Stur und Störend
Wir haben das Langweilen verlernt. Für uns sind heute zu viele Reize auf einem sehr unterschwelligen Zugang erreichbar: Der kurze Blick aufs Handy, in Sekunden wechselnde Clips auf SocialMedia Plattformen, Musik und Podcasts, der Laptop, das Tablet und so viel mehr. Wir lassen es geschehen und automatisieren ein Verhalten, welches nicht nur schädlich für unsere Gesundheit ist, nein auch für unser Miteinander.
Langeweile ist für uns kein natürlicher Zustand mehr, sondern etwas, das es sofort zu vermeiden gilt.
Wir greifen reflexhaft zum nächsten Reiz und verhindern damit einen inneren Zustand, der für unser Gehirn essenziell wäre. Nach der heutigen News werden Sie verstehen, in welchem Zustand unser Gehirn arbeitet, wenn wir uns langweilen. Sie werden verstehen, welcher Zusammenhang zu psychischen Erkrankungen dabei eine Rolle spielt und wie wir einen mentalen Raum schaffen können, der unser Gehirn wieder in die richtigen Bahnen lenkt, ohne, dass Sie stundenlang prokrastinieren.
Die Neurophysiologie hinter diesen Behauptungen verbirgt sich in dem seit 20 Jahren beforschten Default Mode Network (DMN). Es ist ein weit verzweigtes Netzwerk im Gehirn mit hochkomplexen Interaktionen, das Informationen aus Gedächtnis, Emotion, Sprache und Selbstwahrnehmung zusammenführt. Aktiv wird dieses Netzwerk immer dann, wenn wir nicht gezielt auf äußere Aufgaben fokussiert sind.
Im Default Mode Network entsteht somit durch den inneren Diskurs mit sich selbst das Gefühl von Identität, innerer Kontinuität und Bedeutung. Wir hinterfragen, analysieren, explorieren, kreieren – wir erfinden neue Welten. Diese Prozesse werden unterdrückt, wenn wir uns auf äußere Reize (Arbeit, Gespräche, Medien) fokussieren. Lassen Sie das zum Dauerzustand werden, findet im Gehirn keine Erholung statt. Sie werden stur, einfallslos, unempathisch, humorlos – kurz gesagt: unausstehlich.
Für die psychische Gesundheit ist es daher entscheidend, dass dieses Netzwerk flexibel zwischen Aktivität (innerer Modus) und Unterdrückung (äußerer Modus) wechseln kann. Stichwort: Inneres Gleichgewicht.
Das Netzwerk verliert bei dauerhafter Überreizung seine Funktionalität und bleibt entweder unangemessen aktiv (ständiges Grübeln) oder dauerhaft blockiert (innere Leere, Erschöpfung). Mit dieser gestörten Dynamik stehen zahlreiche Erkrankungen in Zusammenhang, darunter Depressionen, Angststörungen, ADHS, Burnout sowie neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer. Gemeinsam ist ihnen nicht ein „defektes“ Netzwerk, sondern der Verlust an Flexibilität.
Die Wiederherstellung der Kontrolle erfolgt daher nicht durch direkte Aktivierung, sondern durch Normalisierung der Dynamik. Entscheidend dafür sind regelmäßige reizfreie Ruhephasen. Während Meditation eine wunderbare Technik ist, um das zu trainieren, bleibt es eine Kunst, die für viele schwer zugänglich ist.
Deswegen empfehle ich simple Strategien, die aufgrund ihrer monotonen Bewegungsart oder der Möglichkeit zum kreativen Denken genau das Gleiche erreichen:
- Spazieren, Wandern, lockeres Laufen, Radfahren oder Schwimmen
- Kontakt mit der Natur
- Zulassen von Langeweile
- Lesen längerer Texte
- Handschriftliches Schreiben
Nehmen Sie ihr Handy gar nicht erst mit. Lassen Sie die Kopfhörer zuhause. Versuchen Sie, allein zu sein.
Und? Gar nicht so leicht?
Vertrauen Sie sich: Ihre eigenen Gedanken sind oft genug spannender als Podcasts oder Telefonate. Sie haben nur keinen Algorithmus, der sie Ihnen vorschlägt.
Worauf warten Sie noch?
Quelle:
20 years of the default mode network: a review and synthesis. Neuron. 2023;111(16):2469–2487. doi:10.1016/j.neuron.2023.04.023.
Über den Autor:
“Justus Mörstedt widmete sich bis zu seinem 14. Lebensjahr in seiner Freizeit dem Triathlon, bevor er sich endgültig auf sein Lieblingselement, das Wasser, fokussierte und Finswimmer wurde. Seit 2019 ist er Sportsoldat und studiert und trainiert im Leistungszentrum Leipzig.
Doch lassen wir ihn selbst zu Wort kommen: „Hier lebe ich meinen Traum: Leistungssport und Medizinstudium. Mich fasziniert es, das neu Erlernte im Sportleralltag in die Praxis umzusetzen und somit den oft trockenen Inhalten ein wenig Leben einzuhauchen.“
Diese Kombination macht sich bezahlt: im Juli 2024 wurde er zweifach Weltmeister. Über 200 m Streckentauchen hält er den Weltrekord. Falls Sie neugierig geworden sind, was Finswimming ist, sehen Sie sich in den News um, oder werfen eine beliebige Suchmaschine an!
Forever young wurde ihm mit seinem Einstieg in den Profisport sozusagen „in die Wiege gelegt“. Sein Trainer sagte immer: „Wer hier mitmachen will, muss mindestens ein Strunz-Buch gelesen haben.“ Zu Wettkämpfen verteilte er den Sportlern immer Vitamineral 32. Mit den Jahren in Leipzig hat sich in seinem 24 Jahre jungem Kopf so einiges zusammengesammelt, was er gerne mit Sportlerkollegen unter anderem hier in den News teilt. Dabei unterstützen wir als forever young ihn als Sponsor."
