Jean, es hat nie jemand behauptet, dass die steinzeitlichen Jäger & Sammler stets (also dauerhaft) in Ketose gewesen seien. Ich jedenfalls nicht. Ich sprach in Anlehnung an Art de Vany vom „faulen Vielfraß“, der in Ketose leben konnte (!), wenn es die Umweltbedingungen, resp. das Nahrungsangebot notwendig machten, der das aber wohl nie freiwillig gemacht hätte; also nicht freiwillig auf verfügbare Nahrung verzichtet hätte. Und bei Wahlmöglichkeit haben unsere Vorfahren mit Sicherheit zu den Luxusnahrungsmitteln (luxuriös im Sinne von protein- und kohlenhydratreich) gegriffen, weil sie nie wissen konnten, wie lange das nun wieder vorhalten müsse. Unser Problem ist, dass wir hingegen permanent diese Wahlmöglichkeit haben und nach wie vor automatisch (instinktiv) lieber zu den hochkalorischen Nahrungsmitteln greifen. Wir haben diesbezüglich nämlich keinen eingebauten Schutzmechanismus, keinen Regler, der irgendwann meldet „so, jetzt ist aber dann mal Schluss mit dem auf Vorrat Futtern – ab jetzt hemmt es dich nämlich eher als dass es dir nützt!“, da ein solcher Regler über hunderttausende von Jahren in der Entwicklung des Menschen einfach nicht notwendig war und sich daher (noch) nicht ausbilden konnte. Das ernährungstechnisch dauerhafte "Paradies" gab es einfach nicht. „Wir“ setzten uns erst vor 10.000 bis 5.000 Jahren – je nach Erdteil - an den Acker, begannen sesshaft zu werden und Getreide/Stärke anzubauen, zu lagern und zu verarbeiten und somit regelmäßig derart hohe Glukosemengen durch unseren Körper zu leiten. 10.000 Jahre sind ein Wimpernschlag in der seit Jahrmillionen andauernden Evolution der Säugetiere.
Und auch sonst spricht im Zusammenhang mit der Ketose wohl niemand von einem steinzeitlichen Dauerzustand, sehr wohl aber von einem Stoffwechselzustand, der – eben neben anderen Stoffwechselzuständen - das „Normalste der (steinzeitlichen) Welt“ war.
Ein Side step: Man möge sich mal anschauen, was Verfasser von Ernährungsstudien in der Regel so unter einer „low carb“ Ernährung verstehen, wenn sie eine solche zum Beispiel mit „low fat“ Diäten vergleichen wollen! Da werden oft 150g Kohlenhydrate täglich als „low carb“ verkauft. Oft sogar 200g und darüber hinaus. Schaut mal rein in die Erläuterungen zu den diversen „Versuchsanordnungen“! 150 bis 200 Gramm sind aber aus meiner Sicht alles andere als low carb (allenfalls carb-reduziert im Vergleich zur westlichen Normalernährung mit ihren oftmals 400g KH täglich), werden aber in weiten Teilen der „normalernährten“ Bevölkerung als bereits dramatische KH-Restriktion empfunden. „Ich mach´ low carb, denn ich ess´ ja nur noch Vollkorn und viel Obst und ich lass auch mal das Dessert weg“. An diese Leute (danke, Thomas, für den 99-Prozent-Hinweis!) wendet sich der Doc. mit seinen provokanten, teils überzeichnenden Büchern. Um sie aufzuwecken und ein bisschen näher in Richtung 100 bis 150g zu bringen (was für die allermeisten bereits eine dramatische Verbesserung des Befindens mit sich bringen würde). Ihr dürft Otto Normalverbraucher nicht mit Strunz-News-Lesern oder Edubily-Jüngern oder Mark-Sisson-Aposteln vergleichen! Unter anderem auch deswegen hatte ich mir erlaubt, einen Klassifizierungsvorschlag im Zusammenhang mit kohlenhydratreduzierten Ernährungsformen anzuführen. Wir „streiten“ uns hier über Detailfragen, bis uns förmlich einer „abgeht“ (sorry!), 99 Prozent der Bevölkerung ist das hingegen alles sowas von wurscht. Ja, die kämen in der Regel erst gar nie auf die Idee, dass die Ernährung irgendetwas mit dem Wohlbefinden, mit der Gesundheit, mit der Lebenserwartung (hinsichtlich Zeit und vor allem hinsichtlich Qualität) zu tun haben könnte. Und falls da doch mal ein Moment der Erkenntnis dräuen sollte, dann blenden die diesen ganz schnell wieder aus, denn das würde ja womöglich eine Änderung liebgewordener Gewohnheiten bedeuten. Da herrscht oft ein erschreckendes Nicht- bzw. Unwissen vor. Erst kürzlich hat eine Bekannte zu mir gesagt (ich kann das bedenkenlos hier schreiben, denn sie wird sich niemals hier her verirren): „aber Eiweiß hat doch auch Kohlenhydrate!“ Gemeint hatte sie wohl: „Eiweiß liefert doch auch Kalorien“ (denn auch unter den 99 Prozent weiß man zumindest etwas von der "Gefährlichkeit" dieser ominösen „Kalorien“ und das mit dem gleichen Buchstaben „K“ beginnende und daher so leicht zu verwechselnde Wort „Kohlenhydrate“ hat man auch schon mal irgendwo gehört).
