Die Abnehmspritze ist und bleibt in aller Munde. Zu Recht? Nun, teilweise.
Denn bei aller berechtigten Diskussion über Nebenwirkungen und Indikationsstellungen sollten wir eines nicht vergessen: Adipositas, eines der wesentlichen Anwendungsgebiete der Spritze, ist eine chronische Erkrankung. Und ihre Behandlung ist häufig komplizierter, als wir glauben.
Sie müssen eingangs verstehen, dass unser Körper träge ist. Er will bei seinem Gewicht bleiben. Verlieren wir einige Kilogramm, sinkt unser Energieverbrauch, Hunger- und Sättigungssignale passen sich entsprechend an. Der Appetit steigt, während der Körper versucht, seine verlorenen Energiereserven wiederherzustellen. Dieser wochenlange Prozess endet im Übergewicht und hinterlässt Veränderungen, die nur schwerlich allein mit Disziplin beantwortet werden können.
Genau hier setzen GLP-1-Rezeptoragonisten, also die „Abnehmspritze“ an. Sie verstärken unter anderem das Sättigungsgefühl und erleichtern dadurch eine reduzierte Energieaufnahme.
Das heißt natürlich nicht: Spritzen statt bewegen.
Denn entscheidend ist es, wie die Therapie begleitet wird. Ein kompetenter Behandler verschreibt nicht einfach ein Medikament und verabschiedet sich. Er prüft sorgfältig die Indikation zur Therapie und kümmert sich nebenbei um Empfehlungen und Sicherstellung einer ausreichende Proteinzufuhr, regelmäßigem Krafttraining, Bewegung im Alltag, einer langfristige Ernährungsumstellung und der regelmäßigen Überprüfung des Behandlungserfolgs.
Was Promis möglicherweise als schnelle Abkürzung zur Filmfigur ausnutzen, ist trotzdem immer noch ein Eingriff in die Biochemie des Menschen. Eine solche Therapie sollte, wie jede andere auch, mit entsprechender Sorgfalt behandelt werden. Dazu gehört beispielsweise das Abwägen von Nebenwirkungen, Behandlungsrisiken und die mögliche erneute Gewichtszunahme nach dem Absetzen.
Bleibt am Ende folgendes offen: Ja, die Abnehmspritze ersetzt keine Eigenverantwortung. Aber sie kann (zum Beispiel) Menschen mit Adipositas dabei unterstützen, diese zurückzugewinnen. Wer die Adipositas als Erkrankung akzeptiert und die Abnehmspritze im Individualfall nach ausgeschöpfter konservativer Therapieverfahren nutzt, um dem Menschen zu helfen, ihn an die Hand zu nehmen und auf „den richtigen Pfad“ zu bringen, darf nicht verurteilt werden. Die Abnehmspritze ist somit auch eine Chance. Eine Chance, den Teufelskreis aus Übergewicht, biologischer Gegenregulation und wiederholten Rückschlägen zu durchbrechen – und den Grundstein für einen langfristig gesünderen Lebensstil zu legen. Dies wird aber nur gelingen, wenn eine fachkundliche Betreuung regelmäßig gewährleistet ist. Und genau hier liegt das eigentliche Problem.