Östrogen – genauer gesagt Östradiol – ist vielen vor allem als weibliches Sexualhormon bekannt. Tatsächlich gehört es jedoch zu den zentralen Schutzfaktoren für unsere Knochengesundheit. Ein Mangel an Östradiol zählt zu den wichtigsten Ursachen für Knochenschwund (Osteoporose) und geht mit einem deutlich erhöhten Frakturrisiko einher.

Osteoporose ist bekanntermaßen eine der häufigsten Erkrankungen nach der Menopause. Etwa jede dritte Frau entwickelt hierzulande im Laufe ihres Lebens eine Osteoporose. Bereits bei Frauen über 50 Jahren sind rund 30–35 % betroffen. Mit zunehmendem Alter steigt die Häufigkeit deutlich an: In der Altersgruppe der 70- bis 79-Jährigen leiden bereits 40–50 % an Osteoporose, bei Frauen ab 80 Jahren sogar mehr als die Hälfte.

Diese Entwicklung ist kein Zufall. Das rasche Absinken des Östrogenspiegels in der Perimenopause und nach der Menopause führt zu einem beschleunigten Knochenabbau und damit zu einem deutlichen Anstieg dieser schweren und mitunter lebensbedrohlichen Erkrankung. Besonders tragisch ist, dass Osteoporose auch Frauen betrifft, die ihr Leben lang gesund gelebt haben und glaubten, alles für ihre Knochengesundheit getan zu haben.

Seit vielen Jahren empfehle ich Frauen daher, bereits im 5. Lebensjahrzehnt, also etwa ab dem 45. Lebensjahr, eine Knochendichtemessung (DXA) durchführen zu lassen. Sie liefert einen wichtigen Ausgangswert und ermöglicht es, rechtzeitig gegenzusteuern, falls, wie es leider schon oft vorkommt, eine Vorstufe der Osteoporose, eine Osteopenie, festgestellt wurde. Oftmals kommen viele Frauen erst im 6. Lebensjahrzehnt in meine Praxis und zu diesem Zeitpunkt zeigt der erstmalige DXA-Befund häufig bereits deutlich reduzierte Knochendichtewerte.

Die betroffenen Frauen sind dann oft sehr verunsichert und fragen sich, was sie „falsch gemacht“ haben könnten. Die ehrliche Antwort lautet in den meisten Fällen: nichts. Vielmehr wurden sie häufig nicht ausreichend über die Bedeutung des Östrogens für die Knochengesundheit und über die Möglichkeiten einer frühzeitigen, individuell abgestimmten bioidentischen Hormonersatztherapie aufgeklärt.

Knochen sind lebendiges Gewebe, das sich kontinuierlich an Belastungen anpasst. Dieses sogenannte Knochenremodelling wird durch das Zusammenspiel von Osteoklasten (Knochenabbau) und Osteoblasten (Knochenaufbau) gesteuert. Wie stabil ein Knochen langfristig bleibt, hängt sowohl von der genetisch festgelegten Ausgangsknochenmasse als auch von hormonellen Signalen ab. Gene beeinflussen unter anderem die maximale Knochenmasse, die Empfindlichkeit der Knochenzellen gegenüber Hormonen und die Qualität der Knochenmikroarchitektur.

Die wichtigste knochenschützende Wirkung von Östradiol liegt in der Begrenzung des Knochenabbaus. Sinkt der Östradiolspiegel – etwa in der Menopause –, verschiebt sich das Gleichgewicht des Remodelings deutlich zugunsten der Resorption. Und ich möchte dies noch einmal betonen: Dieser Prozess betrifft leider auch körperlich aktive und gut ernährte Menschen mit jahrelangen optimalen Spiegeln von Vitamin D, Zink, Magnesium, Bor, Calcium, Omega-3-Index etc..

Im Zentrum des Remodelings steht das RANK/RANKL/OPG-System. RANKL ist ein Signalprotein, das von Osteoblasten und Knochenzellen gebildet wird und an den RANK-Rezeptor auf Vorläuferzellen der Osteoklasten bindet. Dadurch werden diese zur Reifung und Aktivierung angeregt. Osteoprotegerin (OPG) fungiert als natürlicher Gegenspieler, indem es RANKL bindet und so die Aktivierung der Osteoklasten verhindert. Östradiol fördert die Bildung von OPG und senkt gleichzeitig die RANKL-Expression. Bei Östradiolmangel überwiegen die Abbausignale, was zu beschleunigtem Knochenverlust führt.

Neben der Hemmung des Abbaus unterstützt Östradiol auch den Knochenaufbau. Es fördert die Aktivität und das Überleben von Osteoblasten und erhält die Funktion der Osteozyten, die als Sensoren mechanischer Belastung dienen. Dadurch bleibt nicht nur die Knochendichte erhalten, sondern auch die feine Mikroarchitektur, die für die Stabilität des Skeletts entscheidend ist.