Aber nun zurück zur Ketose. Ketose war also ein mehr oder weniger häufiger Normalzustand (je nach Jahreszeit, geografischer Lage, Jagd- und Sammelglück), aber kein Dauerzustand. Ebenso wenig habe ich davon gesprochen, dass dieser Stoffwechselzustand „Ketose“ bei Frauen biologisch bzw. metabolisch anders ablaufen würde als bei Männern. Allerdings sind die Auswirkungen von Ketose (die Toleranzgrenzen) bei Frauen anders. Und dies lässt sich zumindest auf zwei Arten erklären.
Erstens: Worum ging es im Leben der Jäger & Sammler vor allem? Ums Lebensglück? Ja, vielleicht auch um das, mag schon sein! Vor allem aber ging es um die Fortpflanzung und Weitergabe der Gene. Das war der wesentliche, der alleinige Zwecke. „Bleibe so lange erfolgreich am Leben, bis Du Dich fortpflanzen kannst, und dann gib Deine Gene möglichst hochwertig weiter!“ Diese Weitergabe der Gene vollzieht sich beim Männchen und beim Weibchen aber in vollkommen unterschiedlicher Form. Beim Männchen ist es ein Akt von Minuten (vielleicht auch nur Sekunden :-) ), beim Weibchen sind es mindestens neun Monate (ich gehe davon aus, dass eine Schwangerschaft vor 20.000 Jahren auch nicht viel weniger als neun Monate dauerte). Das heißt, ein Weibchen brauchte bezüglich seiner Umweltbedingungen weit mehr Sicherheit („Bestandsaussicht“) als ein Männchen, um sich instinktiv fortpflanzen zu "wollen".
Und hier wird es für alle Frauen spannend, die sich sehr gesund ernähren (vielleicht auch very low carb bzw. ketogen), aber vergeblich auf Kinderglück warten. Und weshalb ich zu lange andauernde Ketose für Frauen nicht empfehlen kann. Ein steinzeitliches Weibchen blieb einfach weitgehend unfruchtbar, wenn zwei Dinge das tägliche Leben, das aktuell gegebene Habitat prägten. Zum einen ein zu geringes Nahrungsangebot (insbesondere in Hinblick auf Nahrungsproteine und Kohlenhydrate), das nicht gewährleisten konnte, dass die potenzielle Brut erfolgreich aufgezogen werden könne. Und zum anderen ein gefährliches, unsicheres Umfeld, weil es beispielsweise nur so vor gefährlichen Raubtieren wimmelte. Der sprichwörtliche „Säbelzahntiger“, der jederzeit ums Eck kommen konnte. In einem Umfeld, wo man (in diesem Fall das Weibchen) besonders häufig und permanent fluchtbereit sein musste, sollte frau lieber keine Nachkommen in die Welt setzen – zumal Frauen ja nicht so häufig und oft für Nachwuchs sorgen können und der Zeitpunkt daher jedes Mal wohlüberlegt sein müsse (wobei dieses „wohlüberlegt“ natürlich keine kognitive Leistung sondern ganz einfach hormongesteuerter Instinkt war).
