07.08.2017
Liebe Anja,
"Wenn ich Dr. Strunz richtig verstehe sagt er ja, Low Carb ist kein Extrem, sondern die genetisch korrekte Form sich zu ernähren. Mein innerer Schweinehund will aber Kohlenhydrate, besonders auch dann, wenn ich im Stress bin (also im Berufsalltag).
Edubily hat hier also eine andere Bewertung und da muss ich mich offenbar entscheiden, wem ich glaube. Die Jungs sind zwar sehr beschlagen, aber Dr. Strunz ebenso und zudem ist er ein alter Haase mit viel Erfahrung. Er hat also Gründe, dass anders zu bewerten."
Dr. Strunz ist zuerst einmal Arzt und hat nicht zuletzt das gesundheitliche Wohl des bzw. der Menschen am Herzen (unterstelle ich jetz mal). Vieles von dem was er in seinen News schildert und propagiert betrifft Menschen mit teils gravierenden gesundheitlichen Problemen.
Seinem Mantra "Gib dem Körper was er braucht und er kann sich selber heilen", kann ich zu 95% zustimmen und es unterschreiben. Die restlichen mindestens 5%
sind meiner Meinung nach einfach nicht vorhersagbar (man kann alles "richtig" machen und trotzdem krank werden).
Dr. Strunz propagiert in diesem Sinne LC/NC und wird (zum Glück) nicht müde, das entsprechend oft zu wiederholen. Was er nicht so oft wiederholt, und was bei manchen Lesern in Vergessenheit zu geraten scheint, ist seine Bewertung von LC/NC. Für Dr. Strunz sind Kohlenhydrate vor allem die leeren (ohne weitere Nähr- und Vitalstoffe versehenen) industriell verarbeiteten kohlenhydratreichen Lebensmittel wie Pasta, Brot, Brötchen, Fertiggerichte. Auf die gilt es zu verzichten. Kohlenhydrate aus Gemüse akzeptiert er ja ausdrücklich.
Man kann sicherlich darüber streiten, wo man nun z.B. Kartoffeln und Reis einordnet.
Dr. Strunz hat sicher recht damit, dass KH in der Nahrung nicht essentiell sind. Glukose ist es dagegen für den Körper sehr wohl. Auch ist Glukose mehr, als nur
Energielieferant (für rote Blutkörperchen essentiell!). Glukose wird auch für Glykoproteine, Immunglobilune, Antikörper, Schleimproduktion (Schleimhäute), Gelenkknorpel (Wasserbindung -> Elastizität) und viele weitere Funktionen benötigt. Glukose ist so essentiell für den Körper, dass er diese per Glukoneogenese aus Eiweiß, Laktat und Glycerin selber synthetisieren kann.
Meine Sichtweise ist die, dass eine Gesamt-Kohlenhydratzufuhr in der Größenordnung dieser Glukoneogenesfähigkeit (150-200g/d) für einen Menchen ohne größere Stoffwechselstörungen völlig problemlos ist. Wer auch noch viel Bewegung hat / Sport treibt, verträgt auch (deutlich) mehr. Selbst Dr. Strunz schrieb dazu "als Sportler verbrennst du die KH direkt"; also kein Problem.
Edubily differenziert hier deutlich stärker als Dr. Strunz und zeigt nachvollziehbar (wenn man sich damit auseinandersetzt) die biochemischen Mechanismen auf.
Und der Biochemie müssen sich letzten Endes auch Erfahrung und Ideologie unterordnen (oder die Biochemie ist fehlerhaft dargestellt).
Was passiert bei KH Restriktion kurzfristig und langfristig? Was sind Vorteile und was sind Nachteile? Und natürlich gibt es Nachteile; Dr. Strunz ist diesbezüglich leider sehr zurückhaltend.
Edubily versucht eine Ernährungsweise in einen Kontext einzuordnen. Bin ich Krank und will Gesund werden? Will ich ein langes Leben? Will ich sportliche / mentale Ausdauer oder Spitzenleistung? Was für ein Typ (Körperbau, Stoffwechsel) bin ich?
Es kann nicht "die Eine" Ernährungsform geben, die in Bezug auf alle Zielsetzungen für alle das Maximum herausholt.
Ich muss meine Ziele definiern und kann dann versuchen ein Optimum meiner Zielsetzungen zu ereichen. Dazu kann eine KH Abstinenz oder zumindest eine KH Reduktion sinnvoll sein, auch Dauerhaft. Aber ich muss dann u.U. Abstriche an anderer Stelle in Kauf nehmen (der gute Marathon-Läufer wird keinen guten Kraftsportler abgeben und umgekehrt).
Nach Dr. Strunz könnte man leicht den Eindruck gewinnen, LC/NC wären ein dauerhaftes Allheilrezept für Alle und Alles; noch dazu weitgehend undifferenziert um welche KHs es sich handelt.
Ich halte es hier eher wie Dr. Robert Lustig, der in zu viel Zucker und vor allem Fruchtzucker und zu wenig Ballaststoffen die Hauptproblematik (bezüglich KHs) sieht.
Letzten Endes muss man Dr. Strunz' regelmäßiger Aufforderung nachkommen und Eigenverantwortung übernehmen, selber denken und sich eine Meinung bilden.
Ich halte einen gerellen, undifferenzierten KH Verzicht nicht für Sinnvoll. Er mag zwar effektiv sein, aber nicht notwendiger Weise auch effizeint (mit Kanonen auf Spatzen schießen ist auch effektif, aber nicht effizient; Munitionskosten, Kollateralschäden).
