04.05.2017
Hallo zusammen,
und vielen Dank, Thorsten und Robert, für das nette und produktive Feedback! Einwände, Relativierungen, Präzisierungen finde ich immer gut. Es geht nicht ohne Bemühen um Einordnung, wenn man – sukzessive – Boden unter den Füßen gewinnen will.
Thorsten: Ich tue gut daran, die Standards, die ich anderen vorhalte, selber gewissenhaft zu erfüllen. „Natürlich“ bin ich von meiner eigenen Erfahrungswelt, dem Ausdauersport (Marathon), ausgegangen. Bei Kraftsportlern ist die Situation (Voraussetzungen und Ziele) in der Regel sehr viel anders. Der Eiweißbedarf ist höher, die Komponenten Fett und Kohlenhydrate, also deren relativer Anteil, spielen eine andere Rolle. „Keto“ beziehe ich zunächst einmal nur auf den Ausdauersport. Dabei geht es aber nicht um „Ketose“, wie Robert meint. Ketose ist ein strenger Sonderfall der ketogenen Ernährung, primär von Bedeutung für Krebspatienten (Kämmerer-Konzept, KH-Grenze 25 g pro Tag). Wir differenzieren ja wie folgt: LC (low carb, bis etwa 120 g), VLC (very low carb, bis etwa 50/60 g bzw. 1 g pro Kilo KG). „No-Carb“ ist ein problematischer Begriff, da eigentlich ein Widerspruch in sich. Meint oft einfach „möglichst wenig KH“, Tendenz VLC. „LOGI“ kann man bei LC verorten. Es ist ein in meinen Augen zu kompromisslerisches Konzept, typischerweise assoziiert mit einem adipös-diabetischen Kontext, Bezugspunkt Insulin.
Leistungssport ist normalerweise auf Ketosebasis nicht möglich, einfach deshalb, weil ein relativ hoher Eiweißanteil unabdingbar ist (für Immunsystem und Reparaturprozesse, also die Regeneration). Aber was heißt schon „normal“!? Ich kann behaupten, dass VLC sehr weit trägt unter der Bedingung, dass man die anaerobe Schwelle über Jahre systematisch nach oben treibt. Ich mache das mit ganz ruhigen 5-Jahres-Plänen (orientiert an der Altersklassenstruktur), erarbeite mir Plattform für Plattform und lasse das Niveau niemals absinken.
Das bringt mich zu dem von Thorsten angesprochenen Punkt des „Zuviel“. Diese Frage treibt mich schon seit langem um. Die ROS sind im Ausdauersport definitiv ein (allerdings weithin unerkanntes) Problem. Meine Strategie sieht so aus: Nach dem Training und insbesondere nach harten Wettkämpfen keinerlei Kohlenhydrate, sondern erstens ausreichend (also viel) Eiweiß, vor allem Carnitin, Glutamin, Taurin; zweitens ausreichend (also viel) Vitamine, Antioxidantien und Mineralien, insbesondere Vitamin C, Kalium und Magnesium (plus Zink). Das ist meine Interpretation dessen, was Dr. Strunz einmal das „Abfangen“ der freien Radikale genannt hat. Auf keinen Fall darf die Redoxkette reißen. Deshalb bin ich bei den Mikronährstoffen alles andere als kleinlich.
Wie bewertet man die antioxidative Kapazität, also die Funktionsfähigkeit des endogenen Schutzsystems, wenn man nicht regelmäßig misst (was vielen Leuten auch zu teuer wäre)? Ich benutze drei Indikatoren: a) Fitnessniveau am Tag, b) Regenerationsfähigkeit über Nacht, c) Infektfreiheit, d) Besserung jeglicher Krankheits- oder Störungssymptome. Es gibt Schulmediziner, die sich nicht entblöden zu behaupten, sechs Infekte pro Jahr sei ein normaler Zustand. Auf die Idee, dass das Immunsystem dazu da ist, Infekte gar nicht ausbrechen zu lassen, kommen sie nicht (oder wollen es nicht). Infekte und systematisch betriebener Sport? Das passt gar nicht, zeigt in der Realität aber, dass der Sport gerade nicht eine Säule der Gesundheit ist. Alles falsch eben, verkehrte Welt.
Bei der Prophylaxe kommt jedoch ein weiterer Punkt hinzu. Wenn ich die anaerobe Schwelle sehr weit nach oben treibe, heißt das auch, dass ich die Atmung schule. Bei recht hohem Tempo habe ich immer noch einen Puls von 130 bis 135. Erst ab 145 beginnt man Körper wahrnehmbar hart zu arbeiten (ich genieße dieses Körpergefühl, vor allem am Berg), und erst dann komme ich den kontrollierten Vierer-Rhythmus (viermal ein-, viermal ausatmen; Hecheln kenne ich nicht). Ansonsten laufe ich im sehr ruhigen Sechser- oder gar Achter-Rhythmus. Damit spiele ich, was mir großen Spaß macht. Daran kann man schon erkennen, dass ich ein sehr introspektiver Läufer bin. Beim Laufen bin ganz bei mir und hasse Gespräche. Die Natur nehme ich dennoch intensiv wahr. Meine Hypothese: Durch diese Atemtechnik bei entsprechendem Fitnessniveau senke ich den ROS-Input auf das mögliche Minimum.
