09.07.2016
Ja, uns Nachfahren des Neandertalers gibt es noch. Aber sind wir deshalb jetzt „besser“?
Seit wir vor etwa 10.000. bis 5.000 Jahren begannen, uns an den Acker zu setzen, Getreide anzubauen und sesshaft zu werden (viele bezeichnen das heute als den größten Fehler der Menschheit), begann auch der Selektionsdruck allmählich und immer stärker abzunehmen. Mit dem Ergebnis, dass sich heute auch fortpflanzen und seine Gene und epigenetischen Programmierungen weitergeben kann, wer es unter steinzeitlichen Bedingungen nie bis ins reproduktionsfähige Alter geschafft hätte – mit entsprechend negativen Auswirkungen auf den menschlichen Genpool insgesamt. Von der Bevölkerungsexplosion erst gar nicht zu reden.
Man möge mich aber bitte nicht falsch verstehen! Selbstverständlich ist jedes einzelne Leben vorbehaltlos wert, gelebt zu werden. Jeder hat zweifelsfrei das Recht, sich fortzupflanzen und eine Familie zu haben. Keine Frage! Und natürlich will sich heute keiner mehr freiwillig dem einstigen Selektionsdruck unterwerfen (vulgo: in unbeheizten, ungeschützten Räumen leben und ständig gegen das Verhungern ankämpfen müssen). Aber für den menschlichen Genpool ist das insgesamt keine Verbesserung gewesen (obwohl es natürlich hypothetisch mal sein könnte, dass sich die Umweltbedingungen sprungartig so ändern, dass dann gerade die Übergewichtigen mit degenerierten Bewegungsapparaten, Raucherlungen und ausgeprägtem Smartphone-Daumen die größten Überlebens- und Fortpflanzungschancen hätten – allerdings übersteigt das mein Vorstellungsvermögen, sodass das für mich mal keine Option darstellt).
Wir halten uns – den heutigen Menschen – aufgrund einzelner Spitzenleistungen fälschlicherweise für die Krönung der Schöpfung. Ja, wir haben uns die Erde untertan gemacht. Ja, wir können zum Mond fliegen. Ja, wir können die 100m deutlich unter zehn Sekunden sprinten. Und ja, wir haben uns so Dinge wie die Relativitätstheorie ausgedacht. Aber sind das wirklich „wir“ gewesen? Mitnichten! Das waren und sind ganz wenige herausragende Einzelleistungen von ganz weit entfernten Verwandten. Der heutige Durchschnittsmensch ist hingegen sowohl kognitiv als auch körperlich dem durchschnittlichen Mitglied einer Jäger&Sammler-Gesellschaft deutlich unterlegen. Denn wer von uns war schon auf dem Mond, wer von uns rennt die 100m unter zehn Sekunden und wer kann die Relativitätstheorie so erklären, dass man erkennt, er hätte sie durch und durch verstanden? Nahezu niemand!
Klar, damals gab es wohl niemanden, der auf einer befestigten, schnurgeraden, ebenen, genau vermessenen Bahn gegen einen Usain Bolt eine Chance gehabt hätte (zumindest hätte damals niemand einen Sinn darin gesehen, das mal zu probieren). Aber auf 150m kreuz und quer durch die Steppe hätten mindestens neun von zehn steinzeitlichen Jägern & Sammlern den Usain Bolt geschlagen (vor allem auch deshalb, weil sich Usain bereits nach 5 Metern im unebenen, ungewohnten Terrain dermaßen verknöchelt hätte, dass er dem „Säbelzahntiger“ als erster zum Opfer gefallen wäre :-) ). Und die Relativitätstheorie war damals relativ irrelevant (was sie auch heute noch ist).
Beim heutigen Menschen ist der Abstand zwischen Spitzenleistung durch einzelne Exemplare einerseits und breite Durchschnittsleistung bzw. Minderleistung auf der anderen Seite enorm groß, während man von fast jedem x-beliebigen Mitglied eines Jäger&Sammler-Stammes erwarten konnte, dass er die allgemeine (Durchschnitts)Leistung locker erbringen würde. Ja, die Durchschnittsleistung lag unter unseren heutigen Spitzenleistungen. Zweifelsfrei. Allerdings hat diese Durchschnittlsiestung damals auch (fast) jeder erbracht. Weil er sie erbringen musste, um bis ins fortpflanzungsfähige Alter zu überleben, sich fortzupflanzen und die Brut noch lange genug aufziehen zu können! Und diese Durchschnittleistung (mit sehr geringer Standardabweichung) lag deutlich über der heutigen Durchschnittsleistung (mit viel größerer Streuung). Bei uns heute reicht eine deutlich geringere als die damalige Durchschnittsleistung locker aus, um zu überleben und sich fortzupflanzen. Und die diesbezüglich erforderliche Leistung wird weiterhin kontinuierlich geringer. Mit den bereits erwähnten negativen Konsequenzen für den menschlichen Genpool insgesamt.
Ja, wir leben noch. Aber um welchen Preis?!
Dass ein Strunz auch nur eine müde Mark mit so etwas Banalem wie „Beweg dich, iss richtig und stress dich nicht!“ verdienen konnte, zeigt ja deutlich, in welch zweifelhafte Richtung sich die Menschheit bereits entwickelt hat. Ja, gut, „wir“ können zum Mond fliegen. Nur was hab ICH jetzt konkret davon, wenn mich grad die Bandscheibe zwickt, weil ich schon wieder gegen meine Natur verstoßen habe, indem ich nur blöd vorm Computer sitze anstatt zu tun, was jeder Neandertaler ohne nachzudenken (und zwangsläufig) getan hat? Nix hab ich davon!
Ah, okay, die Gefahr, dass heute noch ein Säbelzahntiger bei meiner Türe hereinstürmt und mich fressen will, ist vergleichsweise gering. Ich möchte daher doch lieber nicht mit dem Neandertaler tauschen. Bin aber gleichzeitig froh, dass ich mich mit keinem von ihnen messen muss. Denn dieses Match würde ich auf der ganzen Linie verlieren. Und Du übrigens auch! Ja, auch Du da drüben! Na und Du sowieso! Doch, doch, Du da hinten auch, glaub mir! ;-)