10.05.2017
Hallo zusammen!
Schön auch Deine Ausführungen, Thorsten! Ich kann Deine Argumentation gut nachvollziehen. Die logische Differenzierung „notwendig“ vs. „hinreichend“ kam mir ebenfalls in den Sinn. Vielleicht arbeitet man hier aber besser mit absolut vs. relativ (abhängig). Dadurch löst sich auch die Problematik des Spagats weitgehend auf.
Vor allem ist meine eigene Definition der Ketose ja nicht korrekt. Von einem „Sonderfall“ kann man zwar sprechen, aber sie ist kein Sonderfall der ketogenen, sondern der fett(säuren)basierten Ernährung. Ketogen ist eine Ernährungsform nur, wenn die Leber aus zugeführten oder deponierten Fetten Ketone (Ketonkörper) erzeugt. Dazu muss die sogenannte Ketoseschwelle erreicht bzw. unterschritten werden. Sie liegt laut Kämmerer (183, 225) bei 50 g KH pro Tag (also etwa 200 kcal). Das ist die „absolute Obergrenze“, erst da beginnt die leichte Ketose. (50 g, Robert, hatte ich in diesem Kontext erwähnt, weil die ketogene Ernährung ja generell von Bedeutung ist, eben auch für Sportler, nicht nur für Krebspatienten.)
Verhindert werden kann die Ketose durch a) „zu viele Kohlenhydrate“, b) „zu viel Eiweiß“ (183).
Nun, absolut gesetzt habe ich LC (bzw. VLC) als stets notwendige Bedingung. (LC/NC ist, wie Du richtig sagst, nicht hinreichend, da im Kontext der übrigen Makronährstoffe zu sehen.) Daraus folgt, dass auch HF (Highfat) notwendig ist, weil Eiweiß ebenfalls beschränkt sein muss, um Ketose sicherzustellen. Eiweiß ist die Variable, die Steuergröße. Fett nimmt, relativ zu Eiweiß (sogenannter „ketogener Quotient“), eine Bandbreite von etwa 50/60 bis 85 % ein (umzurechnen auf die Kalorienzielgröße). Krebspatienten allerdings sollten zuverlässig in eine Ketose kommen, weshalb es geboten sein kann, die tägliche Menge nicht nur auf 25 g, sondern „anfangs auf 20 Gramm pro Tag“ (Kämmerer, 183), also etwa 80 kcal, zu reduzieren.
Wie steht es nun mit dieser pragmatischen Setzung, von der offenkundig alles abhängt? Nun, sie ist keineswegs kontingent, subjektiv und daher perspektivisch zwar, aber auf Wissen und Erfahrung beruhend! Dialektik verlangt Synthese, wissenschaftlich wie praktisch (man darf das niemals trennen). Nichts gegen Widerspruch, nichts gegen das Falsifikationsprinzip. Der Homo sapiens sapiens wäre jedoch keiner, wenn er bei den Antithesen verharren würde, in Negativität und Verzweiflung steckenbliebe. Es gibt Autoritäten, es gibt Fixpunkte, nicht massig, aber strahlend.
Du hast recht, Thorsten, es ist ein Glück, wenn es klappt. Ich muss aber sagen, dass ich mir von vornherein sehr sicher war. Das Wissen war da, wichtige Voraussetzungen waren geschaffen. Die Kohlenhydrate waren mehr oder weniger die einzige, aber eklatante Schwachstelle. Nudeln, Reis, Mais, Kartoffeln, Kuchen … so geht das nicht. Also war der Beweis auch leicht zu erbringen. Das Gewicht fiel nicht weiter, und nach etwa zwei Wochen bereits begann es wieder leicht zu steigen. Der Wechsel von katabol auf anabol – darauf kam es an.
