Seit Jahren polarisiert kaum ein Stoff in Patientenkreisen so stark wie die Chlordioxid-Lösung (CDL). Von Anhängern als „universelles Heilmittel“ gefeiert, von Wissenschaft und Behörden hingegen als gesundheitsgefährlich eingestuft.

Der „CDL“-Hype ist nicht plötzlich entstanden. Er kam in Wellen, angetrieben von Jim Humble (verstorben 2019 oder 2023) mit dem Vorläuferprodukt MMS, später verstärkt durch Social Media, „Alternative-Medizin“-Netzwerke und Krisen wie COVID-19.

CDL ist kein seltenes Nischenprodukt. Im Gegenteil: Sie ist online leicht zu finden, wird über internationale Shops, Messenger-Gruppen und Szene-Netzwerke vertrieben und oft mit dem Versprechen verkauft, eine „unterdrückte“ Alternative zur Schulmedizin zu sein. CDL wird in einschlägigen Kreisen als Lösung für nahezu alles propagiert: Infektionen, Krebs, Autismus, Long Covid, chronische Erschöpfung. Die Liste liest sich wie ein medizinisches Wunschkonzert. Die Argumentation folgt dabei oft demselben Muster:

  • „Die Schulmedizin will das unterdrücken“
  • „Es wirkt, weil es Keime oxidiert“
  • „Nebenwirkungen sind nur Entgiftungsreaktionen“

Das ist nicht nur wissenschaftlicher Unfug, sondern auch ethisch problematisch.

Und die leichte Verfügbarkeit von CDL führt bei vielen zu einem fatalen Trugschluss: Was man so einfach im Internet kaufen kann, kann doch nicht illegal sein. Doch das stimmt so nicht. In Deutschland und in der gesamten EU ist CDL eben nicht als Arzneimittel, Lebensmittel oder Nahrungsergänzungsmittel zugelassen. Der Verkauf zur inneren Anwendung ist damit ganz klar unzulässig. Auch Werbung mit Heil- oder Gesundheitsversprechen verstößt gegen geltendes Recht. Zahlreiche behördliche Warnungen, Verkaufsverbote und Strafverfahren belegen das seit Jahren.

Es wird trotzdem verkauft, weil die Anbieter auf einen bekannten Trick setzen: Sie deklarieren das Produkt als „technische Chemikalie“, „Wasseraufbereitungsmittel“ oder „Desinfektionslösung“ und versehen es mit dem Hinweis „nicht zur Einnahme bestimmt“. Die eigentliche Anwendung wird dann informell weitergegeben in Videos, PDFs oder persönlichen Chats.

Chlordioxid ist jedoch kein sanftes, unterdrücktes Naturheilmittel. Es handelt sich um ein hochreaktives Oxidationsmittel, das industriell u. a. zur Desinfektion von Wasser, zur Papierbleiche oder zur Oberflächenreinigung eingesetzt wird. Seine Wirkung beruht darauf, Mikroorganismen durch Oxidation zu zerstören. Genau hier beginnt das Problem: Was Bakterien, Viren und Biofilme schädigt, macht keinen Halt vor menschlichem Gewebe. Chlordioxid reagiert besonders gern mit bestimmten chemischen Gruppen in Biomolekülen (z. B. schwefelhaltigen Aminosäuren in Proteinen). Dadurch werden Proteine denaturiert, Membranen geschädigt und Stoffwechselprozesse unterbrochen. Für Keime kann das tödlich sein. Der Punkt ist nur: Diese Angriffspunkte gibt es auch in menschlichen Zellen.

