Dem bekannten amerikanische Forscher Theodore Woodward wird dieser - unter Ärzten oft zitierte - Rat zugeschrieben:


„If you hear hoofbeat, think of horses, not zebras“ –

„Wenn Sie Hufschläge hören, denken Sie an Pferde, nicht an Zebras.“


Grundsätzlich ist dies ein guter Ratschlag, denn auch in der Medizin gilt: Was häufig ist, kommt auch häufiger (in einer medizinischen Praxis) vor. D.h. haben Sie einen normalen Brechdurchfall, geht man in der Regel von einer hierzulande üblichen Infektion aus, wie z.B. einer harmlosen Salmonellen-Infektion und man denkt logischerweise nicht an Cholera.

Wenn Therapeuten vor lauter Pferden überhaupt nicht mehr an Zebras denken, wird es problematisch: So ging es auch einer Patientin, die mehr als 20 Jahre an schwerer Akne litt, die ihr entstellende atrophe Narben verursachte. Akne wird immer noch als primäre hormonelle Störung betrachtet und häufig auch verharmlost. Was diese entstellende und schmerzhafte Erkrankung gerade mit jungen Frauen macht, ist nur für Betroffene wirklich nachvollziehbar. Ich selbst habe in meinen Zwanzigern auch an einer solchen Akneform gelitten, deren Folgen auch 30 Jahre später noch sichtbar sind.

Alle gängigen Aknetherapien, zu denen auch schwere Antibiotika gehörten, konnten dieser Patientin langfristig nicht helfen.

Zu der Hauterkrankung kamen mit der Zeit auch gastrointestinale Beschwerden und psychische Symptome, wie Angst- und Schlafstörungen sowie Depressionen.

Erst nach 20 Jahren Leidensweg kam ein Dermatologe auf die Idee, auch einmal im Blut der Patientin nach entsprechenden Mikronährstoffen zu schauen und – siehe da! - er wurde fündig. Die Patientin litt an einem ausgeprägten Vitamin B3-Mangel.

Diese einfache Routine-Untersuchung als Eingangsdiagnostik hätte der Patientin vermutlich einen über 20 Jahre dauernden Leidensweg erspart. Doch leider gehört die Mikronährstoffdiagnostik immer noch nicht zur Routinediagnostik beim Dermatologen (und auch nicht bei anderen Fachärzten). Hauterkrankungen haben in vielen Fällen Mikronährstoffmängel als Ursache, oft ist es Zink, aber oft auch Vitamin B3.

Ein Vitamin B3-Mangel führt zu einem bekannten Symptomenkomplex namens Pellagra. Hierzu schreibt das bekannte Medizin-Enzyklopädie Pschyrembel:

„Früher in Entwicklungsländern häufige Erkrankung durch Mangel an Niacin und anderen B-Vitaminen infolge einseitiger Ernährung mit Mais oder Hirse sowie infolge Malabsorption (z. B. Hartnup-Krankheit). Behandelt wird durch Gabe von Nikotinamid und Nikotinsäure.“

Solche lapidaren Aussagen halten die meisten Ärzte von einer Untersuchung auf ein mögliches Vitamin B3-Defizit ab, wenn ein halbwegs normal ernährter Europäer vor einem sitzt. Denn wer ernährt sich heutzutage hierzulande überwiegend von Mais oder Hirse?

Dennoch: Pellagra kommt auch hierzulande immer noch vor.

Bis vor wenigen Jahrzehnten war sie in Süd- und Osteuropa und in den Südstaaten der USA sogar weit verbreitet. Bedingt durch eine Mangelernährung mit Mais und Hirse. Der Schriftsteller Lew Kopelew beschrieb in einem seiner Bücher Pellagra und die damals einfache wie effektive Therapie:

„Für die Pellagra-Kranken gab es abends zusätzlich zum gewöhnlichen Linsen- oder Haferbrei geronnenes Blut in dunkelroten Klumpen. Das galt als sehr heilkräftig.“

Vitamin B3 ist ein Vitamin, das wir vor allem über folgende Nahrungsmittel zu uns nehmen können: Eier, Kleie, Erdnüsse, Fleisch und nicht zuletzt Vitamin B3 in bequemer Tablettenform.

Auch ich finde immer häufiger milde Formen von Pellagra bei meinen Patienten, insbesondere bei Veganern.

Wer misst, der findet!

Daher: Denken Sie auch zwischendurch mal an Zebras!


Quellen:

https://www.pschyrembel.de/Pellagra/K0GHA/doc/

https://www.aerztezeitung.de/Medizin/Pellagra-statt-Akte-Frau-lebte-20-Jahre-mit-falscher-Diagnose--445236.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Pellagra


Über die Autorin:


"Kyra Kauffmann, Jahrgang 1971, Mutter zweier kleiner Söhne, Volkswirtin, seit 20 Jahren niedergelassene Heilpraktikerin, Buchautorin, Dozentin, Journalistin und seit 3 Jahren begeisterte Medizinstudentin.

Zur Medizin kam ich durch meine eigene schwere Erkrankung mit Anfang 30, bei der mir seinerzeit kein Arzt wirklich helfen konnte. („Ihre Werte sind alle super – es ist alles rein psychisch!“). Hilfe bekam ich von Heilpraktikern, die zunächst einmal eine wirklich gründliche Labordiagnostik durchgeführt haben, ganz nach dem Vorbild von Dr. Ulrich Strunz. Es war eine neue Welt, die sich mir eröffnete und die Erkenntnisse, haben mich sofort fasziniert (ohnehin bin ich ein Zahlen-Daten-Fakten-Fan und habe nicht umsonst das Studium der VWL gewählt). Die Begeisterung war so groß, dass ich meinen alten Beruf an den Nagel hängte und Heilpraktikerin wurde. Meine Praxis führe ich seit 20 Jahren mit großer Begeisterung und bin – natürlich - auf Labordiagnostik spezialisiert und kann so oft vielen Symptomen auf den Grund gehen. In 2 Jahren hoffentlich dann auch als Ärztin.