Übrigens gibt es ja noch weitere Waffen im Arsenal gegen den Krebs. Vitamin C wurde schon genannt. Das Prinzip hat Dr. Strunz ja hinreichend erklärt. Man kann wohl annehmen, dass Krebszellen typischerweise das Enzym Katalase fehlt, was sie dem Zellgift Wasserstoffperoxid (H2O2) ausliefert (sie können diese Moleküle nicht via Peroxidase in 2 H2O, aufspalten und so neutralisieren). Ferner gibt es DCA (Dichlorazetat), eine „sehr preiswerte und nicht patentierbare“, übrigens auch anderweitig einsetzbare Chemikalie, mit der man Krebszellen der „Zwangsbeatmung“ unterzieht und somit in den Zelltod, die Apoptose, treibt. „DCA zwingt die Krebszellen, Pyruvat [vom Zytosol, der Zellsuppe] in die Mitochondrien zu verschieben und zu veratmen“. Na, das kennen wir doch: Kuklinski. Mitochondriopathie heißt der kranke Zustand. Auch gibt es noch eine Substanz namens 2-Deoxyglukose, die den normalen Zuckerumsatz hemmt (alles Kämmerer, 84).
Damit nicht genug. Interventionsmöglichkeiten gibt es auch auf der untersten, (epi)genetischen Ebene, Stichworte Methylierung, Methionin, B3, B9, B12. Und was Linus Pauling, einem der intelligentesten (siehe IQ-Ranglisten) und integersten Menschen, die je gelebt haben, recht war, soll mir billig sein.
Übrigens habe auch ich selbst von der Umstellung auf VLC enorm profitiert, in vielerlei Hinsicht. Steht eigentlich alles bei Strunz, Gröber & Co.
Dennoch hast Du recht, Thorsten: Das organische Leben ist schlau (adaptiv), Krebszellen sind es wahrscheinlich auch. Man muss wachsam sein. Ob – und vor allem inwieweit! – sie die Substrate Fettsäuren/Ketone und Laktat nutzen können, scheint mir eine offene Frage zu sein. Kämmerer (82) schreibt auch davon, dass Tumorzellen „Milchsäure … als chemische Waffe“ benutzen, um zum Beispiel die zytotoxischen T-Zellen im extrazellulären Raum zu hemmen, wodurch Milchsäure (also Laktat) auch in den Blutkreislauf gelange. Und dann folgt bei ihr das Stichwort Cori-Zyklus. Genau! Ich denke, dass der Körper eine Menge Möglichkeiten besitzt, um sich erfolgreich zur Wehr zu setzen. Man sollte sie alle nutzen, nicht nur symptomatisch selektiv, sondern im Rahmen eines knallharten, gut austarierten Lebensstil-Konzepts!
Es stimmt wohl auch, dass ich in einer leichten Ketose bin, zumal die Ketosticks wenig aussagekräftig sind und ich sie auch nur anfänglich interessehalber herangezogen habe. Wenn nicht, ist das auch egal. Als Sportler könnte ich selbst HC „wegstecken“. Mit diesem Substrat habe ich aus übergeordneten Gesichtspunkten jedoch absolut gebrochen. Es gibt da keine Flexibilität und auch keine Toleranz, folglich auch kein Carboloading.
Wir treffen uns aber wieder vollkommen beim Thema Leber und den damit verbundenen Stoffwechselprozessen. Da sind noch Fragen offen, eben auch die etwaiger Überlastung.
Noch ein Hinweis für Robert: Mit Kämmerer ist Ulrike Kämmerer gemeint (“Krebszellen lieben Zucker – Patienten brauchen Fett“), Biologie-Professorin in Würzburg, „Mit-Initiatorin einer der ersten klinischen Studien über ketogene Ernährung bei Krebs überhaupt.“ Und zu Deinen Punkten bei Gelegenheit mal mehr. Stimmt, die Erythrozyten betreiben ausschließlich anaerobe Glykolyse, bauen täglich etwa 30 g Glukose zu Laktat ab (das ist die eine Quelle von Laktat, die andere ist der Muskel), das via LDH im Zytosol zu Pyruvat bzw. in der Leber zu Glukose umgewandelt wird – Stichwort Cori-Zyklus. Daher ist Laktat „ständiges Substrat“, der Körper kann damit sehr gut umgehen. (Horn, 105, 491)