05.09.2016
Leiber Günther,
vielen Dank für deinen Beitrag.
"warum das Extrem (!) "Gabius" sehr wohl anders zu sehen ist als das Extrem (!) "Kenianer"."
Schön, dass auch du sowohl Gabius als auch die Kenianer als Extrem siehst. Da sind sind wir schon mal einer Meinung.
"Dass Du dann in Deiner Replik wiedermal vom Hundertsten ins Tausendste kommst, ist schade aber typisch für diese Diskussion."
Für mich ist das typische an dieser Diskussion, dass viele "Strunzianer" das No-/Low-Car-Prinzip zu einer Art fundamentalistischen Ernährungs-Ersatzrelion erhoben zu haben scheinen.
Unfähig oder unwillig, über den Tellerrand hinaus zu schauen.
Der Erkenntnisgewinn ist nicht mit der Ekenntnis "zu viele (leere) Kohlehydrate schaden" abgeschlossen. Weiter gehende, differenziertere Erkenntnisse sind nun mal der Feind des Bestehenden.
Ich bin überzeug davon, dass es in Ernährungsfragen, genau wie bei Religionen, keine absolute, alleinige, seelig machende Wahrheit gibt. Die alleinige, fundamentalistische Fokussierung auf EIN Ernährungsprinzip mag für viel Menschen hilfreich sein und Sicherheit geben, aber sie ist bestimmt nicht alleinig allgemeingültig. Die Lebensrealität verschiedener Bevölkerungsgruppe weltweit spricht eine deutlich andere Sprache.
"Na selbstverständlich haben wir auch einen Kohlenhydratstoffwechsel! Und na selbstverständlich können, sollen und müssen wir diesen auch
zu einem bestimmten Grad nützen! Und dürfen auch Kohlenhydrate zu uns nehmen."
Absolut d'accord!
Ich gehe sogar soweit, zu sagen, dass auch Kohlenhydrate Bestandteil einer genetisch korrekten Ernährung sind! Genaugenommen befinden wir modernen Menschen uns auch und immernoch in einer Phase genetischer Veränderung und Anpassung.
Wir sind deutlich besser in der Lage, Kohlenhydrate / Stärke zu verstoffwechseln, als der Frühmensch war. Wir haben eine deutlich höhere Aktivität der Amylase-Gene.
Und da nahezu alle unsere Zellen in der Lage sind, Glucose zu verstoffwechseln, gehe ich davon aus, dass es sich dabei nicht um eine Art "Entgiftungsfunktion" des Körpers handelt, sondern um eine körperweite Maßnahme, die Energieversorgung flexibler und damit sicherer zu gestalten.
Übrigens gibt es diesen Anpassungseffekt auch bei des Menschen bestem Freund, dem Hund. Als unbestreitbarer Wolf-Abkömmling ist der moderne Hund deutlich besser in der Lage Kohlenhydrate zu verstoffwwechseln, als der Wolf (Ja, ich weiß. Das macht Kohlenhydrate immer noch nicht zum guten Hundefutter, aber es bringt den den Hund bei gelegentlichem Verzehr auch nicht gleich um).
Wenn man jetzt nur nach "genetisch korrekten" Gesichtspunkten Leben würde, hätte es deratige Anpassungen nicht geben dürfen. Das Ganze hat auch etwas mit Anpassung an geänderte Lebensbedingungen zu tun. Und dem kann sich auch der Mensch nicht entziehen. Dass wir unsere Lebensbedingungen schneller ändern, als eine (genetische) Anpassung stattfinden kann steht auf einem anderen Blatt.
"Aber aus dem Umstand, dass ein paar kenianische Spitzenathleten mit einer extremen high carb Ernährung Erfolge erzielen, eine allgemeingültige Empfehlung für jedermann abzuleiten, bzw. umgekehrt aus dem Vorhandensein eines Kohlenhydratstoffwechsels abzuleiten, dieser dürfe und müsse dann auch exzessiv genutzt werden - und das tust Du, wenn Du nicht verstehen willst,dass das Modell "Kenianer" nicht allgemeintauglich ist -, ist einfach falsch!"
Deine Aussage zeigt mir, dass ich mich offensichtlich zu missverständlich ausgedrückt habe.
Ich habe ein grundsätzliches Problem damit, wenn die extreme Ernährungsform einiger Spitzensportler (hier: Low-Carb) als allgemeingülte Empfehlung ausgesprochen wird und eine andere extreme Ernährungsform anderer (erfolgreicherer) Spitzensportler (hier: High-Carb) verdammt wird.
