Einen Kasten Bier im Nacken
… will man sich lieber nicht vorstellen. Wir machen es heute trotzdem.
Mehr als die Hälfte der Deutschen leidet an Rückenschmerzen. Am häufigsten betroffen ist der untere Rücken. Nackenschmerzen folgen an zweiter Stelle und werden von rund 46 % unserer Mitbürger beklagt. Bei den Betroffenen traten sie im Durchschnitt an mehreren Tagen pro Monat (etwa 6–7 Tage) auf (1).
Diese Schmerzen kennt jeder. Das Dilemma: schmerzt der Nacken erstmal, leidet jede Alltagsbewegung daran. Schon beim Aufstehen ist es eine Qual, weil das System erst in die Gänge kommen muss. Oder nach dem Zähneputzen beim Ausspülen des Mundes unterm Wasserhahn, wenn der Nacken die Beweglichkeit einschränkt. Es geht weiter beim Autofahren. Wer lehnt schon seinen Kopf an die dafür vorgesehene Polsterung? Nein! Wir fahren natürlich in Vorkopfhaltung wie eine Schildkröte. Auf Arbeit wird dann schön auf den zu tief gestellten Bildschirm geglotzt, vom Handy ganz zu schweigen.
Dazu eine Metapher der Biomechanik:
Was würden Sie länger durchhalten: Eine 5 kg Hantel mit gestrecktem Arm nach oben, oder aber jene Hantel mit einem senkrecht zum Körper gestreckten Arm nach vorne zu halten?
Selbsterklärend.
So weit, so gut. Jetzt stellen Sie sich doch mal vor, wie lange Sie eine gefüllte Kiste Bier in der Senkrechten halten könnten. Sie dürfen auch beide Arme nutzen!
Jetzt müssen Sie einmal mitdenken, denn ähnliche Belastungen muss Ihre Halswirbelsäule und ihr Muskelapparat beim nach vorne geneigten Kopf ertragen: In Neutralhaltung (0°) trägt sie lediglich das reale Kopfgewicht (~5 kg), bei 30° Kopfbeugung entspricht die Belastung bereits etwa dem Gewicht eines Bierkastens und bei 60° wirken rechnerisch bis zu 27 kg auf den Nacken (2). Beim Blick auf Ihr Smartphone haben Sie, bildlich gesprochen, also mehr als eine Kiste Bier auf den Kopf aufgeladen.
Der Unterschied? Den Bierkasten würden Sie sofort absetzen – beim Kopf gestaltet sich das schwieriger.
Die nach vorn verlagerte Kopfhaltung führt zu einer dauerhaften Aktivierung der Nackenmuskeln. Diese Strukturen sind über die hintere myofasziale Kette funktionell mit dem restlichen Körper verbunden. Diese Kette verläuft als kontinuierliche Zuglinie und Muskelhülle vom Nacken zum Kreuzbein, über die Oberschenkelrückseite und den Waden bis zur Achillessehne und zur Plantarfaszie. Es entsteht eine myofasziale Spannung, die nicht lokal verbleibt, sondern entlang dieser Kette nach „unten“ weitergeleitet wird. Die Zugspannungen verteilen sich nun über größere Distanzen und erhöhen die Grundspannung des gesamten Systems, nicht nur an einem Ort.
Auch ein poröses Gummi reißt zuerst an der beschädigten Stelle, obwohl woanders gezogen wird, womit klar wird: Der Schmerz entsteht dort, wo das System am wenigsten kompensationsfähig ist – nicht zwingend dort, wo die ursprüngliche Ursache liegt.
Die resultierenden Schmerzen im Bereich der Brust- oder Lendenwirbelsäule, im Kreuzbein, der Oberschenkelrückseite oder der Achillessehne und Plantarfaszie erkennt kein bildgebendes Verfahren. Ein Teufelskreis beginnt.
Nackenschmerzen sind also ein Vorbote für weitere Beschwerden orthopädischer Natur und sollten im Kern erstickt werden. Weil die Ursachenforschung wegen der menschlichen Anatomie so komplex ist, sehe ich die Lösung in der Alltagsmotorik.
Zum Schluss noch ein kleiner Tipp, bevor die nächste News mehr zur Entlastung durch Alltagsmotorik verrät: Schmerzmittel ersticken ein Feuer nicht, sie drosseln nur vorübergehend die Sauerstoffzufuhr.
Quellen:
(1) Porst M, Wengler A, Leddin J, Heuer J, Wenig CM, Rommel A. Prevalence of back pain and neck pain in Germany: results of the BURDEN 2020 study. J Health Monit. 2021;6(S3):2–14.
(2) Hansraj KK. Assessment of stresses in the cervical spine caused by posture and position of the head. Surg Technol Int. 2014;25:277–279.
Über den Autor:
“Justus Mörstedt widmete sich bis zu seinem 14. Lebensjahr in seiner Freizeit dem Triathlon, bevor er sich endgültig auf sein Lieblingselement, das Wasser, fokussierte und Finswimmer wurde. Seit 2019 ist er Sportsoldat und studiert und trainiert im Leistungszentrum Leipzig.
Doch lassen wir ihn selbst zu Wort kommen: „Hier lebe ich meinen Traum: Leistungssport und Medizinstudium. Mich fasziniert es, das neu Erlernte im Sportleralltag in die Praxis umzusetzen und somit den oft trockenen Inhalten ein wenig Leben einzuhauchen.“
Diese Kombination macht sich bezahlt: im Juli 2024 wurde er zweifach Weltmeister. Über 200 m Streckentauchen hält er den Weltrekord. Falls Sie neugierig geworden sind, was Finswimming ist, sehen Sie sich in den News um, oder werfen eine beliebige Suchmaschine an!
Forever young wurde ihm mit seinem Einstieg in den Profisport sozusagen „in die Wiege gelegt“. Sein Trainer sagte immer: „Wer hier mitmachen will, muss mindestens ein Strunz-Buch gelesen haben.“ Zu Wettkämpfen verteilte er den Sportlern immer Vitamineral 32. Mit den Jahren in Leipzig hat sich in seinem 24 Jahre jungem Kopf so einiges zusammengesammelt, was er gerne mit Sportlerkollegen unter anderem hier in den News teilt. Dabei unterstützen wir als forever young ihn als Sponsor."
