Jetzt im Frühling beginnt wieder die Zeit, in der wir uns mehr draußen aufhalten. Die Tage werden heller, die Luft milder, und plötzlich zieht es einen wieder hinaus in die Natur. Für mich bedeutet das vor allem eines: Die Wander- und Megamarsch-Saison geht wieder los.

Vor einigen Jahren habe ich diese besondere Form des Laufens für mich entdeckt. Seitdem bin ich regelmäßig an Wochenenden viele Stunden am Stück unterwegs und laufe dabei mindestens 50 Kilometer pro Tag. Ich weiß, das klingt für viele im ersten Moment eher abschreckend als einladend. Viele fragen mich, warum man sich so etwas freiwillig antut. Aber wer so etwas einmal selbst erlebt hat, weiß, dass es dabei um viel mehr geht als nur um Kilometer, Ausdauer oder Muskelkraft. Es ist vor allem dieses besondere Gefühl danach – und oft hält es nicht nur ein paar Stunden an, sondern begleitet mich durch die ganze folgende Woche.

Ich fühle mich dann klarer, ruhiger und irgendwie stabiler. Belastbares, was mich vorher gestresst hätte, wirkt plötzlich weniger schwer. Meine Gedanken sortieren sich besser, und ich bin innerlich ausgeglichener. Lange habe ich mich gefragt, woran das eigentlich liegt. Natürlich spielt das Erfolgserlebnis eine Rolle. Aber dahinter steckt auch etwas, das unser Körper ganz wunderbar selbst regulieren kann: der Einfluss von Bewegung auf unsere Botenstoffe, vor allem auf Serotonin.

Serotonin ist unter anderem an unserer Stimmung, unserem Schlaf und unserem allgemeinen Wohlbefinden beteiligt. Wenn dieses System gut funktioniert, fühlen wir uns oft ausgeglichener, emotional stabiler und schlafen besser.

Regelmäßige Bewegung kann genau dabei helfen. Bei den langen Wanderungen verändert sich im Körper einiges. Unter anderem wird die Verfügbarkeit von Tryptophan beeinflusst – einer essenziellen Aminosäure, die der Körper nicht selbst herstellen kann und die als Ausgangsstoff für die Serotoninbildung dient. Tryptophanmängel im Blut sind sehr häufig. Die ausreichende Zufuhr bzw. Einnahme von Tryptophan ist die Grundvoraussetzung, dass der Körper überhaupt Serotonin bilden kann. Aber viele Menschen spüren keinen wirklichen Effekt, wenn sie Tryotphan einnehmen. Das liegt teilweise daran, dass Tryptophan im Blut mit anderen sogenannten „großen neutralen Aminosäuren“ (z. B. Leucin, Isoleucin, Valin) um den Transport über die Blut-Hirn-Schranke konkurriert. Nur wenn ausreichend freies Tryptophan vorhanden ist, kann es ins Gehirn gelangen und dort zu Serotonin weiterverarbeitet werden.

Genau hier setzt Bewegung an: Bei körperlicher Aktivität – insbesondere bei längerer, moderater Ausdauerbelastung – werden vermehrt verzweigtkettige Aminosäuren in der Muskulatur zur Energiegewinnung genutzt. Dadurch sinkt ihre Konzentration im Blut. Tryptophan hingegen bleibt vergleichsweise stabil oder liegt vermehrt in freier, ungebundener Form vor. Das führt dazu, dass sich das Verhältnis zugunsten von Tryptophan verschiebt und somit mehr Tryptophan ins Gehirn transportiert werden kann.

Im Gehirn wird Tryptophan dann in einem mehrstufigen Prozess zu Serotonin umgewandelt. Zunächst entsteht durch das Enzym Tryptophan-Hydroxylase 5-Hydroxytryptophan (5-HTP), das anschließend zu Serotonin weiterverarbeitet wird. Dieser Prozess ist unter anderem abhängig von Sauerstoff, bestimmten Vitaminen, z. B. Vitamin B6.

Das bedeutet: Bewegung erhöht nicht einfach direkt den Serotoninspiegel, sondern verbessert die biochemischen Voraussetzungen für dessen Synthese im Gehirn. Gleichzeitig wird die serotonerge Aktivität durch weitere Mechanismen unterstützt, etwa durch eine veränderte Rezeptorsensitivität und eine bessere neuronale Signalübertragung.

Gerade bei längeren Belastungen – wie Wanderungen oder ausgedehnten Läufen – kann dieser Effekt besonders spürbar werden. Er ist ein wichtiger Baustein dafür, warum sich nach Bewegung häufig ein Gefühl von innerer Ruhe, Stabilität und Zufriedenheit einstellt.

Gleichzeitig werden auch andere Botenstoffe aktiviert, die sich positiv auf unsere Stimmung auswirken. Dazu gehören etwa Dopamin, Noradrenalin und Endorphine. Kein Wunder also, dass wir uns nach Bewegung oft nicht nur körperlich angenehm müde fühlen, sondern auch mental leichter.

Was ich persönlich mindestens genauso spannend finde: Bewegung baut nicht nur Energie ab, sondern auch Stress. Gerade wenn der Alltag voll ist, der Kopf dauernd arbeitet und man sich selbst kaum noch richtig spürt, kann eine lange Wanderung unglaublich viel verändern. Man kommt raus, atmet tiefer, ist im Rhythmus der eigenen Schritte und merkt plötzlich, wie der innere Druck nachlässt.

Dabei muss es natürlich kein Megamarsch sein. Die positive Wirkung beginnt nicht erst bei 50 Kilometern. Auch regelmäßige längere Spaziergänge, eine kleinere Wanderung, lockeres Joggen oder Radfahren können schon viel bewirken. Es geht nicht darum, Extreme zu erreichen, sondern darum, dem Körper regelmäßig Bewegung zu schenken.



Quellen:

Rangel MVDS, Lopes KG, Qin X, Borges JP. Exercise-induced adaptations in the kynurenine pathway: implications for health and disease management. Front Sports Act Living. 2025 Mar 6;7:1535152. doi: 10.3389/fspor.2025.1535152. PMID: 40115437; PMCID: PMC11922725.

Hwang DJ, Koo JH, Kim TK, Jang YC, Hyun AH, Yook JS, Yoon CS, Cho JY. Exercise as an antidepressant: exploring its therapeutic potential. Front Psychiatry. 2023 Sep 12;14:1259711. doi: 10.3389/fpsyt.2023.1259711. PMID: 37772067; PMCID: PMC10523322.