Mindestens jeder zehnte Mensch muss laut Schätzungen im Laufe seines Lebens damit rechnen, ein Nierenstein-Leiden zu entwickeln. 80 Prozent dieser schmerzhaften Kristalle bestehen aus Kalzium-Verbindungen; 80 Prozent davon aus Kalzium-Oxalat, einer Verbindung aus dem Mineral und Oxalat. Das ist das Salz der Oxalsäure, die in Pflanzen und vielen Lebensmitteln (u.a. Spinat, Mangold, Nüsse) vorkommt. Die Behandlung ist nicht schmerzlos, die Rückfallrate hoch. Wäre es da nicht schön, wenn es dagegen eine nebenwirkungsarme Behandlung gäbe?

Die scheint es (bald) zu geben. Denn seit etwa 20 Jahren ist bekannt, dass ein Bakterium aus der Darmflora mit dem Namen Oxalobacter formigenes in der Lage ist, die potentiell riskanten Oxalate im Darm abzubauen und zu „verspeisen“– diese sind seine Leibspeise und Haupt-Energiequelle. So verringert sich die Menge an Oxalat, die in den Körper aufgenommen und über den Urin ausgeschieden wird. Was wiederum die Gefahr senkt, dass sich durch eine Verbindung mit Kalzium in der Niere die unlöslichen Kristalle bilden können. Eine amerikanische Arbeitsgruppe aus Medizinern der University of Birmingham in Alabama sowie der Cleveland Clinic in Cleveland (Ohio) prüften jetzt in einer klinischen Studie, ob der Verzehr lebender Oxalobacter-Bakterien – quasi als Probiotikum – zu einer verringerten Aufnahme von Oxalat führt und ob sich dieser wichtige Darmhelfer überhaupt im Darm ansiedeln kann. Die 22 Probanden hatten niemals Nierensteine gehabt, aber ihrer Darmflora mangelte es an den Oxalat-futternden Bakterien.

Die Studienteilnehmer erhielten eine Diät mit genau definiertem Kalzium-und Oxalat-Gehalt. Inklusive waren zehn Milliarden quicklebendige Oxalobacter formigenes-Bakterien, die in einem Spinat-Pesto auf einem Truthahn-Sandwich steckten. Der Oxalatgehalt in Stuhl und Urin wurde im 24-Stunden-Rhythmus untersucht. Ergebnis: Schon nach einer einzigen Dosis mit Oxalobacter-Mikroben gelang deren Ansiedelung im Stuhl der 22 Probanden; bei zehn von ihnen fanden sich die nützlichen Darmbakterien sogar noch ein Jahr später. Bei elf verschwanden die Oxalat-essenden Mikroben wieder – offenbar nach Antibiotika-Einnahme. Der Oxalatgehalt im Stuhl verringerte sich um 54, der im Urin um 14 Prozent.

Zwar sind noch weitere Darmbakterien bekannt, die zum Abbau von Oxalat beitragen können – der effektivste scheint allerdings Oxalobacter formigenes zu sein. Breitband-Antibiotika können die hilfreichen Darm-Besiedler eliminieren – auch völliger Gemüseverzicht kann den Stamm dezimieren. Weshalb Forscher Menschen mit Nierenstein-Neigung empfehlen, in geringerem Maße oxalathaltige Lebensmittel weiterhin zu verzehren – dafür aber mehr Kalzium zu essen und Wasser zu trinken.

P.S.: Eine multinationale Forschergruppe verglich in einer in „Nature Scientific Reports“ veröffentlichten Arbeit das Vorkommen von Oxalobacter formigenes“ als Bestandteil der Darmflora bei Amerikanern mit der Prävalenz des Keims bei abgeschiedenen lebenden Stämmen in Venezuela und Tansania. Ergebnis: Mit 60 bis 80 Prozent war der Keim bei den letzteren Gruppen weitaus häufiger vertreten als bei Amerikanern, vor allem bei den Kindern. Der Preis des westlichen Lebensstils und seiner Medikamente?

PS: Es gibt seit vielen Jahren ein in den USA und der EU als „Orphan Drug“ zugelassenes Arzneimittel, das gefriergetrocknete Oxalobacter formigenes-Bakterien enthält. Eine Phase III- Studie für die Anwendung bei Primärer Hyperoxalurie (seltene Erbkrankheit mit erhöhter Oxalatbildung in der Leber) wurde allerdings 2021 beendet, da sie keine signifikante Verringerung von Oxalatspiegeln im Plasma errreichte. Andere Forscher bleiben trotzdem am Thema. Vergessen Sie nicht: Sie haben esselbst in der Hand (und auf dem Teller): Wer Oxalobacter eine Heimat im Mikrobiom bieten will, sollte niemals ganz auf oxalathaltige Lebensmittel verzichten.


Quellen:
University of Alabama, Birmingham, + Cleveland Clinic
Fargue S, Suryavanshi M, Wood KD, Crivelli JJ, Oster RA, Assimos DG, Miller A, Knight J. Inducing Oxalobacter formigenes Colonization Reduces Urinary Oxalate in Healthy Adults. Kidney Int Rep. 2025 Feb 13;10(5):1518-1528. doi: 10.1016/j.ekir.2025.02.004. PMID: 40485679; PMCID: PMC12142626.


PeBenito A, Nazzal L, Wang C, Li H, Jay M, Noya-Alarcon O, Contreras M, Lander O, Leach J, Dominguez-Bello MG, Blaser MJ. Comparative prevalence of Oxalobacter formigenes in three human populations. Sci Rep. 2019 Jan 24;9(1):574. doi: 10.1038/s41598-018-36670-z. PMID: 30679485; PMCID: PMC6346043.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/40485679/


Finkielstein VA, Goldfarb DS. Strategies for preventing calcium oxalate stones. CMAJ. 2006 May 9;174(10):1407-9. doi: 10.1503/cmaj.051517. PMID: 16682705; PMCID: PMC1455427.

https://www.clinicaltrials.gov/study/NCT03938272?cond=hyperoxaluria&intr=oxabact&rank=1&tab=results



Über die Autorin:


Marion Meiners ist ausgebildete Verlagskauffrau und Journalistin und arbeitete viele Jahre für Zeitschriften als Redakteurin für Gesundheit und Ernährung. Zusammen mit Labor-Professor Hans-Peter Seelig schrieb sie das Buch „Laborwerte klar und verständlich“.
Ihre Begeisterung für Medizinthemen entdeckte sie in frühen Berufsjahren, nachdem ihr eine Verwandte einen Pschyrembel schenkte. Seither heißt ihr digitales „Wohnzimmer“ PubMed und die Faszination für die Ursachen-Fahndung bei Krankheiten sowie die Effekte von Ernährung und Lebensstil auf die Gesundheit hält an.

Das sagt sie über ihre Tätigkeit:

„Alles hängt mit allem zusammen im Körper. Das ist leider in unserer „Schubladen“-Medizin noch nicht so ganz angekommen. Ein Nährstoffmangel kann etwa ebenso fatale Auswirkung auf alle Organsysteme haben wie z.B. ein kranker Zahn. Umgekehrt kann schon eine veränderte Zusammenstellung der Makro-oder Mikronährstoffe in der Ernährung gigantische therapeutische Effekte entfalten. Welche, und wie gut belegt diese sind – darüber möchte ich informieren.“


Das Bild zeigt ein Porträt der News-Autorin Marion Meiners.