20.09.2016
Wiedermal der Madeo. Witzig. (Panos, verzeih´ bitte den OT-Beitrag!)
Zum einen macht er genau das, was alle Diätratgeber machen, wenn sie ihre Theorien unter das Volk bringen wollen. Denn auch er stellt sich hier als Diätberater hin, indem er genau aufzählt, was man essen solle und was nicht. In der Einleitung sagt er - so, wie es alle auf diesem Gebiet machen -, dass die anderen Ernährungsexperten bzw. Ernährungsregime allesamt irgendwelche "durch Dörfer getriebenen Säue" seien, aber ER jetzt genau wüsste, worauf es ankäme. Das ist das ganz normale und übliche Prinzip, um für das eigene Konzept Marketing zu machen und einen Spannungsbogen aufzubauen.
Weiters sagt er unter anderem in der Einleitung, Paläo würde nicht funktionieren (oder sei widerlegt), und dann präsentiert er 30 Minuten lang exakt all das, was eine Paläoernährung bzw. -lebensweise, wie sie seit mindestens zehn Jahren propagiert wird (z.B. von Mark Sisson und Co. und mittlerweile glücklicherweise auch von Dr. Strunz), ausmacht. Vom intermittierenden Fasten angefangen, über das Postulat, möglichst unverarbeitete, ganze Lebensmittel zu verzehren ("eat real food!"), über den zulässigen, gelegentlichen Genuß von Rotwein, dunkler Schokolade und Kaffee bis hin zu den Nüssen und der Warnung vor Milchprodukten (zumindest für bestimmte Personengruppen).
Aber wirklich lustig wird es, wenn er in der Einleitung davon spricht, worauf man sich in der Wissenschaft konzentrieren müsse - nämlich auf eindeutig nachgewiesene, von Störeinflüssen bereinigte Kausalitäten -, und sich dann selbst aber nicht daran hält, indem er uralte Schrottstudien wiederkäut.
Vor allem zum Thema Fleisch. Hat er eigentlich jemals scharf nachgedacht, wenn er doch tatsächlich pauschal sagt, Fleisch würde bis zu einem Alter von etwa 50-65 Jahren die Lebenserwartung verkürzen, sich dieser negative Effekt des Fleisches aber dann in höherem Alter ins Positive umdrehen? Hä? Echt jetzt? Ist es nicht stattdessen so, dass bei all diesen auf Befragungen basierenden Studien (Langzeitstudien), auf die er sich bezieht und zwangsläufig beziehen muss (es gibt ja keine anderen), immer nur Korrelationen bzw. Koinzidenzen, aber niemals Kausalitäten abgefragt und aufgezeigt wurden? Dass zum Beispiel sehr viele Menschen, die viel Fleisch essen (ohne in diesen Befragungsstudien überhaupt zu analysieren, welche Art Fleisch das überhaupt ist), zusätzlich auch sehr häufig rauchen, sich wenig bewegen und wenig (rohes) Gemüse essen und auch sonst in Sachen Gesundheit schludrig sind - also die typischen Oktoberfest-Kandidaten :-)? Und dass diese Menschen - trotz (!) der durchaus gesunden Wirkung des maßvoll und bewusst konsumierten Fleisches! - eben wegen dieser negativen Faktoren Rauchen, Bewegungsmangel, wenig gesunde, "neutralisierende" Pflanzenkost früher sterben, sodass ab einem Alter von ca. 70 Jahren in der Regel und hauptsächlich nur noch die nicht rauchenden Fleischesser leben? Und das interpretiert sogar er noch anno 2015 dann so, dass der frühe Tod (bzw. die veringerte Lebenserwartung) am Fleisch (nicht am Rauchen etc.) liegt, sich dieser Effekt aber seltsamerweise im Alter umdreht. Ich schlage vor, hier noch einmal scharf nachzudenken und sich zu fragen, ob man hier nicht Koinzidenzen aufgesessen ist und diese fälschlicherweise für Kausalitäten hielt!
Und außerdem macht er einen grundlegenden Fehler, indem er anfangs sagt, es ginge doch nur um Langlebigkeit. Auch wenn er später relativiert, dass es darum ginge, möglichst lange gesund zu sein (und dabei für "seine Entdeckung" Spermidin wirbt), stelle ich in Frage, ob Langlebigkeit in Zeiten einer Bevölkerungsexplosion wirklich unser aller Ziel - die relevante Prämisse - sein solle und es daher wirklich nur um Langlebigkeit ginge.
Ansonsten ist es insgesamt eine fantastische Bestätigung der Wirksamkeit einer Paläo-Ernährung bzw. Paläo-Lebensweise (wenn man mal davon absieht, dass der Herr Madeo nicht gerade ein Experte auf dem Thema Sport/Bewegung sein dürfte).
Insgesamt erinnert mich dieser gedankliche Fehler des Herrn Professor Madeo plötzlich an einen ganz ähnlichen Fall, auch wenn das damit noch mehr OT wird. Sorry! . An den Herrn Professor Béliveau in seinem Buch "Krebszellen mögen keine Himbeeren". Dieser erklärt auf vielen Seiten, warum Soja-Produkte so gut gegen Krebs - insbesondere Brustkrebs - seien, indem er ebenfalls Studien (Koinzidenzen statt Kausalitäten) über irgendwelche Chinesinen und so weiter fehlinterpretiert, und schreibt dann auf Seite 176 doch glatt: "Frauen, die daran [Brustkrebs] erkrankt sind oder waren, sollten daher ihren Sojakonsum extrem einschränken". Das heißt also, Sojakonsum schützt vor Brustkrebs, solange man keinen hat, ist aber total schlecht, sobald man Krebs hat. Jetzt hab ich glücklicherweise keinen Krebs und kenne mich daher auf diesem Gebiet nicht so aus, aber ich denke nicht, dass eines Tages das Handy läutet und man eine SMS bekommt "Achtung, ab heute haben sie Krebs und sollten daher das bis gestern 24 Uhr so gesunde Soja keinesfalls mehr verzehren!" Vielmehr ist es doch so, dass Krebs ein schleichender Prozess ist und dass man diesen schon lange hat, bevor man von seiner Existenz erfährt. Dass man also mit dem Sojakonsum schon lange aufhören hätte sollen. Oder besser: erst gar nie damit hätte anfangen sollen. Denn ja, Soja ist für den Menschen ungesund (Ausnahmen mögen Natto, Miso und Co. sein)!
Und genauso ist es beim Fleischkonsum nicht so, dass dieser prinzipiell schlecht ist und ab einem bestimmten, per SMS angekündigten Tag dann plötzlich prinzipiell gesund wird. Gutes Fleisch in Maßen genossen ist während des ganzen (!) Lebens gesund! Kausal für reduzierte Lebenserwartung sind andere Faktoren.
OT-Ende :-)