Sobald die Temperaturen sinken, landet bei vielen Ingwer in der Tasse: ein Stück Wurzel, heißes Wasser, ein Spritzer Zitrone oder etwas Orange – und das Hausmittel ist fertig. Dabei ist Ingwer längst mehr als ein wärmender Tee. Heute begegnet man ihm auch als Shot, in Kapseln oder als Bonbon.

Und er ist keineswegs eine moderne „Superfood“-Entdeckung: Schon in der Antike wurde die Wurzel als Gewürz und Heilmittel beschrieben. Besonders gut belegt ist das in der römischen Kaiserzeit: Der Arzt Dioskurides (1. Jh. n. Chr.) erwähnt Ingwer in seiner berühmten Arzneimittelkunde De materia medica und schreibt ihm unter anderem eine wärmende und verdauungsfördernde Wirkung zu. Auch römische Naturkundler wie Plinius der Ältere erwähnen die Heilpflanze. Damit gehört Ingwer zu den Pflanzenstoffen, die schon vor fast 2000 Jahren in Europa bekannt und genutzt wurden.

Viele traditionelle Wirkungen, etwa bei Übelkeit oder Verdauungsbeschwerden, lassen sich heute durch moderne pharmakologische Erkenntnisse und klinische Studien deutlich besser erklären. Und deswegen wurde Ingwer jetzt zur „Arzneipflanze des Jahres 2026“ gewählt.

Arzneilich verwendet wird das Rhizom, die Ingwerknolle bzw. Wurzel. Es enthält eine Vielzahl bioaktiver Substanzen. Besonders relevant sind Gingerole (v. a. 6-Gingerol), die in frischem Ingwer vorkommen sowie Shogaole, die bei Trocknung und Erhitzung entstehen. Daneben enthält die Wurzel eine Reihe weiterer phenolischer Verbindungen sowie ätherische Öle. Die Gingerole und Shogaole gelten als Hauptträger der pharmakologischen Wirkungen.

Ingwer wird seit jeher in der traditionellen Heilkunde bei Verdauungsbeschwerden genutzt. Mehrere Studien und Übersichtsarbeiten zeigen, dass Ingwer tatsächlich Übelkeit reduzieren kann. Diese antiemetische Wirkung ist die am häufigsten klinisch geprüfte Anwendung. Die zugrunde liegenden Mechanismen sind in präklinischen Modellen detailliert beschrieben. Diskutiert werden karminative Effekte (gegen Blähungen), leichte spasmolytische Effekte (gegen Krämpfe) sowie ein Einfluss auf Sekretion und Motilität im oberen Gastrointestinaltrakt.

Ingwer wirkt bei Übelkeit und Verdauungsbeschwerden vermutlich über eine Kombination mehrerer Mechanismen: Zum einen beeinflusst er Serotonin-Rezeptoren, insbesondere den 5-HT3-Rezeptor, im Magen-Darm-Trakt und kann dadurch übelkeitsauslösende Signale abschwächen. Zum anderen moduliert Ingwer die Magenmotilität, indem er die Magenentleerung unterstützt und insgesamt zu einer Art „Magenberuhigung“ beiträgt. Zusätzlich werden teilweise auch zentralnervöse Effekte diskutiert, also Wirkungen im Nervensystem, die jedoch nicht in allen Studien gleich stark nachweisbar sind.

Ingwer wirkt darüber hinaus auch stark antientzündlich. Gingerole und Shogaole können proinflammatorische Signalwege (z. B. COX/LOX-assoziierte Prozesse; also weniger „Entzündungsmediatoren“) hemmen und gegen freie Radikale wirken.

In präklinischen Studien (Zellkulturen und Tiermodellen) zeigen 6-Gingerol und 6-Shogaol, dass sie die Degranulation von Mastzellen verringern können. Mastzellen spielen eine zentrale Rolle bei allergieähnlichen Reaktionen; sie setzen dabei unter anderem Histamin frei.

Auch in einem Tiermodell zur allergischen Rhinitis (Heuschnupfen) zeigte Ingwer positive Effekte: Die Symptome nahmen ab, und es fanden sich Hinweise auf weniger Mastzellaktivität und niedrigere allergische Entzündungsmarker.

Die Daten stammen zwar überwiegend aus präklinischen Studien, aber die Mechanismen sind biologisch plausibel und decken sich mit meiner eigenen Praxiserfahrung.

Für die klassische Indikation „Erkältung“ ist Ingwer vorrangig symptomatisch sinnvoll (Wärme, Reiz-/Wohlgefühl im Hals, subjektive Besserung). Eine klare „antivirale“ Wirkung im klinischen Sinne ist nicht das Hauptargument in wissenschaftlichen Empfehlungen.

Ingwer ist insgesamt gut verträglich, häufige unerwünschte Wirkungen sind vor allem bei extrem hohen Dosen:


  • Sodbrennen, epigastrisches Brennen
  • Magenreizungen bei höheren Mengen
  • selten Durchfall oder verstärkte Übelkeit

Wichtig: Wer blutgerinnungshemmende Medikamente nimmt, sollte höhere Ingwer-Dosen (v. a. hochdosierte Präparate) ärztlich abklären. In der Schwangerschaft wird Ingwer teils eingesetzt, aber die Dosierung sollte besonders vorsichtig gewählt und im Zweifel medizinisch besprochen werden.


Quellen:

https://www.ema.europa.eu


https://www.pta-forum.de


Pázmándi K, Szöllősi AG, Fekete T. The "root" causes behind the anti-inflammatory actions of ginger compounds in immune cells. Front Immunol. 2024 Jun 28;15:1400956. doi: 10.3389/fimmu.2024.1400956. PMID: 39007134; PMCID: PMC11239339.


Über die Autorin:


"Kyra Kauffmann, Jahrgang 1971, Mutter zweier kleiner Söhne, Volkswirtin, seit 20 Jahren niedergelassene Heilpraktikerin, Buchautorin, Dozentin, Journalistin und seit 3 Jahren begeisterte Medizinstudentin.

Zur Medizin kam ich durch meine eigene schwere Erkrankung mit Anfang 30, bei der mir seinerzeit kein Arzt wirklich helfen konnte. („Ihre Werte sind alle super – es ist alles rein psychisch!“). Hilfe bekam ich von Heilpraktikern, die zunächst einmal eine wirklich gründliche Labordiagnostik durchgeführt haben, ganz nach dem Vorbild von Dr. Ulrich Strunz. Es war eine neue Welt, die sich mir eröffnete und die Erkenntnisse, haben mich sofort fasziniert (ohnehin bin ich ein Zahlen-Daten-Fakten-Fan und habe nicht umsonst das Studium der VWL gewählt). Die Begeisterung war so groß, dass ich meinen alten Beruf an den Nagel hängte und Heilpraktikerin wurde. Meine Praxis führe ich seit 20 Jahren mit großer Begeisterung und bin – natürlich - auf Labordiagnostik spezialisiert und kann so oft vielen Symptomen auf den Grund gehen. In 2 Jahren hoffentlich dann auch als Ärztin.


Das Bild zeigt ein Porträt der News-Autorin Kyra Kauffmann.