Fasten und Autophagie – Wie der Körper sich selbst regeneriert
Zur Zeit befinden wir uns in der Fastenzeit, also in der Zeit vor Ostern. Nicht nur im Christentum – in nahezu allen Religionen gibt es das Ritual des Fastens. Ob Ramadan im Islam, Jom Kippur im Judentum oder traditionelle Fastenzeiten im Buddhismus: Der bewusste Verzicht auf Nahrung hat weltweit eine lange spirituelle und kulturelle Tradition.
Heutzutage rückt neben der religiösen Bedeutung zunehmend auch die gesundheitliche Dimension des Fastens in den Fokus der Wissenschaft. Neben positiven Effekten auf Stoffwechsel, Insulinsensitivität und Gewicht interessiert die Wissenschaftler vor allem ein zellulärer Mechanismus: die Autophagie. Der Begriff stammt aus dem Griechischen und bedeutet „sich selbst essen“. Gemeint ist ein natürlicher Recyclingprozess, bei dem Zellen beschädigte Bestandteile abbauen und wiederverwerten. Für die Entschlüsselung zentraler Mechanismen der Autophagie erhielt Yoshinori Ohsumi 2016 den Nobelpreis für Medizin.
Autophagie ist eine Art zelluläres Reparatur- und Reinigungsprogramm. Defekte Proteine, geschädigte Mitochondrien oder andere „Zellabfälle“ werden in spezielle Membranstrukturen verpackt und anschließend abgebaut, wie ich in der letzten News beschrieben habe. Die dabei gewonnenen Bausteine nutzt die Zelle erneut für Energiegewinnung und Neubildung von Strukturen. Dieser Mechanismus spielt eine wichtige Rolle bei Alterungsprozessen, Entzündungsregulation und möglicherweise auch bei der Prävention bestimmter Erkrankungen.
Unter normalen Ernährungsbedingungen ist der Signalweg mTOR aktiv – ein zentraler Regulator für Zellwachstum und Aufbauprozesse. Solange ausreichend Nährstoffe vorhanden sind, wird die Autophagie gehemmt. Beim Fasten sinken jedoch Insulin- und Aminosäurespiegel. Dadurch wird mTOR gehemmt und gleichzeitig der Energiesensor AMPK aktiviert. Diese Kombination gilt als zentraler molekularer Auslöser für die Autophagie. Vereinfacht gesagt: Wenn dem Körper Energie fehlt, schaltet er vom „Wachstumsmodus“ in den „Reparaturmodus“.
Daher ist Fasten grundsätzlich erst einmal gesund.
Fasten ist ja nicht gleich Fasten. Welche Fastenformen fördern denn nun am besten die Autophagie?
1. Intermittierendes Fasten (z. B. 16:8)
Beim 16:8-Modell wird 16 Stunden gefastet und innerhalb eines Zeitraums von 8 Stunden gegessen. Studien deuten darauf hin, dass autophagische Prozesse nach etwa 12–16 Stunden Nahrungsverzicht beginnen können. Beim Menschen sind diese Daten jedoch bislang nur indirekt messbar (z. B. über Signalmarker im Blut).
2. 24-Stunden-Fasten
Ein ganzer Fastentag führt zu stärkeren metabolischen Veränderungen, darunter Ketose und deutlicherer mTOR-Hemmung. Tierstudien zeigen hier eine klare Aktivierung der Autophagie.
3. Mehrtägiges Fasten
Fastenperioden von 48 Stunden oder länger verstärken den Effekt vermutlich weiter. Allerdings stammen die meisten belastbaren Daten hierzu auch überwiegend aus Tiermodellen.
4. Fasting Mimicking Diet (Scheinfasten)
Diese stark kalorien- und proteinreduzierte Ernährungsform simuliert Fastenreaktionen. Erste Humanstudien zeigen vergleichbare metabolische Veränderungen, doch die direkte Messung von Autophagie beim Menschen bleibt auch hier methodisch schwierig.
Was ist wissenschaftlich nun gesichert? Gut belegt ist, dass Autophagie ein essenzieller biologischer „Recycling“-Prozess ist, bei dem Zellen beschädigte Bestandteile abbauen und wiederverwerten. In Zell- und Tierstudien zeigt sich zudem klar: Nährstoffmangel kann den Signalweg mTOR hemmen und dadurch Autophagie aktivieren. Auch beim Menschen führt Fasten zu typischen molekularen Signalveränderungen, die mit Autophagie in Verbindung stehen. Was jedoch noch nicht eindeutig geklärt ist, ist die Frage, wie stark die Autophagie bei gesunden Menschen je nach Fastenform tatsächlich angekurbelt wird, welche Fastendauer dafür optimal ist.
Quellen:
Vergara Nieto ÁA, Diaz AH, Hernández M, Sagredo D. A Narrative Review about Metabolic Pathways, Molecular Mechanisms and Clinical Implications of Intermittent Fasting as Autophagy Promotor. Curr Nutr Rep. 2025 Jun 6;14(1):78. doi: 10.1007/s13668-025-00666-9. PMID: 40481380.
Wolska W, Gutowska I, Wszołek A, Żwierełło W. The Role of Intermittent Fasting in the Activation of Autophagy Processes in the Context of Cancer Diseases. Int J Mol Sci. 2025 May 15;26(10):4742. doi: 10.3390/ijms26104742. PMID: 40429883; PMCID: PMC12112746.
Über die Autorin:
"Kyra Kauffmann, Jahrgang 1971, Mutter zweier kleiner Söhne, Volkswirtin, seit 20 Jahren niedergelassene Heilpraktikerin, Buchautorin, Dozentin, Journalistin und seit 3 Jahren begeisterte Medizinstudentin.
Zur Medizin kam ich durch meine eigene schwere Erkrankung mit Anfang 30, bei der mir seinerzeit kein Arzt wirklich helfen konnte. („Ihre Werte sind alle super – es ist alles rein psychisch!“). Hilfe bekam ich von Heilpraktikern, die zunächst einmal eine wirklich gründliche Labordiagnostik durchgeführt haben, ganz nach dem Vorbild von Dr. Ulrich Strunz. Es war eine neue Welt, die sich mir eröffnete und die Erkenntnisse, haben mich sofort fasziniert (ohnehin bin ich ein Zahlen-Daten-Fakten-Fan und habe nicht umsonst das Studium der VWL gewählt). Die Begeisterung war so groß, dass ich meinen alten Beruf an den Nagel hängte und Heilpraktikerin wurde. Meine Praxis führe ich seit 20 Jahren mit großer Begeisterung und bin – natürlich - auf Labordiagnostik spezialisiert und kann so oft vielen Symptomen auf den Grund gehen. In 2 Jahren hoffentlich dann auch als Ärztin.