Diesen „Säbelzahntiger hinter jeder Ecke“ kann man in unsere Zeit übersetzen. Mit Dauerstress. Das heißt also, mangelndes Nahrungsangebot und zu viel Stress führen zu einer ganz normalen, evolutorisch gesehen ganz sinnvollen (temporären) Unfruchtbarkeit bei der Frau. Also Ketose und zu viel Sport oder zu viel berufliche Belastung (oder auch Belastung/Verantwortung im privaten Bereich, durch Umweltgifte etc. etc., alle Formen von Dauerstress halt). Klar können auch Frauen in Ketose längere Zeit überleben, denn das Überleben übertrumpft noch immer das Fortpflanzen, aber sie haben mit Qualitätseinbußen zu kämpfen (zum Beispiel hinsichtlich Fertilität udgl.), wenn sie dies zu lange tun. Auf den Kinderwunsch bezogen, gilt also noch heute als Big Picture (neben vielen anderen Detailfaktoren, schon klar): „sorge für ein gutes, üppiges Nahrungsangebot und eine stressfreie Umgebung!“
Beim Männchen sieht das übrigens ganz anders aus. Da der Fortpflanzungsakt für das Männchen so wenig Zeit in Anspruch nimmt und auch nach sehr kurzer Zeit schon wieder wiederholbar ist, tritt beim Männchen oft der gegenteilige Effekt ein. Männchen versuchen sich vor allem dann noch schnell mal fortzupflanzen, wenn die Umweltbedingungen ungünstig sind (wenig Nahrung in Aussicht und nichts als Säbelzahntiger rund herum), denn es könnte ja das letzte Mal gewesen sein, bevor man selbst zur Beute wird. Drum kann man auch heute noch feststellen, dass die männliche Libido (und damit zusammenhängende „gesunde Aggression“) direkt proportional mit der Kohlenhydratreduktion und mit dem Stresslevel zunimmt (jedoch natürlich nicht ad libitum und schon gar nicht ad finitum :-) ), und dass die Libido umgekehrt beim überfressenen, völlig gechillten Männchen abnimmt (steinzeitlich übersetzt: „hier gibt es so viel Nahrung und so wenige Gefahren, dass ich mir mit dem Fortpflanzen keinen Stress zu machen brauche – morgen ist auch noch ein Tag, ich mach erst mal ein Nickerchen“, während Frauen besonders gerne im entspannten, schönen Urlaub plötzlich Familienpläne zu schmieden beginnen ;-) ). Das kann man auch an der paradoxen Situation erkennen, dass sich vor allem jene Männer, die eh schon jede Menge um die Ohren haben (Familie, Beruf), sich auch noch zusätzliche Liebschaften antun, während zum Beispiel buddhistische Mönche, die quasi vollkommen sicher und entspannt in einem Kloster leben, meinen, ein Orgasmus alle drei Wochen würde für den Mann völlig ausreichen :-) . Ich denke, ähnliches hat jeder schon mal beobachtet. Falls nicht: denkt mal darüber nach und schaut genauer hin - Ihr werdet staunen ;-) .
Weit hergeholt? Mag sein, es zeigt aber, dass Nahrungsangebot und Stress weit mehr Auswirkungen haben als bloß auf die Figur und das Wohlbefinden und dass es hierbei teils beträchtliche Unterschiede zwischen Mann und Frau gibt.
Der zweite Erklärungsversuch, warum Frauen sensibler auf KH-Reduktion und insbesondere Ketose reagieren (versprochen, jetzt mach ich es kürzer!): Sie sind es entwicklungsgeschichtlich einfach nicht so sehr gewöhnt. In den traditionellen Jäger & Sammler Gesellschaften gab es eine mehr oder weniger klare Geschlechterrollentrennung. In der Regel gingen die Männer auf die Jagd, während die Frauen sich tendenziell mehr mit dem Sammeln (und der Reproduktionsarbeit) beschäftigten. Ich weiß, da werden jetzt viele aufschreien, aber so war es „früher“ einfach. Da wette ich drauf.
