Die 25-OH-/1,25-(OH)₂-Vitamin-D-Ratio – ein Beweis für eine „Vitamin-D-Rezeptor-Blockade“?
In einigen alternativmedizinischen Konzepten wird die Kombination aus niedrigem 25-Hydroxy-Vitamin D (25-OH-D) und erhöhtem 1,25-Dihydroxy-Vitamin D (1,25-(OH)₂-D, Calcitriol) als Hinweis auf eine sogenannte Vitamin-D-Rezeptor-Blockade (VDR-Blockade) interpretiert. Teilweise wird daraus sogar eine eigenständige Diagnose oder die Rechtfertigung spezieller Therapieprotokolle abgeleitet. Besonders häufig wird dabei eine „auffällige Ratio“ zwischen diesen beiden Laborwerten herangezogen. Dies möchte ich in der heutigen News näher ausführen.
Damit Sie dem heutigen Thema gut folgen können, ist ein Grundverständnis des zellulären Vitamin-D-Rezeptors wichtig. Schauen Sie daher gern auch noch einmal in die letzte News-Ausgabe.
Bekanntermaßen ist 25-OH-Vitamin D die Speicher- und Transportform von Vitamin D und der etablierte Marker zur Beurteilung des Vitamin-D-Status. Er spiegelt die Zufuhr über Sonne, Supplemente, Ernährung sowie die körpereigenen Reserven.
1,25-(OH)₂-Vitamin D hingegen ist die aktive Hormonform, deren Konzentration im Blut eng reguliert wird vor allem durch Parathormon (PTH), Calcium- und Phosphatspiegel sowie die Nierenfunktion. Der Körper kann die Bildung von 1,25-(OH)₂-D auch bei niedrigen 25-OH-D-Spiegeln gezielt steigern.
Was bedeutet eine erhöhte Ratio, also ein in Relation erhöhter Wert von 1,25-(OH)₂-D bei niedrigem 25-OH?
Die häufigste Erklärung für diese Konstellation ist ein sekundärer Hyperparathyreoidismus: Sinkt der 25-OH-D-Spiegel, kann der Calciumhaushalt gefährdet sein. Als Gegenreaktion steigt das Parathormon an, welches die Umwandlung von 25-OH-D in 1,25-(OH)₂-D stimuliert. Das ist eine physiologische Anpassung, keine Fehlfunktion und kein Beweis für eine blockierte Rezeptorwirkung am Zellkern.
Weitere bekannte Ursachen für erhöhte 1,25-(OH)₂-D-Spiegel sind unter anderem granulomatöse Erkrankungen wie Sarkoidose, bestimmte Lymphome sowie nephrologische Erkrankungen. Auch hier handelt es sich um gut beschriebene pathophysiologische Mechanismen und nicht um die häufig postulierte „VDR-Blockade“.
Die zentrale Annahme hinter der 25-OH-/1,25-(OH)₂-Ratio lautet: Wenn viel aktives Vitamin D im Blut vorhanden ist, die angebliche Wirkung aber ausbleibt, müsse der Rezeptor blockiert sein. Diese Schlussfolgerung greift jedoch zu kurz.
Die Vitamin-D-Rezeptor-Aktivität lässt sich nicht aus zwei Serumwerten ableiten. Die Wirkung von Vitamin D in der Zelle hängt von zahlreichen Faktoren ab: Gewebespezifischer Rezeptorexpression, intrazellulärer Verfügbarkeit, Co-Regulatoren, Entzündungsmediatoren und genetischen Variationen, wie in der letzten News beschrieben. Ein erhöhter Serum-Calcitriolspiegel sagt nichts darüber aus, wie effektiv Vitamin-D-Signalwege in einzelnen Zellen tatsächlich ablaufen.
Bis heute existieren keine validierten Referenzbereiche, keine Studien und keine klinischen Leitlinien, die eine bestimmte 25-OH-/1,25-(OH)₂-Ratio als diagnostischen Marker für eine Rezeptorblockade anerkennen.
Hinzu kommt, dass 1,25-(OH)₂-Vitamin D in sehr niedrigen Konzentrationen vorliegt und analytisch anspruchsvoll zu messen ist. Unterschiedliche Labormethoden können relevante Abweichungen erzeugen. Starre Grenzwerte oder feste Ratio-Modelle ignorieren diese Unsicherheiten und erhöhen das Risiko von Fehlinterpretationen.
Deswegen empfehlen zahlreiche Fachgesellschaften, 1,25-(OH)₂-Vitamin D nicht routinemäßig, sondern nur bei klarer klinischer Fragestellung zu bestimmen – etwa bei Störungen des Calcium-Haushaltes, fortgeschrittener Niereninsuffizienz oder Verdacht auf granulomatöse Erkrankungen, wie Sarkoidose oder auch Tuberkulose.
Die 25-OH-/1,25-(OH)₂-Vitamin-D-Ratio ist kein diagnostisch abgesicherter Marker für eine Vitamin-D-Rezeptor-Blockade. Die häufig zitierte Konstellation „25-OH niedrig, 1,25-(OH)₂ hoch“ lässt sich in den meisten Fällen durch bekannte Regulationsmechanismen erklären. Eine Überinterpretation dieser Laborwerte kann zu unnötiger Verunsicherung und problematischen Therapieentscheidungen führen.
Eine fundierte Beurteilung des Vitamin-D-Stoffwechsels erfordert stets den klinischen Kontext, zusätzliche Laborparameter inkl. der Genetik und nicht die isolierte Betrachtung einer vermeintlich aussagekräftigen Ratio.
Quellen:
Muhittin Abdulkadir Serdar, Fatma Demet Arslan*, Neslihan Yıldırım Saral and Doğan Yüce: Correlation between serum 1,25-dihydroxyvitamin D and 25-hydroxyvitamin D in response to analytical procedures; a systematic review and meta-analysis, https://doi.org/10.1515/tjb-2023-0258, publishes May 13th, 2024
Jin Z, Bertholf RL, Yi X. Advances and challenges in the measurement of 1,25-dihydroxyvitamin D: a comprehensive review. Crit Rev Clin Lab Sci. 2023 Nov;60(7):535-548. doi: 10.1080/10408363.2023.2212765. Epub 2023 Jun 5. PMID: 37272827.
Über die Autorin:
"Kyra Kauffmann, Jahrgang 1971, Mutter zweier kleiner Söhne, Volkswirtin, seit 20 Jahren niedergelassene Heilpraktikerin, Buchautorin, Dozentin, Journalistin und seit 3 Jahren begeisterte Medizinstudentin.
Zur Medizin kam ich durch meine eigene schwere Erkrankung mit Anfang 30, bei der mir seinerzeit kein Arzt wirklich helfen konnte. („Ihre Werte sind alle super – es ist alles rein psychisch!“). Hilfe bekam ich von Heilpraktikern, die zunächst einmal eine wirklich gründliche Labordiagnostik durchgeführt haben, ganz nach dem Vorbild von Dr. Ulrich Strunz. Es war eine neue Welt, die sich mir eröffnete und die Erkenntnisse, haben mich sofort fasziniert (ohnehin bin ich ein Zahlen-Daten-Fakten-Fan und habe nicht umsonst das Studium der VWL gewählt). Die Begeisterung war so groß, dass ich meinen alten Beruf an den Nagel hängte und Heilpraktikerin wurde. Meine Praxis führe ich seit 20 Jahren mit großer Begeisterung und bin – natürlich - auf Labordiagnostik spezialisiert und kann so oft vielen Symptomen auf den Grund gehen. In 2 Jahren hoffentlich dann auch als Ärztin.
