Vitamin D – der „Cousin“ von Östradiol, der das hormonelle Gleichgewicht stabilisiert
Wenn wir „Vitamin D“ hören, denken viele noch immer an ein klassisches Vitamin: etwas, das man über die Ernährung aufnimmt und das vor allem Knochen und Immunsystem unterstützt. Aber die Wahrheit ist: Vitamin D ist weit mehr als das.
In der letzten Ausgabe habe ich bereits erklärt, warum Vitamin D streng genommen gar kein Vitamin ist, sondern ein Hormon. Genauer gesagt ein Steroidhormon und damit ein überraschend enger Verwandter unserer Sexualhormone. Und hier wird es richtig spannend: Vitamin D rückt nicht nur biochemisch, sondern auch in seiner Wirkung erstaunlich nah an Östradiol heran, ohne selbst ein Sexualhormon zu sein. Das ist wie ein stiller Mitspieler im hormonellen Orchester, der viel mehr beeinflusst, als wir lange gedacht haben.
Vitamin D entsteht – ähnlich wie Steroidhormone – aus Cholesterin. Es ist fettlöslich, wird im Körper aktiviert und arbeitet dann nicht wie ein einfacher Mikronährstoff, sondern wie ein Signalstoff, also wie ein Hormon. Genau das macht den entscheidenden Unterschied: Vitamin D wirkt über einen Rezeptor, der im Zellkern sitzt und die Genexpression reguliert. Das aktive Vitamin D, Calcitriol, bindet an den Vitamin-D-Rezeptor (VDR). Dieser gehört zur großen Familie der nukleären Rezeptoren, also genau jener Rezeptorfamilie, zu der auch der Östrogenrezeptor zählt. Östradiol funktioniert nach demselben Prinzip, nur über einen anderen Rezeptor und mit anderen Zielgenen. Man könnte sagen: Vitamin D und Östradiol sprechen dieselbe molekulare Sprache, erzählen aber unterschiedliche Geschichten. Genau hier liegen die Verwandtschaft und gleichzeitig die funktionelle Eigenständigkeit.
Besonders spannend ist die Rolle von Vitamin D im Eierstock. Das wichtige Östrogen Östradiol entsteht dort nach dem sogenannten Zwei-Zell-Zwei-Gonadotropin-Modell. Dieses Modell beschreibt, wie im Eierstock Östradiol entsteht: Dafür benötigt der Körper zwei Zelltypen und zwei Steuerhormone (FSH und LH).
So genannten Thekazellen, die außen um das heranwachsende Follikel liegen, werden durch das Hypophysenhormon LH aktiviert und produzieren Androgene (Vorstufen von Östradiol wie Testosteron). Diese wandern zu den im Follikel liegenden Granulosazellen, die unter dem Einfluss des anderen Hypophysenhormons, FSH, das Enzym Aromatase bilden und daraus Östradiol herstellen. Genau hier greift Vitamin D regulierend ein.
Die aktive Vitamin D-Form Calcitriol moduliert die Genexpression von CYP19A1, also den Bauplan für die Aromatase. Abhängig vom hormonellen Kontext kann Vitamin D die Östradiolproduktion somit stabilisieren, eine Überproduktion dämpfen oder bei Mangelzuständen eine unzureichende Umwandlung verbessern.
Wichtig: Vitamin D wirkt nicht stimulierend im Sinne von „mehr Östrogen“, sondern qualitäts- und kontextabhängig regulierend.
Zusätzlich erhöht Vitamin D die Empfindlichkeit der Granulosazellen gegenüber FSH durch Hochregulation von FSH-Rezeptoren und Unterstützung intrazellulärer Signalwege. Das begünstigt eine effizientere Östradiolsynthese, eine bessere Follikelreifung und physiologischere Zyklusverläufe.
Vitamin D wirkt außerdem antiinflammatorisch, antiproliferativ und stabilisierend auf den lokalen Stoffwechsel und das ist besonders relevant bei Erkrankungen, wie
- Polyzystisches Ovarial Syndrom (PCOS)
- Zyklusstörungen
- Frühzeitige ovarielle Dysfunktion (zu frühe (Peri-)Menopause)
In diesen Situationen ist Vitamin-D-Mangel häufig mit einer so genannten Östrogendominanz oder einer unzureichenden Östradiolantwort verbunden. Vitamin D wirkt hier wie ein „hormoneller Background-Manager“, der die Bedingungen für Balance schafft.
Vitamin D ist kein Sexualhormon – aber ein enger regulatorischer Verwandter. Es teilt mit Östradiol Ursprung, Wirkprinzip und zentrale molekulare Mechanismen, bleibt jedoch funktionell eigenständig. Wer Vitamin D wirklich begreift, erkennt zugleich ein Stück der hormonellen Gesamtregulation – und versteht, warum dieser „Cousin“ so bedeutsam für das Gleichgewicht im endokrinen System ist. Vitamin D ist für die ovarielle Gesundheit von großer Bedeutung und sollte in der gynäkologischen Praxis nicht unterschätzt werden.
Umso bedauerlicher, dass die Vitamin-D-Diagnostik und -Therapie in den meisten gynäkologischen Praxen bislang kaum eine Rolle spielen.
Quellen:
Chen H, Wang Q, Zhang Y, Shangguan L, Zhu Z, Zhang H, Zou X, Geng Q, Wen Y, Wang D, Wang Y. Loss of vitamin D receptor induces premature ovarian insufficiency through compromising the 7-dehydrocholesterol-dependent anti-aging effects. Front Cell Dev Biol. 2025 Apr 10;13:1545167. doi: 10.3389/fcell.2025.1545167. PMID: 40276652; PMCID: PMC12018433.
Merhi Z, Doswell A, Krebs K, Cipolla M. Vitamin D alters genes involved in follicular development and steroidogenesis in human cumulus granulosa cells. J Clin Endocrinol Metab. 2014 Jun;99(6):E1137-45. doi: 10.1210/jc.2013-4161. Epub 2014 Mar 14. PMID: 24628555; PMCID: PMC4037738.
Über die Autorin:
"Kyra Kauffmann, Jahrgang 1971, Mutter zweier kleiner Söhne, Volkswirtin, seit 20 Jahren niedergelassene Heilpraktikerin, Buchautorin, Dozentin, Journalistin und seit 3 Jahren begeisterte Medizinstudentin.
Zur Medizin kam ich durch meine eigene schwere Erkrankung mit Anfang 30, bei der mir seinerzeit kein Arzt wirklich helfen konnte. („Ihre Werte sind alle super – es ist alles rein psychisch!“). Hilfe bekam ich von Heilpraktikern, die zunächst einmal eine wirklich gründliche Labordiagnostik durchgeführt haben, ganz nach dem Vorbild von Dr. Ulrich Strunz. Es war eine neue Welt, die sich mir eröffnete und die Erkenntnisse, haben mich sofort fasziniert (ohnehin bin ich ein Zahlen-Daten-Fakten-Fan und habe nicht umsonst das Studium der VWL gewählt). Die Begeisterung war so groß, dass ich meinen alten Beruf an den Nagel hängte und Heilpraktikerin wurde. Meine Praxis führe ich seit 20 Jahren mit großer Begeisterung und bin – natürlich - auf Labordiagnostik spezialisiert und kann so oft vielen Symptomen auf den Grund gehen. In 2 Jahren hoffentlich dann auch als Ärztin.
