…scheint so selbstverständlich zu sein. Wir legen mehr Wert auf Nahrung, Unterhaltung oder Sport. Wo doch aber das Atmen unsere erste und sogleich letzte Tätigkeit auf dieser Welt ist und sein wird.

Diese besondere Fähigkeit huldigten die Völker der Erde auf ihre eigene Art und Weise. Bereits Jahrtausende vor Christi Geburt zeugen Höhlenmalereien und Skulpturen davon, dass Atemrituale genutzt wurden, um tranceähnliche Zustände herbeizuführen und Jagd- sowie Heilrituale zu begleiten. Auch die Hieroglyphen der Ägypter deuten auf Atemmanöver hin, die einem festen Schema folgend zur „Einatmung des Lebens“ dienten.

In der Antike wurde der Sitz der Seele im Zwerchfell, unserem Atemmuskel, verortet: Das griechische „phrēn“ bezeichnete sowohl das Zwerchfell als auch unseren Geist oder das Gemüt. Auch „pneuma“ bedeutete zunächst Atem oder Hauch und entwickelte sich zum Begriff für Lebenskraft und Seele.

Heute ist klar, dass mit wenigen Minuten bewusstem Atmen einige Symptome von Asthma, COPD, Lungenfibrose oder Schlafapnoe gelindert werden können. Auch und insbesondere in Stresssituationen nimmt die kontrollierte Atmung für den Alltag eine relevante, manchmal rettende, Rolle ein.

Ich kenne die Atmung aus dem Sport im Kontext der Selbstregulation. Routinierte Atemtechniken aktivieren unseren Parasympathikus, senken die Herzfrequenz, den Blutdruck und regulieren die Aktivität übergeordneter Hirnzentren, die ihrerseits Zwangsgedanken, Sorgen und Ängste eindämmen.

Doch es geht auch anders. Wer es mittags nicht aus dem Bürostuhl schafft, darf doch gerne folgendes probieren:

Zehnmal hintereinander in aufrechter Körperhaltung, mit auf den Oberschenkel abgelegten Händen, schnell durch die Nase ein- und explosionsartig mit dem Mund wieder ausatmen. Nun bitte tief einatmen, kurz die Luft anhalten und bewusst den Körper spüren, bevor eine genussvolle Ausatmung folgt. Wiederholen Sie den Zyklus dreimal.

Was am Anfang albern wirkt, macht später einen klaren Kopf und nach einigen Durchläufen auch Spaß. Es bleibt eine der effektivsten Methoden, um den Einklang von Körper und Geist zu koordinieren. Und Ausreden gibt es hier ja nicht, denn: Jeder kann es. Jeder macht es. Rund Fünfhunderttausend Mal im Leben.




Inspiriert von: Marchadier D. Die Kraft der Atmung: Für mehr Gelassenheit, Energie und Lebensqualität. Berlin: Springer; 2025.