Angst frisst Seele auf? Das muss nicht sein! Dagegen gibt’s doch eine körpereigene Substanz namens Cholin, die uns auch aus der Natur serviert wird… Das zumindest impliziert eine spannende Meta-Analyse, die von Forschern der University of California in Davis (USA) durchgeführt und im peer-reviewten Fachjournal „Molecular Psychiatry“ (gehört zur „Nature“-Gruppe) veröffentlicht wurde.

Zwei ihrer Erkenntnisse als Appetizer vorweg: Menschen mit Angsterkrankungen haben acht Prozent weniger Cholin im Gehirn als Gesunde – und womöglich kann eine Erhöhung des Cholins über die Nahrung oder Supplemente die gestörte Gehirn-Chemie wieder in eine gesunde Balance bringen und Angstsymptome lindern…

Cholin ist ein wasserlöslicher und Vitamin-ähnlicher Nährstoff, der früher als „Vitamin B4“ bezeichnet wurde. Er ist Vorläufer des Neurotransmitters Acetylcholin, eines der wichtigsten Nervenbotenstoffe im Körper: Er reguliert z.B. die Atmung, den Herzschlag, die Gefäßspannung (und damit auch den Blutdruck) und beeinflusst im Gehirn u.a. Aufmerksamkeit, Gedächtnisbildung und Lernvermögen. Ein Mangel an Acetylcholin spielt zudem eine wesentliche Rolle bei Alzheimer-Erkrankungen.

Des Weiteren ist Cholin Baustein der Zellmembranen, Regulator des Fettstoffwechsels und kann als „Leber-Entfetter“ der Bildung einer Fettleber (NAFLD) vorbeugen. Besonders wichtig ist der Biostoff auch für die Gehirnentwicklung des Embryos. Zwar kann der Körper kleine Mengen an Cholin selber herstellen – eine ausreichende Zufuhr über die Nahrung ist aber, wie die kalifornischen Forscher betonen, unverzichtbar.

Für ihre Analyse hatten die Forscher 25 Studien ausgewertet und die Werte spezieller Neurometaboliten – chemischer Substanzen wie Zucker, Fette oder Aminosäuren, die im Hirnstoffwechsel entstehen oder verbraucht werden – von 370 Probanden mit Angststörungen mit denen von 342 gesunden Menschen verglichen. So fanden sie heraus, dass Angstpatienten im Vergleich zu Menschen ohne diese Erkrankung einen niedrigeren Cholin-Spiegel im Gehirn aufwiesen. Speziell betroffen war der präfrontale Cortex, eine Hirnregion, die an der Regulation des Denkens, Verhaltens, Entscheidungsfindung-Prozessen und der Gefühle beteiligt ist. Die Autoren schlussfolgern, dass bei Angsterkrankungen die Balance der Botenstoffe im Gehirn gestört ist und dass deshalb Cholin-Verbindungen im Hirnstoffwechsel vermehrt verbraucht werden.

„Wer unter Angststörungen leidet, sollte überprüfen, ob seine tägliche Ernährung die empfohlene Tagesmenge an Cholin enthält“, rät deshalb Studienautor Professor Richard Maddock vom Department of Psychiatry and Behavioral Sciences an der University of California. Denn nicht nur in den USA, auch in Europa erreichen die wenigsten Menschen die empfohlene Tageszufuhr an Cholin. Der Forscher hält weitere Studien für wichtig, um zu prüfen, inwieweit mehr Cholin in der Nahrung oder in Form von Supplementen therapeutisch genutzt werden können.

Mein Senf dazu: Esst mehr Eier – an Egg a day keeps the doctor away! Nach Rinder-und Schweineleber enthalten Eier, speziell das Eigelb, die höchsten Cholin-Konzentrationen. Das rohe Eigelb bringt es sogar auf satte 680, das Spiegelei auf mindestens 270 je 100 Gramm. Die EFSA empfiehlt Erwachsenen eine Tagesdosis von 400 Milligramm pro Tag, Schwangeren 480 Milligramm. Das meiste Cholin findet sich in tierischen Lebensmitteln ¬– Gemüse oder Getreide enthalten nur einen Bruchteil davon.


Quellen:


Maddock, R.J., Smucny, J. Transdiagnostic reduction in cortical choline-containing compounds in anxiety disorders: a 1H-magnetic resonance spectroscopy meta-analysis. Mol Psychiatry 30, 6020–6032 (2025).
https://doi.org/10.1038/s41380-025-03206-7


Derbyshire E, Obeid R. Choline, Neurological Development and Brain Function: A Systematic Review Focusing on the First 1000 Days. Nutrients. 2020 Jun 10;12(6):1731. doi: 10.3390/nu12061731. PMID: 32531929; PMCID: PMC7352907.

https://health.ucdavis.edu/news/headlines/low-choline-levels-in-the-brain-associated-with-anxiety-disorders/2025/11


Über die Autorin:


Marion Meiners ist ausgebildete Verlagskauffrau und Journalistin und arbeitete viele Jahre für Zeitschriften als Redakteurin für Gesundheit und Ernährung. Zusammen mit Labor-Professor Hans-Peter Seelig schrieb sie das Buch „Laborwerte klar und verständlich“.
Ihre Begeisterung für Medizinthemen entdeckte sie in frühen Berufsjahren, nachdem ihr eine Verwandte einen Pschyrembel schenkte. Seither heißt ihr digitales „Wohnzimmer“ PubMed und die Faszination für die Ursachen-Fahndung bei Krankheiten sowie die Effekte von Ernährung und Lebensstil auf die Gesundheit hält an.

Das sagt sie über ihre Tätigkeit:

„Alles hängt mit allem zusammen im Körper. Das ist leider in unserer „Schubladen“-Medizin noch nicht so ganz angekommen. Ein Nährstoffmangel kann etwa ebenso fatale Auswirkung auf alle Organsysteme haben wie z.B. ein kranker Zahn. Umgekehrt kann schon eine veränderte Zusammenstellung der Makro-oder Mikronährstoffe in der Ernährung gigantische therapeutische Effekte entfalten. Welche, und wie gut belegt diese sind – darüber möchte ich informieren.“


Das Bild zeigt ein Porträt der News-Autorin Marion Meiners.