Fünf Kilo weniger auf der Waage, die Hose sitzt lockerer. Ein Erfolg, keine Frage. Für ein langes, gesundes Leben zählt aber noch etwas anderes: Wie viel Kraft behalten Sie, während die Kilos verschwinden?
Rund um GLP-1-Medikamente kursiert eine beunruhigende Zahl. Bis zu 40 Prozent des verlorenen Gewichts sollen Muskeln sein. Die Zahl stammt aus Messungen der Körperzusammensetzung, und als "Muskelverlust" gelesen führt sie in die Irre. Ein genauerer Blick lohnt sich.
Was die Studien tatsächlich messen
Eine Auswertung von 22 randomisierten Studien mit zusammen 2.258 Teilnehmenden ergab, dass etwa ein Viertel des Gewichtsverlusts unter GLP-1-basierten Therapien auf fettfreie Masse entfiel. In einer Teilstudie von STEP-1 (Semaglutid) lag der Anteil bei rund 40 Prozent. Für Tirzepatid, das zusätzlich am GIP-Rezeptor ansetzt, kam eine Teilstudie von SURMOUNT-1 auf etwa 26 Prozent. Einen direkten Vergleich der Medikamente liefern diese Studien nicht.
Fettfreie Masse ist mehr als Muskel. Dazu gehören auch Wasser, Organe und anderes Gewebe ohne Fett. Wer fettfreie Masse verliert, verliert also nicht automatisch nur Muskeln.
Dazu kommt ein zweites Missverständnis. 40 Prozent heißt nicht, dass 40 Prozent Ihrer Muskeln verschwinden. Gemeint sind 40 Prozent des Gewichts, das Sie abgenommen haben. Bei zehn Kilo weniger wären das vier Kilo fettfreie Masse, und davon ist nur ein Teil Muskel.
Für gesundes Altern zählt die Kraft
Wenn Gewicht verloren geht, kann auch Muskelgewebe abnehmen. Das verdient besonders dann Aufmerksamkeit, wenn Sie bereits wenig Muskelreserve haben, sich kaum bewegen oder wegen fehlenden Appetits zu wenig essen. Ein niedrigerer Wert für fettfreie Masse allein sagt noch nicht, ob Ihre Muskeln ihre Aufgabe schlechter erfüllen.
Sarkopenie ist eine Erkrankung der Muskulatur. Nach dem europäischen Fachkonsens ist geringe Muskelkraft das wichtigste erste Warnzeichen. Eine zusätzlich niedrige Muskelmenge oder Muskelqualität bestätigen die Diagnose. Deshalb prüfen Fachleute neben der Körperzusammensetzung auch, wie kräftig jemand zugreift oder wie gut das Aufstehen vom Stuhl gelingt. Die Gehfähigkeit hilft, die Schwere einer bestehenden Sarkopenie einzuordnen.
Die Waage erfasst diese Fähigkeiten nicht. Achten Sie während der Gewichtsabnahme deshalb auch darauf, ob alltägliche Bewegungen und Ihre gewohnten Kraftübungen leichter oder schwerer werden. Ob GLP-1-Medikamente das Risiko für eine neu auftretende Sarkopenie erhöhen, lässt sich aus den bisherigen Studien nicht zuverlässig beziffern. Gerade für ältere und gebrechliche Menschen fehlen dafür ausreichende Langzeitdaten zu Kraft und Funktion.
Muskelerhalt von Anfang an einplanen
Vier medizinische Fachgesellschaften empfehlen, eine GLP-1-Behandlung mit ausreichender Ernährung und strukturiertem Krafttraining zu begleiten. Mehr Protein allein schützt die Muskeln vermutlich nicht. Sie brauchen auch Belastung.
Für Ihren Alltag heißt das:
- Trainieren Sie regelmäßig Ihre großen Muskelgruppen, soweit es Ihre Verfassung erlaubt. Am Anfang kann ein Trainer helfen.
- Essen Sie genug Protein, auch wenn die Portionen kleiner werden. Wie viel Sie brauchen, klären Sie am besten mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt und einer Ernährungsberatung.
- Achten Sie auf Ihre Kraft, nicht nur auf das Gewicht. Fallen Treppensteigen, Aufstehen oder Ihre gewohnten Trainingsgewichte leichter oder schwerer? Lässt die Leistung deutlich nach, sprechen Sie mit Ihrem Arzt.
Der Gewichtsverlust soll Ihnen ein langes, aktives Leben ermöglichen. Deshalb gehört der Erhalt Ihrer Kraft von Anfang an zu den Zielen der Behandlung.
Referenzen
- Karakasis P, Patoulias D, Fragakis N, Mantzoros CS. (2025). Effect of glucagon-like peptide-1 receptor agonists and co-agonists on body composition: Systematic review and network meta-analysis. Metabolism, 164, 156113. DOI: 10.1016/j.metabol.2024.156113. Was gezeigt wurde: Die Auswertung von 22 randomisierten Studien ergab: Unter GLP-1-basierten Medikamenten nahm vor allem die Fettmasse ab, aber auch die fettfreie Masse. Letztere machte im Mittel etwa ein Viertel des verlorenen Gewichts aus. Fettfreie Masse ist nicht gleichbedeutend mit Muskelmasse.
- Look M, Dunn JP, Kushner RF, et al. (2025). Body composition changes during weight reduction with tirzepatide in the SURMOUNT-1 study of adults with obesity or overweight. Diabetes, Obesity and Metabolism, 27(5), 2720–2729. DOI: 10.1111/dom.16275. Was gezeigt wurde: In der Körperzusammensetzungs-Teilstudie entfielen nach 72 Wochen Tirzepatid rund 75 Prozent der Gewichtsabnahme auf Fettmasse und 25 Prozent auf fettfreie Masse. Die Autoren besprechen auch veröffentlichte STEP-1-Daten zu Semaglutid; das ist ein Vergleich zweier getrennter Studien, kein direkter Medikamentenvergleich.
- Cruz-Jentoft AJ, Bahat G, Bauer J, et al. (2019). Sarcopenia: revised European consensus on definition and diagnosis. Age and Ageing, 48(1), 16–31. DOI: 10.1093/ageing/afy169. Was die Veröffentlichung festlegt: Für den Verdacht auf Sarkopenie steht geringe Muskelkraft im Vordergrund. Eine geringe Muskelmenge oder -qualität bestätigt die Diagnose; eingeschränkte körperliche Leistungsfähigkeit weist auf eine schwere Ausprägung hin. Das Papier untersucht keine GLP-1-Therapie.
- Mozaffarian D, Agarwal M, Aggarwal M, et al. (2025). Nutritional priorities to support GLP-1 therapy for obesity: A joint advisory from the American College of Lifestyle Medicine, the American Society for Nutrition, the Obesity Medicine Association, and the Obesity Society. Obesity Pillars, 15, 100181. DOI: 10.1016/j.obpill.2025.100181. Was empfohlen wird: Die gemeinsame Fachgesellschafts-Empfehlung rät, eine GLP-1-Behandlung mit ausreichender Nährstoff- und Proteinzufuhr, regelmäßigem Krafttraining sowie der Beobachtung von Muskelkraft und Funktion zu begleiten. Sie ist eine Einordnung vorhandener Evidenz, keine eigene Interventionsstudie.