ASPREE-Studie: Kein ASS für gesunde, ältere Menschen
Die Acetylsalicylsäure (ASS) gehört zu den bekanntesten Arzneistoffen überhaupt und stand jahrzehntelang sinnbildlich für „bewährt, günstig, hilfreich“. In hoher Dosierung wirkt ASS schmerzstillend und fiebersenkend, in niedriger Dosierung („Baby Aspirin“) hemmt sie die Blutplättchen und wurde daher lange Zeit zur Vorbeugung von Herzinfarkt und Schlaganfall eingesetzt. Zeitweise kam sogar die Hoffnung hinzu, ASS könne vor bestimmten Krebsarten, z. B. Darmkrebs, schützen.
Die Wurzeln von ASS liegen in der Natur: Schon in der Antike nutzte man Weidenrinde gegen Schmerzen und Fieber. Daraus leitete sich die Salicylsäure ab, die später chemisch weiterentwickelt wurde. ASS wird heute jedoch nicht mehr aus Pflanzen gewonnen, sondern synthetisch hergestellt. Die Herstellung beruht auf chemischen Prozessen, die eine stabile, gut dosierbare Substanz ermöglichen.
Bekannt wurde der Wirkstoff vor allem unter einem Markennamen: Aspirin ®. Die Firma Bayer brachte Aspirin ® als Marke groß heraus. Der Markenname wurde 1899 in Deutschland eingetragen und danach international vermarktet.
ASS hemmt das Enzym Cyclooxygenase (COX). Dadurch sinkt die Bildung von Prostaglandinen, was die analgetische, antipyretische und entzündungshemmende Wirkung erklärt. In niedriger Dosierung kommt ein entscheidender Effekt hinzu: ASS hemmt irreversibel die Thrombozytenfunktion (Blutplättchen). Das reduziert sich die Neigung, Blutgerinnsel zu bilden – ein eigentlich plausibler Ansatz, um Herzinfarkte und Schlaganfälle zu verhindern.
Weil ASS zudem günstig ist und lange als relativ „harmlos“ galt, wurde sie teils routinemäßig eingesetzt. Das Problem: Durch die Hemmung von COX-1 entsteht weniger Thromboxan A2. Dieser Botenstoff sorgt normalerweise dafür, dass Thrombozyten aktiviert werden und gut zusammenkleben. Ergebnis: Der erste Blutpfropf bildet sich langsamer. Blutungen können leichter entstehen oder länger anhalten.
Dazu kommt ein zweiter Effekt: ASS kann die Magenschleimhaut anfälliger machen. Bestimmte Prostaglandine schützen den Magen, indem sie die Schleimhaut gut durchbluten lassen und die Schutzschicht unterstützen. Wird dieser Schutz reduziert, können Reizungen oder kleine Geschwüre leichter auftreten. In Kombination mit der Thrombozytenhemmung steigt dadurch besonders das Risiko für Magen-Darm-Blutungen.
Den möglichen Vorteilen standen relevante und teils gravierende Nachteile gegenüber.
Die ASPREE-Studie (Aspirin in Reducing Events in the Elderly) sollte daher eine wichtige Frage klären: Hilft niedrig dosiertes ASS (Aspirin) bei gesunden älteren Menschen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorzubeugen? Zwischen 2010 und 2017 nahmen daher 19.114 gesunde Personen ab 70 Jahren teil. In dieser randomisierten, doppelblinden Studie erhielt eine Gruppe täglich 100 mg ASS, die andere ein Placebo.
Das Ergebnis fiel ernüchternd aus: ASS brachte keinen Vorteil in der Primärprävention – also bei der Verhinderung erster Ereignisse wie Herzinfarkt oder Schlaganfall. Gleichzeitig traten unter ASS mehr klinisch relevante Blutungen auf, besonders Magen-Darm-Blutungen und intrakranielle Blutungen. Kurz gesagt: kein messbarer Nutzen, aber ein klar erhöhtes Risiko.
Ende Januar 2026 brachte nun ein Follow-up, veröffentlicht in JAMA Oncology, noch mehr Klarheit: Über eine mediane Nachbeobachtungszeit von 8,6 Jahren war niedrig dosierte ASS eben nicht mit einer niedrigeren Krebsinzidenz verbunden – weder insgesamt noch für einzelne Krebsarten oder Stadien. Im Gegenteil: Die krebsbedingte Sterblichkeit war unter ASS leicht, aber signifikant erhöht. Wichtig dabei: Dieses erhöhte Risiko trat während der Einnahme auf und hielt nach dem Absetzen nicht an.
Wenn ASS bei älteren Menschen weder Herz-Kreislauf-Erkrankungen in der Primärprävention verhindert noch Krebsrisiken senkt – aber das Blutungsrisiko weiterhin real ist –, dann bleibt wenig übrig, was eine dauerhafte Einnahme für Gesunde rechtfertigt.
Quelle:
Orchard SG, Polekhina G, Zalcberg J, Bernstein W, Macrae F, Tie J, Gately L, Mar V, Millar J, Rodriguez LM, van Londen GJ, Kent A, Hiscutt E, Ong WL, Warner ET, Ford L, Umar A, McNeil JJ, Nelson M, Stocks N, Shah RC, Kirpach B, Murray A, Woods RL, Ryan J, Wolfe R, Gibbs P, Chan AT. Cancer Incidence and Mortality With Aspirin in Older Adults: Follow-Up of the ASPREE Trial. JAMA Oncol. 2026 Jan 29:e256196. doi: 10.1001/jamaoncol.2025.6196. Epub ahead of print. PMID: 41609798; PMCID: PMC12856742.
Über die Autorin:
"Kyra Kauffmann, Jahrgang 1971, Mutter zweier kleiner Söhne, Volkswirtin, seit 20 Jahren niedergelassene Heilpraktikerin, Buchautorin, Dozentin, Journalistin und seit 3 Jahren begeisterte Medizinstudentin.
Zur Medizin kam ich durch meine eigene schwere Erkrankung mit Anfang 30, bei der mir seinerzeit kein Arzt wirklich helfen konnte. („Ihre Werte sind alle super – es ist alles rein psychisch!“). Hilfe bekam ich von Heilpraktikern, die zunächst einmal eine wirklich gründliche Labordiagnostik durchgeführt haben, ganz nach dem Vorbild von Dr. Ulrich Strunz. Es war eine neue Welt, die sich mir eröffnete und die Erkenntnisse, haben mich sofort fasziniert (ohnehin bin ich ein Zahlen-Daten-Fakten-Fan und habe nicht umsonst das Studium der VWL gewählt). Die Begeisterung war so groß, dass ich meinen alten Beruf an den Nagel hängte und Heilpraktikerin wurde. Meine Praxis führe ich seit 20 Jahren mit großer Begeisterung und bin – natürlich - auf Labordiagnostik spezialisiert und kann so oft vielen Symptomen auf den Grund gehen. In 2 Jahren hoffentlich dann auch als Ärztin.
