Einmal in die Kamera gucken. Freigeschalten.
Zweimal wischen. Einmal gezielt tippen. Die App öffnet sich.
Richtig erkannt, auch Sie haben es: Die intuitiv einprogrammierte Bewegung des Daumens zur gewünschten App – egal ob Instagram, WhatsApp, TikTok, YouTube, X, ein Spiel oder das Mail-Programm. Machen Sie sich mal den Spaß und verschieben Sie Ihre meistgenutzten SocialMedia Apps an eine ganz andere Stelle auf Ihrem Menü. Sie werden sich erschrecken.
So weit, so dramatisch. Wir lernen: der Mensch ist wahrhaftig primitiv. Er nimmt sein Smartphone als eine Art „emotionaler Begleiter“ wahr. Durch die wirtschaftlich orientierten Appanwendungen wird unsere Aufmerksamkeit verkauft.
Die Transformation hat stattgefunden: Die Apps (1) …
- Aktivieren soziale Bewertungsnetzwerke im Gehirn durch Push-Benachrichtigungen, Likes und Kommentare
- Zeigen uns Videos im Ultra-Kurzformat, sodass permanent neue Reize entstehen
- Personalisieren Inhalte algorithmisch auf unsere individuellen Schwächen, Interessen und Emotionen
- Nutzen soziale Rückkopplungsschleifen, damit wir ständig nach Bestätigung suchen
- Erzeugen durch „Pull-to-Refresh“ dieselbe Erwartungsspannung wie ein Glücksspielautomat: Erst nach mehreren Aktualisierungen erscheint etwas wirklich Interessantes
- Konditionieren unser Belohnungssystem auf schnelle und kurzfristige Reize
- Trainieren unser Gehirn auf ständigen Reizwechsel statt auf tiefe Konzentration
- Erzeugen Verlustangst durch Mechanismen wie Streaks, ungelesene Nachrichten oder Aktivitätsanzeigen
- Bauen sozialen Druck durch Lesebestätigungen, Online-Status und Tippanzeigen auf
- Belohnen impulsives Verhalten schneller als langfristige Zielverfolgung
- Fragmentieren Aufmerksamkeit durch permanente Unterbrechungen und Benachrichtigungen
Jaja, ich weiß. Das klingt erst einmal dick aufgetragen. Vor allem dann, wenn Sie sich selbst ertappt fühlen. Aber wir sind nun mal nicht perfekt. Unser Gehirn ist anfällig auf Suchtverhalten. Wir versinken im virtuellen Ozean.
Die gute Nachricht dabei: Wer endlich nichtmehr „24 Stunden pro Woche atemlos“ im Netz rumhängen will, kann zuerst einmal den „soften“ Weg wählen. So hilft beispielsweise die App OneSec dabei, impulsiven Social-Media-Konsum durch eine kurze Atem- und Unterbrechungsintervention vor dem Öffnen von Apps zu durchbrechen. Mit dem Ergebnis, dass Nutzer in einer Studie des Max-Planck Instituts ihre Ziel-Apps nach sechs Wochen insgesamt 57 % seltener öffneten und 36 % aller Öffnungsversuche bewusst abbrachen (2). Ohne jegliche Zuwendung durch die Hersteller kann ich Ihnen aus Erfahrung sagen: ja, es wirkt. Ich bin gespannt, ob Sie bis zur nächsten News durchhalten. Warten lohnt sich.
Quellen:
Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN). S1-Leitlinie Diagnostik und Therapie von Internetnutzungsstörungen. AWMF-Registernummer 076-011. Version Juni 2025. Berlin: AWMF; 2025. Verfügbar unter: https://register.awmf.org/assets/guidelines/076-011l_S1_Diagnostik-Therapie-Internetnutzungstoerungen_2025-06.pdf
Grüning DJ, Riedel F, Lorenz-Spreen P. Directing smartphone use through the self-nudge app one sec. Proc Natl Acad Sci U S A. 2023;120(8):e2213114120. doi:10.1073/pnas.2213114120.