Die entscheidende Frage, die meine Patientinnen mir oft stellen, ist: Können viel Sport und eine gesunde, eiweißreiche Ernährung bzw. Mikronährstoff-Supplemente den natürlichen Östradiolverlust, der Frauen ab Mitte/Ende 40 betrifft, in Bezug auf die Knochengesundheit ausgleichen?

Regelmäßige Bewegung, insbesondere Kraft- und Impacttraining, sowie eine ausreichende Versorgung mit Kalzium, Aminosäuren, Vitamin D und anderen Mikronährstoffen sind essenziell für gesunde Knochen. Sie können den Knochenaufbau stimulieren. Dennoch können Sport und Ernährung den hormonellen Wegfall von Östradiol nur sehr begrenzt kompensieren. Der entscheidende antiresorptive Effekt von Östradiol lässt sich durch Lebensstilmaßnahmen allein leider nicht ersetzen.

Vor diesem Hintergrund kommt der bioidentischen Hormonersatztherapie eine zentrale Rolle zu. Bioidentisches Östradiol (in der Regel kombiniert mit bioidentischem Progesteron) entspricht in seiner chemischen Struktur dem körpereigenen Hormon und bindet physiologisch an die Östrogenrezeptoren im Knochen. Dadurch kann der überschießende Knochenabbau effektiv gebremst und das Gleichgewicht des Remodelings wiederhergestellt werden. Besonders bei frühzeitigem, individuell dosiertem Einsatz kann die biodidentische Hormonersatztherapie den Knochendichteverlust deutlich reduzieren. Gerade bei genetischer Vorbelastung kann eine individuell abgestimmte, bioidentische Hormonersatztherapie daher ein zentraler Baustein für die langfristige Knochengesundheit sein. Umso wichtiger wäre eine fundierte, ganzheitliche Beratung von Frauen – ein Aspekt, der in der Praxis leider noch viel zu oft zu kurz kommt.

Von daher empfehle ich allen Frauen ab Mitte 40, regelmäßige DXA-Messungen vornehmen zu lassen (siehe auch News vom 11.10.25) und sich zumindest bei einer Osteoporose-Vorstufe, auch Osteopenie, genannt, hinsichtlich einer Verbesserung der Lebensstilmaßnahmen bzw. einer bioidentischen Hormontherapie beraten zu lassen.


Quellen:
Platt O, Bateman J, Bakour S. Impact of menopause hormone therapy, exercise, and their combination on bone mineral density and mental wellbeing in menopausal women: a scoping review. Front Reprod Health. 2025 May 12;7:1542746. doi: 10.3389/frph.2025.1542746. PMID: 40421002; PMCID: PMC12104296.
Holloway-Kew KL, Morse AG, Anderson KB, Kotowicz MA, Pasco JA. Patterns of Bone Mineral Density Loss at Multiple Skeletal Sites Following Recent Menopause in Users and Non-Users of Menopausal Hormone Therapy. Calcif Tissue Int. 2025 Jun 4;116(1):80. doi: 10.1007/s00223-025-01392-8. PMID: 40468025; PMCID: PMC12137504.


Über die Autorin:


"Kyra Kauffmann, Jahrgang 1971, Mutter zweier kleiner Söhne, Volkswirtin, seit 20 Jahren niedergelassene Heilpraktikerin, Buchautorin, Dozentin, Journalistin und seit 3 Jahren begeisterte Medizinstudentin.

Zur Medizin kam ich durch meine eigene schwere Erkrankung mit Anfang 30, bei der mir seinerzeit kein Arzt wirklich helfen konnte. („Ihre Werte sind alle super – es ist alles rein psychisch!“). Hilfe bekam ich von Heilpraktikern, die zunächst einmal eine wirklich gründliche Labordiagnostik durchgeführt haben, ganz nach dem Vorbild von Dr. Ulrich Strunz. Es war eine neue Welt, die sich mir eröffnete und die Erkenntnisse, haben mich sofort fasziniert (ohnehin bin ich ein Zahlen-Daten-Fakten-Fan und habe nicht umsonst das Studium der VWL gewählt). Die Begeisterung war so groß, dass ich meinen alten Beruf an den Nagel hängte und Heilpraktikerin wurde. Meine Praxis führe ich seit 20 Jahren mit großer Begeisterung und bin – natürlich - auf Labordiagnostik spezialisiert und kann so oft vielen Symptomen auf den Grund gehen. In 2 Jahren hoffentlich dann auch als Ärztin.


Das Bild zeigt ein Porträt der News-Autorin Kyra Kauffmann.