So eine steinzeitliche Jagd bestand jetzt nicht darin, dass man sich schnell mal in seine VW Passat Variant Familienkutsche hievte und zum Aldi ums Eck fuhr und mal schnell den Kofferraum vollmachte und rechtzeitig vor Beginn des Hauptabendprogramms wieder bei Chips und Bier auf dem Sofa war. Nein, das konnte schon auch mal eine mehrtägige Angelegenheit werden. Da hatte man keine Kühltasche, Proteinriegel udgl dabei. Da musste man sich bewegen, bewegen, bewegen, konnte vielleicht unterwegs schnell mal ein paar Blätter und Kräuter in den Mund stecken, aber für mehr blieb da keine Zeit und keine Aufmerksamkeit. Da waren die Jäger voll im Flow und nur auf das Beutemachen aus. Und wahrscheinlich oftmals voll in der Ketose. Die Frauen hingegen beschäftigten sich derweil oft mit dem Sammeln in der näheren Umgebung des temporären „Wohnsitzes“. Dazu gehört auch das Ausgraben von Wurzeln, das Pflücken von Beeren und so weiter. Alles mit tendenziell mehr Kohlenhydraten als das, was den Männern unterwegs blieb. Und diese Sammelbeute wurde dann auch gleich – gemeinsam mit den Kindern und den Alten – verzehrt, weil frau ja nie wusste, ob und wann die Männer zurückkehren würden und ob die dann überhaupt Beute mitbringen würden.
Auch wenn das vielen als Paläo-Romantik erscheinen möge und natürlich hier in den Extremen dargestellt wurde, aber grundsätzlich waren die tendenziell eher jagenden Männer einen nahezu kompletten Kohlenhydrate(Stärke)verzicht (im Sinne von Ketose im Speziellen, aber auch schon ganz simpel auf das Thema "Frühstück ja oder nein?" im Allgemeinen bezogen) besser gewöhnt als die tendenziell eher sammelnden und Kinder fütternden Frauen. Und dieser Unterschied steckt uns Männern und Frauen noch immer in den Genen. Klar können auch Frauen lange in Ketose sein, aber sie tun sich schwerer damit und müssen eher Beeinträchtigungen in Kauf nehmen. Ich würde mich diesbezüglich als Frau jedenfalls nicht "gesellschaftlich benachteiligt" fühlen und auf "ketogene Gleichberechtigung" pochen, sondern dies eher als Feature empfinden.
So, das war jetzt ein langer Text :-) . Aber durchaus zum Threadtitel passend. Hab ich mich halt auch vergaloppiert ;-).
Mir ist nur noch schnell wichtig, auf eines hinzuweisen. Für die meisten Themen rund um „Ernährung, Bewegung, Denken“ – hier war es eben das Thema Ketose - gibt es grundsätzlich zwei Arten, sich dem Thema zu nähern. Einerseits kann man versuchen, es bis ins kleinste Detail biologisch zu verstehen (ja, Katecholamine und die vielen, vielen sonstigen Hormone und Enzymketten und Vitalstoffe und und und sind da ein relevantes Thema). Und es gibt viele hier im Forum (und in anderen Foren) und vor allem in der Wissenschaft, die hier ganz Hervorragendes leisten und davon zum Teil auch leben. Respekt! Allerdings kommt man da aus meiner Sicht nie zu einem „Ende“ und wird eher immer mehr verunsichert. Die andere Möglichkeit ist einfach, sich bei bestimmten Themen zu fragen: „was hätten unsere Vorfahren wohl getan?“ Und zwar noch genauer: „was hätten sie getan, weil sie gar nichts anderes tun konnten?“ Und nicht, weil sie so schlau waren. Sondern einfach, weil sie (noch) gar keine andere Möglichkeit hatten? So wie der Strunz´sche „Aff“, der „Bescheid weiß“, weil er - noch ganz und ausschließlich in seinem natürlichen Habitat lebend – nur das kennt und das macht, wofür sein Organismus geschaffen ist – es also für ihn genetisch korrekt macht.
Dieser zweite Ansatz ist für mich, der ich grundsätzlich auch eher ein fauler Hund bin, viel einfacher, viel spannender und vor allem hinreichend genau. Man muss dazu für sich lediglich eine einzige Frage mit „ja“ beantworten können. Nämlich: „Glaube ich, dass der heutige Mensch in den wesentlichen Dingen (in Bezug auf Stoffwechsel, Reaktion auf physikalische Reize udgl.) genetisch noch weitgehend den vor 10.000 Jahren und davor lebenden Jäger & Sammlern entspricht?“
Für mich gilt das als erwiesen!
So, und jetzt muss ich aber schleunigst "jagen gehen" ;-)