Wir Heilpraktiker wurden jahrzehntelang bestenfalls belächelt, wenn wir mit ärztlichen Kollegen über die Bedeutung des Mikrobioms, über ein Leaky-Gut-Syndrom und über nachhaltige Schäden durch Antibiotika auf den Darm gesprochen haben. Dabei wussten wir um diese Auswirkungen nicht nur aus Erfahrung, sondern auch, weil wir regelmäßig gemessen haben: Darmschleimhautparameter wie Zonulin, Alpha-1-Antitrypsin, ß-Defensin und natürlich auch das Mikrobiom unserer Patienten. Im schlechtesten Fall wurde uns sogar reine Geldmacherei unterstellt.
Umso mehr freut es mich persönlich, dass nun eine große Studie zeigt, welch gravierende Folgen eine Antibiotikatherapie langfristig haben kann. Damit ich nicht missverstanden werde: Selbstverständlich sind Antibiotika oft lebensrettend und in vielen Fällen unverzichtbar. Doch ebenso klar ist, dass sie gerade in der Praxis – etwa in der Kinderheilkunde – noch immer zu häufig ohne eindeutige Indikation eingesetzt werden. Auch der Einsatz der sehr starken Breitband Antibiotika Fluorchinolone erscheint vielerorts nach wie vor zu leichtsinnig.
Eine Antibiose hat nicht nur kurzfristige Effekte, wie z. B. Durchfall oder eine Candida-Infektion (Soor). Immer deutlicher zeigt sich, dass Antibiotika auch langfristige Spuren im menschlichen Körper hinterlassen. Besonders im Fokus steht dabei das Magen- und Darmmikrobiom, also die Gesamtheit der Mikroorganismen im Verdauungstrakt. Dieses erfüllt zahlreiche lebenswichtige Funktionen. Es unterstützt die Verdauung, stärkt das Immunsystem und ist sogar an Stoffwechselprozessen beteiligt. Ein ausgewogenes Mikrobiom gilt als wichtiger Faktor für die Gesundheit. Umgekehrt wird ein Ungleichgewicht – auch Dysbiose genannt – mit verschiedenen Erkrankungen in Verbindung gebracht, darunter Adipositas, Typ-2-Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Antibiotika greifen nicht gezielt nur krankmachende Bakterien an, sondern beeinflussen auch nützliche Mikroorganismen. Eine aktuelle Studie aus Schweden liefert nun deutliche Hinweise darauf, wie nachhaltig diese Veränderungen sein können: Selbst bis zu acht Jahre nach der Einnahme von Antibiotika lassen sich noch deutliche Verschiebungen in der Zusammensetzung der Darmflora nachweisen. Für die Untersuchung analysierten Forschende die Darmflora von knapp 15.000 Erwachsenen aus drei großen Bevölkerungsstudien. Die Daten wurden mit dem schwedischen Verschreibungsregister verknüpft, das detaillierte Informationen über die Einnahme verschreibungspflichtiger Medikamente liefert.
Besonders interessant: Untersucht wurden nicht nur aktuelle Antibiotikatherapien, sondern auch solche, die ein bis acht Jahre zurücklagen. Dabei zeigte sich ein klares Muster: Je kürzer die Antibiotikaeinnahme zurücklag, desto stärker war der Effekt auf das Mikrobiom. Doch auch Jahre später blieben signifikante Veränderungen bestehen.
Ein zentrales Ergebnis der Studie ist die unterschiedliche Wirkung verschiedener Antibiotikaklassen. Während einige Präparate das Mikrobiom nur gering beeinflussen, zeigten andere besonders starke und langanhaltende Effekte.
Vor allem drei Wirkstoffe beziehungsweise Wirkstoffgruppen stachen hervor:
- Clindamycin
- Fluorchinolone
- Flucloxacillin
Diese Antibiotika waren mit den deutlichsten Veränderungen in der bakteriellen Zusammensetzung des Darms verbunden. Selbst vier bis acht Jahre nach der Einnahme war die Häufigkeit von etwa 10 bis 15 Prozent der untersuchten Bakterienarten verändert.
Besonders bemerkenswert war der Einfluss von Flucloxacillin. Dieses Antibiotikum gilt eigentlich als relativ schmal wirksam, zeigte jedoch unerwartet starke Zusammenhänge mit langfristigen Mikrobiomveränderungen. Im Gegensatz dazu hatten andere Antibiotika wie Penicillin V deutlich geringere Auswirkungen auf die Darmflora.
Die Ergebnisse liefern wichtige Impulse für den zukünftigen Umgang mit Antibiotika. Bisher lag der Fokus vor allem auf der Vermeidung von Resistenzen - ein nach wie vor entscheidender Aspekt. Nun kommt ein weiterer hinzu: die langfristige Beeinflussung des Mikrobioms. Wenn zwei Antibiotika gleich wirksam sind, sollte künftig stärker berücksichtigt werden, welches Präparat das Darmmikrobiom weniger belastet, so die Wissenschaftler. Denn was kurzfristig als erfolgreiche Therapie erscheint, kann langfristig Folgen haben, die bislang womöglich unterschätzt wurden.
Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass Antibiotika grundsätzlich vermieden werden sollten, wenn sie medizinisch notwendig sind. Vielmehr geht es um einen verantwortungsvollen, differenzierten Umgang:
- gezielte Verschreibung statt Routineeinsatz
- Auswahl möglichst schonender Wirkstoffe
- Vermeidung unnötiger Therapien
- kritische Prüfung der Indikation, insbesondere bei Kindern
Ein bewussterer Einsatz von Antibiotika kann helfen, langfristige gesundheitliche Schäden zu vermeiden.
Quelle:
Baldanzi G, Larsson A, Sayols-Baixeras S, Dekkers KF, Hammar U, Nguyen D, Graells T, Ahmad S, Gazolla Volpiano C, Meric G, Järhult JD, Tängdén T, Ludvigsson JF, Lind L, Sundström J, Michaëlsson K, Ärnlöv J, Kennedy B, Orho-Melander M, Fall T. Antibiotic use and gut microbiome composition links from individual-level prescription data of 14,979 individuals. Nat Med. 2026 Mar 11. doi: 10.1038/s41591-026-04284-y. Epub ahead of print. PMID: 41814006.