18.09.2017
Als Ingenieur, speziell aus dem Bereich Automobilbau, interessieren mich alternative Motorkonzepte und Antriebe natürlich sehr. Ja, es gibt eine Wikipedia-Seite zum Kohlenstaubmotor. Diese läßt aber arge Zweifel an diesem Konzept aufkommen:
"1899 experimentierte Rudolf Diesel mit einem Kohlenstaubmotor, Paul Meyer schilderte die Versuche dazu:
„Ich glaube, es geschah mit einem Suppenlöffel, Eingabe einer Portion Kohlenstaub, und […] sicher erinnere ich mich noch, dass nach etwa 5 Minuten der Scherz zu Ende war. Der Kohlenstaub hatte alle Kolbenringe festgesetzt, wurde zwischen Wand und Kolben durchgeblasen. […] Die Maschine erforderte zwei Tage Reinigungsarbeit, und dann wurde der Versuch vor einer hohen Kommission noch einmal mit dem gleichen Erfolg wiederholt.“ – Paul Meyer
Diesels Mitarbeiter Rudolf Pawlikowski (1868–1942) verfocht mit hohem persönlichen und materiellen Einsatz dessen Entwicklung weiter. 1916 brachte Pawlikowski den Kohlenstaubmotor erstmals zur Funktion, der umgebaute stationäre MAN-Dieselmotor leistete 80 PS. Der nach dem Akronym Pawlikowskis benannte Rupa-Motor wurde u. a. von der I.G. Farben und MAN von 1925 bis 1930 sowie von verschiedenen Maschinenfabriken in Deutschland bis 1940 weiterentwickelt. Von der I.G. Farben wurden mehrere Millionen Reichsmark in die Entwicklung des Kohlenstaubmotors gesteckt.
[...]
Der Verbrennungsvorgang im Kohlenstaubmotor war stets problematisch. Der Kohlenstaub musste eine gleichbleibende Feinheit aufweisen, durfte nicht verklumpen und musste sich zum richtigen Zeitpunkt selbst entzünden. Entscheidend für den Misserfolg des Kohlenstaubmotors war der systembedingte Laufbuchsenverschleiß durch die abrasive Wirkung des Kohlenstaubs im Zylinder, der dem 500-fachen eines Dieselmotors entsprach.
„Nach 150 Betriebsstunden erreichte eine Gusseisenbuchse von 420 mm Durchmesser eine Abnutzung am oberen Totpunkt des Kolbens von 7 mm.“ Ebenso wurde die Menge der anfallenden Asche und Schlacke, selbst bei optimaler Verbrennung, mit 5–10 Prozent des Verbrennungsmaterials berechnet. Wie man diese aus dem Zylinder entfernen könnte, war der Gegenstand verschiedener Patentschriften.
"Der Kohlenstaubmotor kann als ein Lehrbeispiel dienen, dass […] ein ungeeignetes Konzept auch mit noch so viel intellektuellem und materiellem Aufwand nicht erfolgreich […] umgesetzt werden kann. Für diese von Anfang an vorhersehbare Fehlentwicklung wurden große Geldbeträge im wahrsten Sinne des Wortes verpulvert.“
"
Abrasive Feststoffe im Verbrennungszyklus eines Hubkolbenmotors sind immer hochproblematisch. Das lernen Studenten schon in den ersten Vorlesungen über Kolbenmaschinen!
Auch die Deutsche Biographie von Rudolf Pawlikowski ist eher ernüchternd in Bezug auf die Entwicklung des Kohlenstaubmotors:
"[Rudolf Pawlikowski ...] widmete er sich seit 1911 der technischen Realisation des Kohlenstaubmotors, in dessen Entwicklung er bis zu seinem Tod ca. 2 Mio. Reichmark investierte.
Durch zahlreiche Innovationen (über 200 Patente in verschiedenen Ländern) konnte P. 1916 erstmals einen stationären Verbrennungsmotor mit Kohlenstaub ohne Zündöl und ohne Lufteinblasung betreiben; 1920 war dieser konstruktiv
ausreichend durchgebildet, so daß Mitte der 1920er Jahre daran gedacht wurde, stationäre Kohlenstaubmotoren zur Abdeckung der Spitzenlast von Elektrizitätswerken einzusetzen. P. gelang es allerdings nicht, die Fragen der
dauerhaften Kohlenstaubförderung sowie des Verschleißes von Zylinder und Kolben durch Asche befriedigend zu lösen.
[...] Der nach P.s Initialen benannte „Rupa-Motor“ blieb eine technikgeschichtliche Episode im Bemühen um die optimale Energieausnutzung der Kohle, da der komplexe apparative Aufwand keinen wirtschaftlichen Betrieb ermöglichte"
Sich in eine interessante, aber fixe Idee zu verrennen, um ein technisches Nischen-Konzept gegen systemimmanente Nachteile und bessere Alternativen (z.B. Kohlevergasung) umsetzen zu wollen, ist nicht gerade der Stoff, aus dem Nobelpreisträger geschnitzt sind...
Nichts desdotrotz ist es natürlich schön, einen engagierten und leidenschaftlichen Erfinder und Techniker in der Ahnenreihe zu haben; vor allem, wenn man selber für seine Themen ebenfalls mit großer Leidenschaft und Engagement brennt.
Da muss man dann wohl sagen, dass einge Eigenschaften eben doch nicht zwei Generationen übersprungen haben. Und es gibt keinen Grund für Dr. Strunz, sein Licht unter den Scheffel zu stellen.
LG,
Thorsten