28.06.2022
Geht gesund auch mit Carbs?
Wenn man gesund mit genetisch korrekt gleichsetzt auf jeden Fall, unbedingt; schon seit 100.000den von Jahren.
https://www.spektrum.de/news/palaeodiaet-was-die-neandertaler-wirklich-assen/2032417?utm_source=pocket-newtab-global-de-DE
»So einseitig wie Wölfe« hätten sich die Neandertaler ernährt, verkündeten 2005 die Urgeschichtsforscher Michael Richards und Ralf Schmitz auf einer Pressekonferenz in Bonn. [...]Der Fleischanteil an der Nahrung europäischer Neandertaler habe bei mehr als 90 Prozent gelegen. Dieser Rückschluss aus den Isotopenmessungen erwies sich später als voreilig und unzutreffend. Doch verbreitet durch eine Meldung der Deutschen Presse-Agentur dpa, wurde die Botschaft vor 17 Jahren im gesamten deutschen Sprachraum nachgedruckt und prägt seitdem hartnäckig die öffentliche Wahrnehmung.
»Die Hypothese von den [nahezu] ausschließlich Fleisch essenden Neandertalern ist nur sehr schwer aus der Welt zu schaffen«, sagt die Archäologin Amanda Henry, Assistenzprofessorin an der niederländischen Universität Leiden. [...] Zahnstein ist für die meisten Menschen etwas zutiefst Lästiges. Doch für Experten wie Amanda Henry ist er begehrte Zeitkapsel und Schatzkiste zugleich.
Am verblüffendsten jedoch für alle, die noch das Bild der wölfischen Fleischverschlinger in den Köpfen haben, dürfte dies sein: Neandertaler haben sich zwar großenteils von Fleisch ernährt, aber zu einem erheblichen Teil auch von Pflanzen. Dass der Anteil vegetarischer Nahrung tatsächlich bedeutsam gewesen sein muss, hat 2021 eine international besetzte Arbeitsgruppe um James Fellows Yates vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena nachgewiesen. Amanda Henry war Teil des Teams. Die Gruppe untersuchte bis zu 100 000 Jahre alte Zähne von modernen und frühen Angehörigen der Gattung Homo sowie von mehreren Affenarten. In der Fachzeitschrift »PNAS« stellten die Forscher fest:
Der Zahnstein auf den untersuchten Zähnen enthielt – eingeschlossen in die Kalkmatrix – genügend DNA-Fragmente vom einstigen Biofilm, um die bakterielle Besiedlung der Mundhöhle des betreffenden Individuums zu rekonstruieren.
[...] Die Besiedlung, das orale Mikrobiom, unterscheidet sich in der Homo-Linie grundlegend von derjenigen etwa bei Schimpansen. Die Ähnlichkeit des Mikrobioms von Neandertaler und modernem Menschen geht so weit, dass auf den Zähnen beider Menschenformen die DNA derselben speziellen amylasebindenden Streptokokken zu finden ist. Das sind Bakterien, die besonders gut pflanzliche Stärke verdauen können.
Das zeigt: Nicht nur anatomisch moderne Menschen, sondern bereits Neandertaler und vermutlich schon deren Vorläufer haben offensichtlich viel pflanzliche Stärke zu sich genommen. So viel, dass in ihren Mundhöhlen seit mehr als 100 000 Jahren eine an stärkehaltige Nahrung angepasste Mundflora entstand.
Neandertaler-Zahnstein von diversen europäischen Fundstellen war denn auch die Basis der 2014 im »Journal of Human Evolution« veröffentlichten Studie eines Teams um Robert Power und Amanda Henry. [...]
Amanda Henry bilanziert: »Wir haben keinerlei geografisch oder klimatisch bedingte Unterschiede bei der Anzahl der konsumierten Pflanzenarten entdeckt.« Wie die untersuchten Zahnsteinproben zeigten, war es egal, wo die betreffenden Neandertaler gelebt hatten; überall stand ein ähnlicher Anteil an kohlenhydratreichen Pflanzen auf ihrem Speisezettel.
[...] Dazu gehörten Süßgräser (Triticeae), also Wildgetreide, zu denen auch die Vorläufer von Weizen und Roggen gerechnet werden. Ferner aßen die Frühmenschen Hülsenfrüchtler (Fabaceae), etwa die Wildformen von Bohne, Erbse und Linse. [...]
Warum überhaupt haben die Frühmenschen neben Fleisch auch pflanzliche Nahrung zu sich genommen? Die Antwort liegt höchstwahrscheinlich in der Physiologie der Gattung Homo. Stichwort: Proteinvergiftung. Den Effekt nennen Physiologen und Ernährungswissenschaftler auch Kaninchenhunger. [...]
Aminosäuren, die Bausteine von Eiweiß, enthalten Stickstoff, den der menschliche Körper nicht in größeren Mengen [kalorisch] verwerten kann. [...] Der menschliche Körper hat zwei biochemische Wege, um ein Zuviel an Stickstoff loszuwerden. Einer ist die Zufuhr von Kohlenhydraten wie typischerweise Stärke; das hilft, den Stickstoff auszuscheiden. Ein zweiter Entgiftungsweg ist die Aufnahme großer Mengen von Fett. Ihn beschreiten die Inuit in der Arktis, wo so gut wie keine stärkehaltigen Pflanzen verfügbar sind, aber Robben und Wale große Mengen Fett liefern. Die Entgiftung durch Fett war den Neandertalern kaum möglich. Das Wildfleisch, von dem sie großenteils lebten, war fettarm. Und die Markknochen und das Hirn allein wogen die Masse an magerem Muskelfleisch nicht auf. Also blieb nur der Entgiftungsweg via Kohlenhydrate. [...]
Ohne stärkehaltige Beikost kamen die Wildbeuter der Gattung Homo offenbar in keiner Phase ihrer Entwicklungsgeschichte aus.
****