Lese ich soeben. Lächle. Freue mich. Da sind so Fragen, die ich liebe. Denn das Gegenteil … “ich bin immer so müd`, Herr Doktor“ hör ich mir ja Tag für Tag an. Übrigens auch meine Kollegen in Deutschland. Wir hören zu …

… Menschen, die gar nicht am (fröhlich gedachten!) Leben teilnehmen ... können.

Immer und immer wieder betone ich im Gespräch mit Ihnen: Sie wissen doch alles. Sind informiert. Sind intelligent. Können sogar lesen (sogar!). Nur:

Ohne inneren Antrieb, ohne diese Überschuss-Energie, die wir bei Kindern beobachten, nützt Ihnen Ihr Wissen gar nichts. Denn: Sie bleiben sitzen. Werden nicht aktiv.

Und wenn dann jemand, so wie heute in der mail, frägt „… so viel Energie, ich weiß gar nicht wohin damit …“, dann versetze ich mich in die junge Dame hinein. Und freue mich mit ihr. Fühle und verstehe, dass hier GELEBT WIRD.


Vorgeschichte gefällig? Sie ahnen was kommt: Krebserkrankung. Operiert. Ein zweites Mal operiert. Chemotherapie. Hormonbehandlung. Bestrahlung.


Aus der Sicht der Medizin gehört die junge Dame zu den Ärmsten der Armen. Zu den von der schlimmsten Krankheit geschlagenen. Sollte ein verzweifelter Mensch sein. Kraftlos, geschwächt, am Ende. Häufig auch noch – sachlich durchaus richtig – aufgeklärt von meinen Kollegen, den Onkologen in etwa:


„Lebenserwartung wenige Monate …“
„Kümmern Sie sich schon einmal um ihr Testament …“
„Essen Sie ruhig noch einmal alles, was ihnen schmeckt …“


Alles Zitate. Hör ich mir fast täglich an. Die Hoffnungslosigkeit dahinter ... steckt an. Damit meine ich die Hoffnungslosigkeit der Ärzte. Die ja – wohl verstanden, voller Respekt – begründet und fundiert ist.


WEIL SCHULMEDIZIN EBEN NUR DEN SITZENDEN MENSCHEN KENNT.


Gegenüber steht der Mensch, der Experten-Meinung ernst nimmt. Innerlich resigniert. Aufgibt. Bei dieser fürchterlichen Diagnose. Wie so ganz anders die mail von heute. Darf ich?


„Bin mitten in der Bestrahlungs-Therapie ... ich kann wirklich sagen, dass ich noch nie so fit war wie jetzt.


In den letzten 3 Monaten bin ich 505 km gerannt und habe so viel Energie, ich weiß gar nicht wohin damit.


Dank Ihnen bin ich der glücklichste Mensch und sie waren für mich wie ein 6er im Lotto.


Und so typisch, und so entlarvend:


„Übrigens: In der Onkologie hatten sie noch nie so jemanden wie mich. Die kamen aus dem Staunen gar nicht mehr heraus“.


Die letzten zwei Sätze. Die sind’s. Vernichtend, pulverisieren die gesamte Onkologie, wie sie heute in Deutschland gelehrt und praktiziert wird. Ich kann das immer nur wieder – zunehmend verzweifelnd – wiederholen.

Halt. Stopp. Korrigieren Sie bitte den düsteren Gedanken von soeben: Ihren Onkologen aufzuklären, nützt gar nichts. SIE ALLEIN sind verantwortlich. Sie müssen sich mit der Blutanalyse beschäftigen (nicht ihr Onkologe!), SIE müssen gezielt NEMs ergänzen, SIE müssen die Beine in die Hand nehmen.

In der mail finden Sie tatsächlich den Satz: „ ... mein nächstes Ziel ist einen Marathon zu laufen …“

Freilich gibt es solche wachen Patienten selten in der Onkologie. Und freilich staunen dann meine Damen und Herren Kollegen. Alles leicht verständlich.

PS: Dass ich für jemanden ein 6er im Lotto bin ... höre ich erst zum zweiten Mal. Hat mich berührt. Zum ersten Mal hat mich mit dieser Formulierung meine kluge Frau überrascht ... dabei gilt das eigentlich gerade umgekehrt zwischen uns beiden.

Bitte sehen Sie mir diese persönlichen Bemerkungen nach. Nur ... langsam ahnen Sie ja, dass einem manchmal dieses berühmte „Denken im Glück“, wie es mein Sohnemann so beherrscht, auch geschenkt wird.

Danke!