"Neuste Forschungen (FAZ letzte Woche) sagen, der Neanderthaler hätte NUR und ausschließlch Mammut gegessen. Wir dagegen Mischkost.
Nun gibt es Menschen, die mehr Neanderthaler in sich haben als andere (in der ARRTE Sendung hatte ein Mann nachweislich 66% seiner Gene vom Neanderthaler). Im Durchschnitt sollen es zw. 1 und 5% beim Europaer sein.
Was immer der Durchschnittswere auch wert sein mag ... Ich selbst vermute, dass ich mehr als 1% habe. Das schlägt hier ebenfalls zu Buche."
Die Neanderthaler haben ja nicht nur im Neanderthal gelebt. Und die Formulierung "nur und Ausschließlich Mammut gegessen" ist doch sehr weit her geholt. Da stand sicher nicht immer ein Mammut überall "griffbereit" herum, wenn ein Neanderthaler mal Hunger hatte. Wie in jeder Jäger - Räuber Beziehung in der Natur, ist auch hier sicherlich davon auszugehen, dass sich nicht immer bei Bedarf auch ein Jagderfolg eingestellt hat. Da mussten Alternativen gefunden werden oder es wurde (temporär) gehungert.
Womit wir bei den Zyklen wären.
Für tierische Lebewesen gilt das sogenannte "Kleibersche Gesetz" (oder "Kleibers Gesetz"). Es beschreibt den Zusammenhang zwischen Masse und Stoffwechsel von Tieren. Ein Mensch von 80Kg hat demnach einen vergleichbaren Stoffwechselumsatz, wie ein Tier von 80kg. Mit dem Unterschied, dass der Mensch über ein Organ verfügt, das zwar nur ~2% seiner Masse ausmacht, aber alleine schon ~20-25% des Energiebedarfs (Stoffwechsel, Sauerstoff) benötigt(!); das Gehirn. Um hier die Energieversorgung dauerhaft sicher zu stellen verfügt der Mensch über einige trickreiche Mechanismen. Fettstoffwechesl, Kohlenhydratstoffwechsel, Ketogener Stoffwechsel, aerober Stoffwechsel, anaerober Stoffwechsel.
Dr. David Perlmutter führt in seinem Buch "Dumm wie Brot" u.A. aus, dass die Fähigkeit Ketone zur Energieversorgung verwenden zu können den Menschen "maßgeblich vom Tier unterscheidet" und "mit dem hohen Enrgiebedarf unseres Gehirns zusammenhängt". Quasi ein energetisches Notlaufprogramm.
Der Mensch ist ein "Vielstoffverwerter", nicht zuletzt um eine dauerhaft ausreichende Energieversorgung des Gehirns sicher stellen zu können. Hinzu kommen noch Einsparungen in anderen Bereichen (z.B. Verdauung).
Dr. Strunz spricht oft von Epigentik, der Fähigkeit/dem Umstand durch Lebens- und Ernährungsumstände bestimmte Gene ein oder auszuschalten und dadurch Stoffwechselpfade und -vorgänge zu aktivieren oder zu deaktivieren (wird auch von edubily thematisiert). Dieses Verhalten (Gene "an", Gene "aus) steuert
nicht zuletzt die Nutzung des einen oder anderen Energiesubstrates (Glukose, Fettsäuren, Ketone, Laktat). Dieses Umschalten braucht aber Zeit, sowie die Bereitstellung entsprechender Hilfsstoffe (Co-Faktoren, Enzyme, Signalmoleküle).
Wird dauerhaft nur ein Stoffwechselpad benötigt und aktiv gehalten, werden die anderen Varianten zurückgefahren und "schlafen gelegt". Ein erneutes Aktivieren benötigt dann längere Zeit, auch für die Bereitstellung der Hilfsstoffe. Ggf. müssen ganze Stoffwechsel-Ketten aktiviert werden, was noch länger dauert, noch aufwändiger ist. Mit diesen Stoffwechelfähigkeiten ist es also wie mit allen anderen Fähigkeitn auch: "use it or lose it".
Daher der Vorteil von Zyklen. Verschiedenste Stoffwechselpfade werden Reih' rum mal aktiviert; der Körper behält die Fähigkeit auf unterschiedlichste Anforderungen und Umstände zu reagieren.
Das ist für mich "genetisch korrekt".
Bei edubily läuft das unter "metabolische Flexibilität". Also kein Bashing einer ganzen Nährstoffgruppe.
Zu diesen Zyklen zählen auch mal Phasen ohne Nahrungsaufnahme. Dadurch wird der Körper dazu veranlaßt ein Abbau/Recycling alter, schadhafter, nicht mehr benötigter Strukturen ("Autophagie") durchzuführen.
Das dürfte mit einer jeden-Tag-dauer-optimal-Versorgung schwierig werden.
Wie gesagt, der Körper ist ein Meister darin, temporäre Mangelzustände kompensieren zu können. Und wie Muskeln, Ausdauer und Gedächtnis kann und sollte man auch das trainieren.
KHs dauerhaft zu meiden, bis man sie langfristig dann schließlich tatsächlich gar nicht mehr verträgt, halte ich für nicht sinnvol und zielführend.
KHs temporär zu meiden (z.B. zyklisch, um einen entgleisten Stoffwechsel wieder "einzufangen" oder Übergewicht abzbauen) bzw. dauerhaft auf ein persönlich-normales Maß zu begrenzen (im Mittel; zyklisch gerne mit mal mehr mal weniger) halt ich dagegen für ausgesprochen sinnvoll. Vor allem, wenn man auch noch bei den KHs differenziert.
Aber das ist nur meine Sichtweise / Interpretation des Themas.
LG,
Thorsten