Vitamin K gehört zu den Nährstoffen, über die inzwischen – endlich – häufiger gesprochen wird. Mal wird es als „Wundervitamin“ für Knochen und Gefäße gefeiert, mal vor ihm eindringlich gewarnt, besonders im Zusammenhang mit Blutverdünnern.

Wie so oft lohnt der genauere Blick. Denn Vitamin K zeigt beispielhaft, wie wichtig Differenzierung in der Medizin ist.

Vitamin K ist keine einzelne Substanz, sondern eine Familie fettlöslicher Vitamere. Vitamin K1 (Phyllochinon) kommt vor allem in grünem Blattgemüse wie Spinat oder Kohl vor und ist zentral für die Blutgerinnung. Ohne K1 kann der Körper die Gerinnungsfaktoren II, VII, IX und X sowie die Proteine C und S nicht bilden – Blutungen würden schlechter gestillt.

Vitamin K2 (Menachinon) wird sowohl über Lebensmittel aufgenommen – etwa über fermentierte Sojabohnen (Natto), lang gereiften Käse, Miso, Joghurt, Kefir, Eier und Leber – als auch mikrobiell durch Darmbakterien gebildet.
Wie viel davon tatsächlich im Körper ankommt, hängt jedoch stark von der Darmflora, der Schleimhautgesundheit und der Fettresorption ab.
Antibiotika, chronische Darmerkrankungen oder eine einseitige Ernährung können die Aufnahme aus diesen Quellen deutlich reduzieren. Der Darm unterstützt die Versorgung – ist aber kein verlässlicher Alleinversorger.

Vitamin K2 liegt in sogenannten MK-Formen (MK0 bis MK13) vor. Auf Nahrungsergänzungsmitteln finden sich daher Angaben wie MK4 oder MK7. Diese Formen unterscheiden sich in ihrer Verweildauer im Körper: MK4 wird nach wenigen Stunden ausgeschieden, MK7 bleibt bis zu drei Tage im Blut messbar.

Vitamin K2 spielt außerdem eine wichtige Rolle im Stoffwechsel von Osteocalcin, einem Protein der knochenbildenden Osteoblasten und unterstützt die Mineralisation der Knochen.

Eine ganz besondere Rolle spielt Vitamin K bei Neugeborenen. Babys haben einen sehr niedrigen Vitamin-K-Spiegel.
Das liegt daran, dass Vitamin K kaum über die Plazenta zum Embryo gelangt, der Darm von Neugeborenen noch steril ist, und Muttermilch nur sehr wenig Vitamin K enthält. Vitamin K ist jedoch entscheidend, damit die Leber wichtige Gerinnungsfaktoren bilden kann, ohne sie kann der Körper Blutungen nicht zuverlässig stoppen. Besonders für voll gestillte Säuglinge ist eine Vitamin K Substitution daher ein absolutes Muss!

Ohne entsprechende Versorgung kann es bei Säuglingen deshalb zu Vitamin-K-Mangel-Blutungen kommen. Um ein solches Drama zu verhindern, bekommen in Deutschland daher alle Neugeborenen dreimal 2.000 µg (= 2 mg) Vitamin K oral verabreicht und zwar direkt nach der Geburt, nach etwa 5 Tagen und nach 4–6 Wochen. Achten Sie bei Ihrem Kind darauf!

Bevor die routinemäßige Vitamin-K-Prophylaxe im Jahre 1993 eingeführt wurde, waren solche Blutungen deutlich häufiger, endeten nicht selten tödlich oder waren mit schweren bleibenden Schäden verbunden. Die Einführung der regelmäßigen Vitamin-K-Gabe nach der Geburt hat diese Fälle dramatisch reduziert.

Menschen, die blutgerinnungshemmende Medikamente einnehmen, fragen häufig, ob Vitamin K als Nahrungsergänzungsmittel erlaubt sei.
Die medizinisch wichtigste Antwort beginnt hier jedoch nicht mit Ja oder Nein, sondern mit einer Gegenfrage: „Welches Medikament nehmen Sie?“

Bei klassischen Vitamin-K-Antagonisten wie Marcumar (Phenprocoumon) oder Warfarin gibt es die klare Ansage: Bitte kein Vitamin K supplementieren!
Diese Medikamente entfalten ihre Wirkung genau über die Blockade des Vitamin-K-abhängigen Gerinnungsstoffwechsels. Eine zusätzliche Zufuhr von Vitamin K – ob als K1 oder K2 – würde die gewünschte Blutgerinnungshemmung abschwächen. Das ist kein spekulatives Risiko, sondern ein pharmakologischer Gegenspieler-Effekt.

Bei den modernen NOAKs (Neue Orale Antikoagulanzien) ist die Situation grundlegend anders. Präparate wie Eliquis (Apixaban), Xarelto (Rivaroxaban), Pradaxa (Dabigatran) oder Lixiana (Edoxaban) greifen nicht in den Vitamin-K-Stoffwechsel ein. Sie wirken anders, nämlich durch die gezielte Hemmung einzelner Gerinnungsfaktoren, meist Faktor Xa oder Faktor IIa (Thrombin).
Daher sind bei einer Vitamin-K-Supplementierung hier keine klinisch relevanten Wechselwirkungen zu erwarten.

Merke also: Marcumar, das will kein K, bei NOAKs passt es wunderbar.



Über die Autorin:


"Die Biologin Ursula Bien, Jahrgang 1963, ging nach ihrer Zeit am Institut für Biotechnologie des Forschungszentrums Jülich in die Pharmaindustrie und war zuletzt 15 Jahre lang Geschäftsführerin eines kleinen forschenden Pharmaunternehmens. Ihr Arbeitsschwerpunkt lag dabei immer im Bereich der Hämatologie und Onkologie (Blutkrebs, Stammzelltransplantation, Tumore). Motiviert durch Fragen krebskranker Patienten, begann sie sich mit alternativen und komplementären Therapieverfahren zu beschäftigen. Sie absolvierte eine Zusatzausbildung als Heilpraktikerin und bildete sich über viele Jahre intensiv zu den Themen orthomolekulare Medizin und Ernährungsmedizin weiter. Nicht zuletzt durch den wissenschaftlichen Austausch mit Dr. med. Ulrich Strunz fand sie zum Thema Epigenetik und Bluttuning. Mittlerweile gibt sie die „Strunzsche Philosophie“ in eigener Praxis voller Überzeugung auch an ihre Patienten weiter.
Das sagt sie selbst zu ihrer Tätigkeit:

„So sinnvoll die Schulmedizin in vielen Bereichen auch ist, darf es bei chronischen Erkrankungen nicht das Ziel sein, Symptome zu unterdrücken. Es gilt, die Ursachen einer Erkrankung zu finden und abzustellen. Was durch Ernährungsumstellung, gezielte Zufuhr fehlender Mikronährstoffe und Bewegung erreicht werden kann, ist immer wieder verblüffend. Ich bin Dr. Strunz für das, was ich von ihm lernen durfte unendlich dankbar und freue mich für jeden Menschen, der am eigenen Leibe erfahren darf, dass manche Krankheiten nicht nur Schicksal sind.“


Das Bild zeigt ein Porträt der News-Autorin Dipl. Biol. Ursula Bien.