Wer körperlich eingeschränkt ist, bewegt sich automatisch weniger? Nun, so einfach scheint es nicht zu sein.
Mit einem kleinen Team durfte ich im Rahmen meiner Doktorarbeit am Universitätsklinikum Leipzig zur körperlichen Aktivität bei Patienten mit Rheumatoider Arthritis oder Systemischen Lupus Erythematosus forschen. Dass dieses Forschungsgebiet zunehmend Aufmerksamkeit erhält, zeigt auch ein Bericht des Deutschen Ärzteblatts über meine Arbeit (2).
Das Thema erlangt seit einigen Jahren Aufwind, denn durch körperliche Aktivität, oder sagen wir „Bewegung“ dazu, können Betroffene…
- … chronische Entzündungsprozesse günstig beeinflussen und möglicherweise die Krankheitsaktivität reduzieren.
- … ihre körperliche Leistungsfähigkeit, Muskelkraft und Ausdauer verbessern.
- … ihr erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen senken.
- … Schmerzen und krankheitsbedingte Erschöpfung (Fatigue) lindern.
- … depressive Symptome reduzieren und ihre psychische Gesundheit stärken.
- … ihre Beweglichkeit und Selbstständigkeit im Alltag länger erhalten.
- … ihre Lebensqualität verbessern und trotz chronischer Erkrankung aktiver am gesellschaftlichen Leben teilnehmen.
Auf Basis dieser Erkenntnisse wollten wir wissen, wie viel sich Betroffene tatsächlich bewegen und welche körperlichen, psychischen und krankheitsbedingten Faktoren darüber entscheiden, ob ein Mensch körperlich aktiv ist oder nicht. Wir untersuchten 294 Betroffene und charakterisierten die einzelnen Krankheitsgruppen nach spezifischen Merkmalen, gefolgt von einer statistischen Analyse der Messungen.
Nun aber zum spannenden Teil, den Ergebnissen: Was entscheidet eigentlich darüber, wie viel sich ein chronisch kranker Mensch bewegt? Die körperliche Leistungsfähigkeit? Die Krankheitsaktivität? Schmerzen? Oder vielleicht sogar psychische Faktoren?
Das Ergebnis: Die körperlich stärker eingeschränkten Rheuma-Patienten (Rheumatoide Arthritis) waren im objektiven Leistungstest rund 23% schlechter als die Lupus-Patienten (Systemischer Lupus Erythematosus).
Hm… Unspektakulär oder? Zu erwarten? Ja.
Aber: Die Arthritis-Patienten gaben paradoxerweise an, sich im Alltag deutlich mehr zu bewegen als die Lupus-Patienten. Während bei den Arthritis-Patienten nur 14 % als wenig aktiv eingestuft wurden, waren es bei den Lupus-Patienten ganze 41 %. Wie leistungsfähig jemand körperlich ist und wie viel er sich tatsächlich bewegt, sind also offenbar zwei verschiedene Dinge.
Noch interessanter wurde es bei der Suche nach möglichen Einflussfaktoren. Bei rheumatoider Arthritis erwies sich insbesondere das zusätzliche Vorliegen einer Fibromyalgie, eines chronischen Schmerzsyndroms, als deutlich mit geringerer körperlicher Aktivität verbunden. Bei Lupus hingegen ließ sich kein einzelner unabhängiger Einflussfaktor statistisch eindeutig identifizieren. Vielmehr deuteten die Ergebnisse auf ein komplexes Zusammenspiel körperlicher und psychischer Faktoren hin.
Was lernen wir daraus? Letztendlich das, was Ihnen Ihr Bauchgefühl schon immer bestätigt: Bewegung ist weit mehr als eine Frage der körperlichen Leistungsfähigkeit. Wer sich wenig bewegt, muss nicht zwangsläufig körperlich besonders eingeschränkt sein. Schmerzen, Erschöpfung und psychische Belastungen können ebenfalls eine wichtige Rolle spielen.
Unsere Ergebnisse zeigen deshalb, wie wichtig es ist, Menschen individuell zu betrachten, anstatt ihnen pauschal mehr Sport zu empfehlen. Gerade bei chronischen Erkrankungen müssen wir verstehen, welche Hindernisse körperlicher Aktivität tatsächlich im Weg stehen.
Es ist paradox: Ich habe mich bislang einen Großteil meines Lebens auf das Motto „Höher, schneller, weiter“ spezialisiert, habe fanatisch an mir gearbeitet. Für mich gab es niemals Ruhe, nie eine Pause – bis die Verletzungen kamen. Bis dahin habe ich Menschen nicht verstanden, die Bewegung verschmähen. Und dann, dann musste ich verstehen. Verstehen, dass der Zugang zu Bewegung ein Individueller ist. Aus den Verletzungen heraus war es oftmals ein kleinschrittiger Prozess, um wieder zurückzufinden. Individuell, mühsam und auch nicht immer mit Freude verbunden. Doch ist es irgendwann geschafft, und das verspreche ich Ihnen, wird die Belohnung für die Mühen nicht lange auf sich warten lassen. Und hier setzt auch das Ergebnis unserer Studie wunderbar an. Betroffene sollten zuerst mit ihrem Therapeuten evaluieren, was genau sie von Bewegung abhält, um im Anschluss gezielt zu intervenieren. Es bleibt dabei ein Faktum, dass Bewegung eine der wirksamsten, wenn nicht sogar DIE wirksamste Möglichkeit ist, unsere Gesundheit selbst in die Hand zu nehmen – doch der Weg dorthin ist so individuell wie der Mensch, der ihn geht.
Quellen:
- Mörstedt J, Lipovsky L, Graul B, Seifert O. Disease-Specific Associations of Physical Activity in Patients with Rheumatoid Arthritis and Systemic Lupus Erythematosus. Neuroimmunomodulation. 2026;33(1):338-448. doi: 10.1159/nim/adxag003. Epub 2026 Sep 5. PMID: 42700434.
- https://www.aerzteblatt.de/news/rheumatoide-arthritis-betroffene-trotz-starkerer-einschrankung-aktiver-als-menschen-mit-sle-483e98d7-7961-47b3-a440-39c9ef82d0e0