-Food für die Thymusdrüse sind Zink, die Vitamine C und D sowie Selen: Im Team fördern sie die Bildung von Gedächtniszellen und regen die Fresszellen des Immunsystems an. Zinkmangel kann zudem zu einer Schrumpfung der Drüse, zu einer Störung der T-Zell-Reifung und zur erhöhten Infektanfälligkeit führen.
Quellen:
Bernatz, S., Prudente, V., Pai, S. et al. Thymic health consequences in adults. Nature (2026). https://doi.org/10.1038/s41586-026-10242-y
Bernatz, S., Prudente, V., Pai, S. et al. Thymic health and immunotherapy outcomes in patients with cancer. Nature (2026). https://doi.org/10.1038/s41586-026-10243-x
Kooshesh KA, Foy BH, Sykes DB, Gustafsson K, Scadden DT. Health Consequences of Thymus Removal in Adults. N Engl J Med. 2023 Aug 3;389(5):406-417. doi: 10.1056/NEJMoa2302892. PMID: 37530823; PMCID: PMC10557034.
Reiß J, Ghosh S, Scheid M, Graafen L, Scherenschlich N, Weinhold S, Raba K, Paulusch S, De Dominico E, Pham TXU, Beyer M, Laws HJ, Niehues T, Borkhardt A, Uhrberg M, Bennstein SB. A human NK cell progenitor that originates in the thymus and generates KIR+NKG2A- NK cells. Sci Adv. 2025 Aug 8;11(32):eadv9650. doi: 10.1126/sciadv.adv9650. Epub 2025 Aug 8. PMID: 40779632; PMCID: PMC12333686.