Seit über 20 Jahren nehme ich meinen Patienten Blut ab. Das sind tausende Proben, tausende Laborwerte. Calcium im Serum? Gehört zur absoluten Routine. Und wissen Sie, wie oft ich dabei wirklich auffällige Werte gesehen habe? So selten, dass ich sie an zwei Händen abzählen kann. Das klingt beruhigend. Denn genau daraus entsteht ein weit verbreiteter Irrtum: Wenn der Calciumwert im Blut fast immer normal ist, dann kann es doch gar keinen Mangel geben … oder?
Leider ist es nicht so einfach. Ein „normaler“ Serum-Calciumwert ist nämlich kein verlässlicher Beweis dafür, dass Ihr Körper wirklich optimal mit Calcium versorgt ist. Im Gegenteil: Ihr Körper hält diesen Wert mit allen Mitteln stabil und selbst dann, wenn es im Verborgenen längst zu wenig wird. Der Grund liegt in der Physiologie: Der Calciumspiegel im Blut wird extrem eng reguliert. Für viele lebenswichtige Funktionen, z. B. etwa die Muskelkontraktion, Nervenleitung oder Herzrhythmus muss der Wert stabil bleiben. Der Körper hat daher mehrere Regulationsmechanismen, um genau das sicherzustellen. Zentral sind hier das Parathormon der Nebenschilddrüsen, Vitamin D und nicht zuletzt die Nierenfunktion.
Wenn über die Ernährung zu wenig Calcium zugeführt wird, greift der Körper auf seine größte Reserve zurück: den Knochen. Dort sind etwa 99 % des gesamten Körpercalciums gespeichert. Sinkt die Zufuhr über einen längeren Zeitraum hinweg, wird Calcium aus dem Knochen mobilisiert, um den Blutspiegel konstant zu halten. Das bedeutet: Der Laborwert sieht völlig unauffällig aus, während im Hintergrund bereits ein Abbauprozess stattfinden kann. Genau deshalb ist das Serum-Calcium kein geeigneter Marker für die Beurteilung der Calciumversorgung oder der Knochengesundheit. Immer wieder taucht in diesem Zusammenhang die Frage auf, ob eine Vollblut-Mineralanalyse hier bessere Informationen liefern kann. Die Antwort ist klar: nein. Auch wenn Vollblut zusätzlich intrazelluläre Anteile erfasst, ändert das nichts am grundlegenden Problem. Die entscheidende Größe bleibt der Knochen, und dieser wird weder im Serum noch im Vollblut direkt abgebildet.
Viele gehen fälschlicherweise auch davon aus, dass ein optimaler Vitamin-D-Spiegel automatisch eine ausreichende Calciumversorgung sicherstellt. Tatsächlich übernimmt Vitamin D jedoch vor allem eine unterstützende Rolle, indem es die Aufnahme von Calcium im Körper verbessert. Ohne eine ausreichende Calciumzufuhr über die Ernährung kann selbst ein optimaler Vitamin-D-Spiegel diesen Mangel nicht ausgleichen. Für eine gute Knochengesundheit ist daher immer das Zusammenspiel beider Nährstoffe entscheidend.
Ein wichtiger Mitspieler beim Calcium-Gleichgewicht ist das Parathormon. Es wird in den Nebenschilddrüsen gebildet und hat eine zentrale Aufgabe: Es hält den Calciumspiegel im Blut konstant.
Sinkt der Calciumspiegel im Blut, greift der Körper sofort ein:
- Parathormon wird ausgeschüttet
- Calcium wird aus den Knochen freigesetzt
- Die Aufnahme von Calcium im Darm wird gesteigert (indirekt über Vitamin D)
- Die Ausscheidung über die Nieren wird reduziert
Der Blutwert bleibt stabil, oft selbst dann, wenn die Zufuhr eigentlich zu niedrig ist.
Wenn der Körper dauerhaft zu wenig Calcium bekommt, hilft sich das System, indem es auf die „Reserven“ zurückgreift, nämlich unsere Knochen. Parathormon wirkt dann wie ein stiller Manager im Hintergrund, der das Gleichgewicht im Blut aufrechterhält, während die Knochensubstanz langsam abnimmt. Ihr Körper tut alles dafür, dass Ihr Calcium-Blutwert stimmt, denn lebensnotwendige Prozesse hängen von ihm ab.
Für Patienten (aber auch Therapeuten) ist diese Erkenntnis oft überraschend. Viele gehen davon aus, dass „alles in Ordnung“ ist, wenn die Blutwerte unauffällig sind. Im Fall von Calcium ist diese Sicherheit jedoch trügerisch.
In der nächsten Ausgabe geht es um den tatsächlichen Calciumbedarf und darum, welche Quellen wirklich sinnvoll sind.
Quelle:
Drake TM, Gupta V. Calcium. [Updated 2024 Jan 8]. In: StatPearls [Internet]. Treasure Island (FL): StatPearls Publishing; 2026 Jan-. Available from: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK557683/