Gesundheit/Langlebigkeit: Du hast oberflächlich betrachtet sicherlich recht, Thorsten. Hier kommen aber erstens „höherrangige“, durchaus individuelle Aspekte ins Spiel (Lebenssinn). Zweitens ist der gesamte Lebensstil in Rechnung zu stellen (siehe Kuklinski, aber auch die Trias). Korrekt auch Deine Hinweise zur unterschiedlichen genetischen Ausstattung, wobei es neben der Genetik aber sicherlich noch eine ganze Reihe anderer Einflussfaktoren gibt. Wir haben, was den Marathon angeht, einerseits den Unterschied zwischen 2:01 und 2:08, der durch kein Doping zu kompensieren ist (zumal wahrscheinlich ziemlich alle dopen, denn der Leistungsdruck ist riesig, die Siegchance gering). Andererseits findet man in den Ranglisten der Top-Marathons – Berlin zum Beispiel – ab AK35 praktisch keinen Kenianer mehr – und wenn, dann gewinnt er natürlich.
Übrigens denke ich schon, dass der Mensch in gewissem Sinn (anthropologisch betrachtet) ein Renntier ist. Kuklinski verneint das apodiktisch, ignoriert dabei jedoch seinen eigenen Kontext und vergisst, dass der moderne Mensch im Zuge der Industrialisierung und Mechanisierung immer mehr zum Sitzathleten mutierte. Zentrale Fähigkeiten gingen im Zuge der arbeitsteiligen Produktionsweise verloren. Vom „Individuum“ ist seit Jahrzehnten nichts mehr zu sehen. Doch einer hat es reanimiert: Strunz. Mens sana in corpore sano. Es geht auch mit ASICS. Aber „anima“ ausgerechnet aus Amerika? Alles tolle Lateiner und Gräzisten. Man macht den Bock zum Gärtner.
Mit Deiner Einordnung Kuklinskis hast Du vollkommen recht, Robert. Dennoch darf man den Hut vor ihm ziehen. Man kann ihm nur zustimmen, wenn er die Mitochondrien (und speziell den oxidativen und nitrosativen Stress) ins Zentrum stellt. Gleichzeitig limitiert er sich aber selbst, weil er zu monokausal denkt und zu selektiv therapiert, in der Hauptsache gestützt auf 5 von 8 oder 9 lebenswichtigen B-Vitaminen. Das kann ja nicht wirklich funktionieren. Entscheidend ist zunächst das breite Fundament, und da liegt natürlich auch die Hauptschwierigkeit.
„One size fits all“: Zunächst bin ich völlig Deiner Meinung, Thorsten. Fakt scheint mir aber zu sein, dass die Inanspruchnahme der Individualität fast immer Alibicharakter hat. Denn der oberste Satz lautet: Die Gesetze der Biochemie gelten für alle gleichermaßen. Erst wenn dem Rechnung getragen ist, kann es um das Individuelle gehen, die „Betriebsunfälle“ in den biochemischen Abläufen (Allergien, Unverträglichkeiten etc.).
Was den Doc von allen, die ich kenne, unterscheidet, ist seine Reichweite und Komplettheit, mithin seine Kompetenz – und dadurch sein Vorbild. Da er ständig zuspitzt, fordert er dem Leser allerdings viel ab. Ich gestehe gern, dass ich ihm das Entscheidende (nennen wir’s die Trias) zu verdanken habe. Mit dem ursprünglichen „Forever young“ (Ausgabe 2003) arbeite ich noch heute. (Strenggenommen gab es seitdem nur zwei klitzekleine Modifikationen, die sich vieleicht aber noch als kopernikanische Wenden erweisen werden: Kohlenhydrate allgemein und Fruktose im Besonderen.) Ich musste das nur einmal lesen, um zu begreifen, was da läuft. So konnte ich mein eigenes stringentes Konzept entwickeln und leben. Auf die Ergebnisse und den aktuellen Stand bin ich ausgesprochen stolz.
Es ergibt wenig Sinn, das hier in ein paar Sätzen darlegen zu wollen. Wichtig ist vielleicht die Feststellung, dass ich praktisch alles anders mache als andere (also in völliger Eigenverantwortung), und zwar schon allein deshalb, weil ich sehe, dass die anderen keinen (oder nur schwachen) Erfolg haben. Ich mache mein Leben zum eigenen Projekt, agiere kompromisslos und zugleich oberkritisch. Auf meine Urteilsfähigkeit kann ich mich absolut verlassen. Das ist eine Art von Glück, die man schwer beschreiben kann. Selbstgewissheit wäre ein gutes Wort dafür. Das hat nichts mit Arroganz oder Überspanntheit zu tun, sondern ist Ergebnis harter Arbeit (wir alle stehen auf den Schultern der Großen, und nur um diese geht es). Klar, im sozialen Umfeld kommt solch ein Verhalten zunächst jedenfalls nicht gut an, doch ändert sich das im Zuge der Erfolge. Man braucht eben Widerstände, denn es braucht Vertikalspannung im Leben. Dialektik habe ich von der Pike auf gelernt.
Noch kurz zum Ausdauersport als integralem Teil meines Lebens: Der Weg ist das Ziel! Durch geduldige, aber zähe Entwicklung gelingt es, die Leistungsfähigkeit trotz des Älterwerdens nicht nur zu erhalten, sondern messbar zu verbessern. Ich mag diese psychische Situation. Wer in ein, zwei Jahren von 0 auf 100 geht, treibt erstens Raubbau und sieht zweitens die guten Leistungen immer nur im Rückspiegel. Das bringt mich noch zu Thorstens Bemerkung, dass Optimum und Maximum wohl nur schwer vereinbar seien. Sie sind vereinbar, und eben das ist der eigentliche Hammer. Sagen wir so: Die persönliche Marathon-Bestzeit kann durchaus mit 70 erreicht werden.