30.08.2017
Ich glaube, wir können inzwischen sehr gut einschätzen, lieber Thorsten, was richtige/gesunde Ernährung ist. Flexibilität besteht allemal, die Feinabstimmung muss individuell erfolgen, die Blutwerte müssen stimmen. Die Flexibilität ist jedoch deutlich geringer, als man glaubt. Das Handwerk der Freiheit verlangt das Erkennen von Gesetzmäßigkeiten, bewusste Grenzziehung und Festlegung. Selbstbestimmung ist eben das Gegenteil von Beliebigkeit.
Unterkalorisch (oder jedenfalls nicht überkalorisch) ist in vielen Settings ein entscheidender Punkt, nicht zuletzt im Spitzensport, denn Gewichtsreduktion bedeutet Leistungsverbesserung. Frodenos KFA von 3 oder 5 % wird aber auch für ihn kaum der Normalfall sein, sondern steht am Ende einer langen und harten Vorbereitungsphase. Sonderfall also.
In einigen Punkten nimmst Du eine andere Position ein, weil unsere Kontexte/Bezüge differieren. Ich gehe von den allgemeinen westlichen Bedingungen und dem zugehörigen Massenverhalten aus. Schlechte Fette sind, wie erwähnt, ein wichtiger Punkt, wobei gesättigte Fettsäuren, im richtigen Verhältnis als Energielieferanten eingesetzt, hoch wertvoll sind. Der absolut kritische Punkt sind meines Erachtens die Kohlenhydrate. Das ist Missbrauch. Schau Dir mal die ca. 30.000 Produkte eines Supermarkts an!
„Entzündungsfrei“ ist natürlich nicht wörtlich zu verstehen. Ich hatte dabei den typischen Topathleten vor Augen, der sich von Verletzung zu Verletzung hangelt. Wann ist der mal fit und „gesund“? Das betrifft nicht nur die überzüchteten Gewichtheber, Speerwerfer oder Kugelstoßer, sondern auch Marathonläufer. Arne Gabius hat ständig Ausfallerscheinungen, von der Achillessehne (trotz Spezialschuhen und optimaler physiotherapeutischer Betreuung!) bis zum Schambein, von Infekten ganz zu schweigen (vor allem in früheren Jahren). Da wundert es mich nicht mehr, dass der Champion ein vierwöchiges Trainingspensum von tausend km (August 2015) als „challenge“ betrachtet. Ich bin nur ein Amateur, habe damals aber zeitgleich drei Monate lang mit großem Spaß jeweils über 1000 km absolviert, extensiv und intensiv, ohne jede Verletzung.
Kleine Einschränkung: Ich hatte über ein Jahr lang einen Überlastungsschmerz im Bereich Achillesehne/Sprunggelenk/Wade des rechten Beins. Wie vermutet, lag das aber nicht am Körper, sondern am falschen Schuhwerk. Nach langer Suche fand ich den perfekten Laufschuh, der wie eine zweite Haut sitzt und vollkommen organisch funktioniert (Abrollverhalten). Das Überlastungssymptom war auf der Stelle verschwunden und ist bis jetzt, nach fast 1000 km hartem Training, nicht wieder aufgetaucht. (Dessen ungeachtet bleibt das Strunzsche „Auslatschen“ der Achillessehne ein guter Tipp für ambitionierte Läufer.)
Asymmetrie: Der wichtigste Punkt, der unter westlichen Lebensbedingungen gegen Kohlenhydrate spricht, ist die Tatsache, dass sich Krebszellen von Zucker ernähren (aggressive ausschließlich, hormonabhängige sicherlich auch sehr stark). Die Adaptionsfähigkeit solcher Zellen ist von sekundärer Bedeutung, wenn man tendenziell unterkalorisch verfährt und sie zudem mit dem größten Organ des Menschen, dem Muskel, in Konkurrenz bringt. Folglich ist es gerade angesichts der Morbidität unserer Gesellschaften problematisch, irgendwie im „Mittelbereich“ herumzunavigieren. Es herrschen eben keine neutralen Voraussetzungen. Die reale Prädisposition spricht meines Erachtens auch gegen die LOGI-Methode. Selbst sie erfordert außerdem Wissen, Motivation, Eigenständigkeit, ein Minimum an Disziplin und – horribile dictu – Askese. Untauglich also für die Masse.
Die Kenianer halte ich in jeder Hinsicht für eine unpassende Referenz. Ihr Ugali ist nicht das einzige "Geheimnis". Ohne EPO geht es bestimmt nicht. Enzym-Polymorphismen kommen hinzu. Ihr Output (ihre Trainingsintensität) ist singulär (wie auch Greif meint). Der Hunger ist schon da, man braucht ihn nicht zu simulieren. Interessant, dass man in den Ranglisten der großen Marathons ab AK 30 aber kaum mehr einen Kenianer oder Äthiopier findet. Die Krake Wohlstand findet immer Opfer, die Halbwertzeit dieser Art von Fitness ist überschaubar.