Befürworter behaupten oft, Chlordioxid wirke „selektiv“ gegen Krankheitserreger. In bestimmten technischen Anwendungen stimmt es, dass es bei korrekter Dosierung und Kontaktzeit vergleichsweise zielgerichtet desinfizieren kann. Im menschlichen Körper ist die Situation aber völlig anders: Im Magen-Darm-Trakt trifft ClO₂ auf Schleimhaut, Proteine, Fette, Mikrobiom, Verdauungsenzyme. Es reagiert nicht „intelligent“ oder selektiv, sondern chemisch. Ein Oxidationsmittel unterscheidet nicht zwischen „gut“ und „böse“, sondern zwischen „reagiert“ und „reagiert nicht“.

Darum sind Beschwerden wie Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Schleimhautreizungen keine „Entgiftung“, sondern passen chemisch sehr gut zu lokaler Reizung/Schädigung.

Es gibt keine belastbaren klinischen Studien, die eine sichere und wirksame Einnahme von CDL beim Menschen belegen. Dagegen existieren zahlreiche dokumentierte Fälle von:

  • Schleimhautverätzungen
  • Erbrechen und Durchfall
  • Elektrolytstörungen
  • Nieren- und Leberschäden
  • lebensbedrohlichen Komplikationen

Der Erfolg von CDL lässt sich nicht allein mit „Leichtgläubigkeit“ erklären. Er ist Symptom eines tieferliegenden Problems. Nämlich der Vertrauensverlust in die herkömmliche Medizin. CDL verkauft Autonomie und liefert stattdessen Risiko.

Kritik an CDL ist kein Angriff auf alternative Denkweisen, sondern eine notwendige Grenzziehung. Meinungsfreiheit endet ganz klar dort, wo Menschen durch falsche Versprechen geschädigt werden.

Chlordioxid-Lösung ist kein missverstandenes Wundermittel, sondern ein Stoff mit klar definiertem industriellem Nutzen und klaren gesundheitlichen Risiken bei Einnahme. Die Romantisierung als „verbotene Wahrheit“ oder „natürliche Alternative“ ist meiner Meinung nach sehr gefährlich.


Quellen:

Brandariz-Núñez D, Balado-Alonso AM, De La Cámara-Gómez M, Fandiño-Orgueira JM, Martín-Herranz MI. Toxicity induce by chlorine dioxide. Farm Hosp. 2022 Jul 15;46(5):308-310. English. PMID: 36183232.


Lardieri A, Cheng C, Jones SC, McCulley L. Harmful effects of chlorine dioxide exposure. Clin Toxicol (Phila). 2021 May;59(5):448-449. doi: 10.1080/15563650.2020.1818767. Epub 2020 Sep 22. PMID: 32960110; PMCID: PMC7982344.


Über die Autorin:


"Kyra Kauffmann, Jahrgang 1971, Mutter zweier kleiner Söhne, Volkswirtin, seit 20 Jahren niedergelassene Heilpraktikerin, Buchautorin, Dozentin, Journalistin und seit 3 Jahren begeisterte Medizinstudentin.

Zur Medizin kam ich durch meine eigene schwere Erkrankung mit Anfang 30, bei der mir seinerzeit kein Arzt wirklich helfen konnte. („Ihre Werte sind alle super – es ist alles rein psychisch!“). Hilfe bekam ich von Heilpraktikern, die zunächst einmal eine wirklich gründliche Labordiagnostik durchgeführt haben, ganz nach dem Vorbild von Dr. Ulrich Strunz. Es war eine neue Welt, die sich mir eröffnete und die Erkenntnisse, haben mich sofort fasziniert (ohnehin bin ich ein Zahlen-Daten-Fakten-Fan und habe nicht umsonst das Studium der VWL gewählt). Die Begeisterung war so groß, dass ich meinen alten Beruf an den Nagel hängte und Heilpraktikerin wurde. Meine Praxis führe ich seit 20 Jahren mit großer Begeisterung und bin – natürlich - auf Labordiagnostik spezialisiert und kann so oft vielen Symptomen auf den Grund gehen. In 2 Jahren hoffentlich dann auch als Ärztin.


Das Bild zeigt ein Porträt der News-Autorin Kyra Kauffmann.