Die neue US-Ernährungspyramide
Ich erinnere mich noch gut an meine Schulzeit in den USA: In „Nutrition“, unserem Ernährungsunterricht, haben wir die damals gültigen Empfehlungen auswendig lernen müssen. Das war in den 1980er Jahren, also noch deutlich vor der Einführung der ersten „Food Guide Pyramid“ – der ersten Ernährungspyramide in den 1990er Jahren.
In den vergangenen 15 Jahren galt jedoch „MyPlate“ statt Ernährungspyramide. Dieser Teller mit Obst, Gemüse, Getreide und Protein war das Symbol moderner Ernährungspolitik. Er war in 4 Bereiche aufgeteilt, dazu kam ein Glas:
- ½ des Tellers: Obst + Gemüse (größter Anteil)
- ¼ des Tellers: Getreide (idealerweise Vollkorn)
- ¼ des Tellers: Protein (Fleisch, Fisch, Eier, Hülsenfrüchte, Nüsse etc.)
- Glas daneben: Milchprodukte oder angereicherte Alternativen (z. B. Sojadrink)
Doch Anfang Januar 2026 ist etwas passiert, das viele – auch mich - überrascht hat:
Die US-Regierung hat wieder eine Ernährungspyramide eingeführt, allerdings mit stark veränderten Schwerpunkten im Vergleich zur Pyramide der 1990er Jahre.
Dazu muss man wissen, dass die USA alle fünf Jahre offizielle Ernährungsempfehlungen veröffentlichen, die „Dietary Guidelines for Americans“. Diese beeinflussen nicht nur private Essgewohnheiten, sondern vor allem auch:
- Schul- und Kantinenessen
- staatliche Ernährungsprogramme und den Schulunterricht
- öffentliche Gesundheitskampagnen
- Lebensmittelpolitik und Landwirtschaftsförderung
Mit anderen Worten: Was dort steht, hat Gewicht. Es landet früher oder später in vielen Kantinen und Einkaufslisten.
Die auffälligste Änderung der neuen Pyramide ist vor allem optisch: Es ist eine umgedrehte Pyramide, bei der die bisherige Basis (Getreide) deutlich zurücktritt und stattdessen Protein, Milchprodukte und gesunde Fette prominenter werden.
Die Kernaussage lautet:
„Eat real food“ – „Esst echte Lebensmittel“.
Was bedeutet das konkret?
- Starker Fokus auf Protein („Prioritize protein foods at every meal“)
Die neuen Guidelines betonen Protein deutlich stärker als frühere Versionen, inklusive tierischer Quellen wie (rotes) Fleisch, Fisch, Eier. Die empfohlene Menge wird mit 1,2 bis 1,6 g Protein/kg Körpergewicht täglich angegeben.
- Vollfett-Milchprodukte werden explizit empfohlen
Eine besonders kontroverse Änderung: Die Pyramide empfiehlt mehrere Portionen Vollfett-Milchprodukte täglich.
- Obst und Gemüse
Obst und Gemüse bleiben ein zentraler Baustein: Sie sollen möglichst häufig und vielfältig auf dem Speiseplan stehen, am besten „bunt gemischt“.
- Stärker gegen Zucker & stark verarbeitete Lebensmittel
Eine deutlich reduzierte Aufnahme von zugesetztem Zucker und weniger hochverarbeiteten Kohlenhydraten wird empfohlen.
- Getreide verliert seine „tragende Rolle“
In früheren Modellen waren Brot, Reis, Pasta & Co. die Hauptbasis. In der neuen Pyramide schrumpft dieser Bereich deutlich und wird eher als Ergänzung gesehen bevorzugt in Form von Vollkorn.
- Healthy fats“ werden ausdrücklich empfohlen
Die Guidelines betonen Fette aus möglichst unverarbeiteten Lebensmitteln (z. B. Nüsse, Samen, Avocado, Fisch) und empfehlen außerdem Öle mit essenziellen Fettsäuren, etwa Olivenöl. Gesättigte Fette sollen „in der Regel“ 10 % der gesamten Tageskalorien nicht überschreiten.
Die neue US-Ernährungspyramide signalisiert somit einen deutlichen Kurswechsel weg vom ehemaligem getreidelastigen Fundament hin zu einem starken Fokus auf Protein, Milchprodukte.
Wenn wir die neue US-Pyramide mit den aktuellen deutschen Empfehlungen vergleichen, fällt erst mal auf: Beide wollen weg von stark verarbeiteten Lebensmitteln und setzen auf viel Obst und Gemüse.
Doch dann trennen sich die Wege: In den USA steht Protein nun ganz oben auf der Prioritätenliste, und auch bei Fetten ist der Ton deutlich entspannter.
Die DGE setzt seit vielen Jahren auf überwiegend pflanzlich, mit Vollkorn, Hülsenfrüchten und Gemüse als tragender Basis.
Das ist der blinde Fleck der DGE: Sie predigt Pflanzen als Fundament und unterschätzt aber, wie sehr ausreichendes, tierisches hochwertiges Protein für Energie, Hormone, Muskeln und Immunsystem zum Fundament dazugehört.
Quelle:
www.realfood.gov
www.dge.de
www.bzfe.de
Über die Autorin:
"Kyra Kauffmann, Jahrgang 1971, Mutter zweier kleiner Söhne, Volkswirtin, seit 20 Jahren niedergelassene Heilpraktikerin, Buchautorin, Dozentin, Journalistin und seit 3 Jahren begeisterte Medizinstudentin.
Zur Medizin kam ich durch meine eigene schwere Erkrankung mit Anfang 30, bei der mir seinerzeit kein Arzt wirklich helfen konnte. („Ihre Werte sind alle super – es ist alles rein psychisch!“). Hilfe bekam ich von Heilpraktikern, die zunächst einmal eine wirklich gründliche Labordiagnostik durchgeführt haben, ganz nach dem Vorbild von Dr. Ulrich Strunz. Es war eine neue Welt, die sich mir eröffnete und die Erkenntnisse, haben mich sofort fasziniert (ohnehin bin ich ein Zahlen-Daten-Fakten-Fan und habe nicht umsonst das Studium der VWL gewählt). Die Begeisterung war so groß, dass ich meinen alten Beruf an den Nagel hängte und Heilpraktikerin wurde. Meine Praxis führe ich seit 20 Jahren mit großer Begeisterung und bin – natürlich - auf Labordiagnostik spezialisiert und kann so oft vielen Symptomen auf den Grund gehen. In 2 Jahren hoffentlich dann auch als Ärztin.