Weder empfehle ich Hig-Carb, noch gebe ich eine allgemeingültige Empfehlung ab (im gegensatz zu Dr. Strunz). Und schon gar nicht habe irgendwo exzessivem Kohlehydrat-Konsum das Wort geredet! Ich habe mir aber erlaubt, auf die argumentative Schwäche der einseitgien Fixierung auf Low-Carb hinzuweisen. Wenn mit verschiedenen Ernährungs-, Lebens- und Trainingsprinzipien gleichwertige Leistungen erbracht werden können, sind diese Prinzipien offenbar vergleichbar. Dann kann ich nicht eines als Überlegen herausstellen und das andere mit der Begründung "Das sind Profis, wir nur Amateure / Normalos. Daher ist das nicht vergleichbar" abbügeln!
Auch fehlt es mir an Informationen über die Randbedingungen. War Low-Carb der erwähnten Sportler ein Dauer-Ernährungsprinzip oder nur Teil einer Periodisierung im Training? Jean hat es für Gabius ja dargestellt; eine Phase, nicht notwendigerweise ein Dauerzustand!
"Ebenso falsch ist in diesem Zusammenhang der Hinweis auf die Glukoneogenese und das Schwingen der damit verbundenen "Drohkeule", man würde seine Muskelmasse opfern."
Sehe ich anders. Wenn der Körper Gluconeogenese betreibt, braucht er Eiweiß. Wo das herkommt ist ihm erst mal egal. Ob aus der Nahrungsaufnahme oder aus dem Abbau körpereigener Eiweisstrukturen (z.B. Muskelzellen) interessiert in diesem Fall nicht.
Es bleibt der Umstand, dass hochwertiges Protein, DAS Baumaterial für den Körper, eigenlich verschwendet wird. Niemand würde auf die Idee kommen, sich im Möbelhaus ein paar Massivholzmöbel extra zu kaufen, damit er Holz für den Kamin hat. Einfaches Kronenholz aus dem Wald tut es auch. Bei entsprechender Qualität (gut getrocknet) in allen Belangen eine sinvollere Vorgehensweise.
Darüber hinaus ist es nahezu unmöglich, bei einer derart entsprechend hohen Eiweiszufuhr eine ketogene Stoffwechsellage zu erreichen.
"Das high carb Modell der Kenianer ist jedoch nur für (kenianische) Spitzenathleten sinnvoll, für alle anderen gefährlich."
Diese Aussage stütz sich auf welche Erkenntnisse, Studienergebnisse? Es gibt genügend, sich Hig-Carb ernährende Völker, die sich eben nicht mit "unseren" Zivilisationskrankheiten herumschlagen müssen sondern ein gesundes Leben führen.
Prof. Dr. Frank Madeo, Molekularbiolge mit dem Schwerpunkt Altersforschung an der Universität Graz, hat einige sehr interessante Erkenntisse beizusteuern; und steht damit nicht notwendiger Weise im Widerspruch zu Dr. Strunz.
Dr. Strunz propagiert Low-Carb ja nicht zuletzt auch mit der Argumentation, den Insulinspiegel niedrig zu halten ("Insulin stoppt Fettverbrennung"); allerdings als chronischen Dauerzustand (Low-Carb als Lebensweise, nicht als temporäre Intervention).
Madeo hat nun im Experiment herausgefunden, dass der Wechsel zwischen Fastenphasen (niedriger Insulinspiegel) und Ernährungsphasen (ohne Restriktionen!) für die (metabolische) Gesundheit, Langlebigkeit und auch Leistungsfähigkeit von Vorteil sind. In dieser Kombination ist auch ein Verzicht auf Kohlenhydrate nicht notwendig.
Über den Tellerrand der eignen Ideologie hinaus zu schauen und sich den jeweiligen Handlungskontext bewußt zu machen hat sicher einiges an Potential, das für sich, für seinen eigenen Kontext passende Lebens- und Ernährungskonzept zu finden. Eingleisig fährt man höchsten im Kreis oder in eine Sackgasse.
"Deshalb - und nur deshalb - war es mir wichtig, Dich bei Deinem Verständnisproblem zu unterstützen"
Ich danke dir sehr herzlich für dieses Ansinnen. Alledings muss ich rückblicken zugeben, dass dieses "Verständnisproblem" wohl doch eher als Stilmittel anzusehen war ;-)
LG,
Thorsten