24.09.2021
Liebe Leserinnen und Leser,
Bei den Standpunkten für oder gegen sog. Corona-Maßnahmen, für oder gegen Impfung, für oder gegen ein Durchlaufen eines natürlichen Infektionsgeschehens, werden immer wieder unterschiedlichste Befürchtungen und Gefahren in die Diskussion geworfen. Leider findet dabei selten bis nie eine brauchbare Gegenüberstellung der sich real ergebenden Risiken und ihrer Bewertungen statt.
Auf Seiten der Impf- und Maßnahmengegner gibt es dabei eine große Anzahl pauschaler Vorbehalte und Befürchtungen, die sich teils bis ins Absurde steigern (Mikroroboter, Impfmücken, CO2 vergiftete/getötete Kinder, Massensterben, ADE, Graphen-Nanopartikel, Gedankenkontrolle, etc.). Ich glaube, viele dieser Punkte werden auch bei einem Großteil der Impf- und Maßnahmengegner kritisch und als unrealistisch angesehen. Trotzdem kommt es kaum zu Distanzierungen von derartigen Behauptungen.
Für mich stellt das eine Realitäts- bzw. Risikoverzerrung dar, bei der man sich fragen muss, wo die Ursachen dafür liegen.
Wir betrachten die Welt grundsätzlich mit einer uns inne wohnenden Erwartungshaltung. Für uns interessante und relevante Bereiche betrachten wir dabei mit größerem Interesse und intensiver. Bevorzugt wird dabei alles, was unserer Erwartungshaltung dienlich ist. Wir schauen gleichsam durch eine Lupe auf die Welt. Wir halten diese Lupe auf “Corona” und vergrößern alles Corona-abhängige, das in unseren erwarteten Kontext passt maximal, während zeitgleich alles andere aus dem Sichtfeld ausgeblendet wird.
Es gibt nur das, was man sehen will und auch nur das ist (angeblich) wirklich da.
Unterstützt wird das ganze durch Filter- und Nachrichtenaggregationsalgorithmen diverser Online-Portale und Newsgruppen, sowie durch soziale Netzwerke, in denen man sich bewegt oder sogar einkapselt (online und offline). Das Resultat nennt sich dann "kognitive Verzerrung".
Ohne einen Relations- und Realitätsabgleich kommt es dann zwangsläufig zu einer Fehlbeurteilung der Situation. Aus einer Mücke wird ein Elefant. Aus einer rein theoretisch nicht ausschließbaren Gefahr wird eine sicher zu erwartende Folge. Natürlich lassen sich heute noch unbekannte Folgen auf die Impfungen in X Jahren nicht mit 100% Sicherheit aussschließen. Das gilt aber in gleicher Weise auch für Spätfolgen einer natürlichen Infektion. Spannenderweise müssen diese Folgen auch nicht grundsätzlich negativer Natur sein. Eine Einschätzung und Beurteilung der Situation kann aber immer nur aufgrund aktuell vorliegender Informationen und Datenlage erfolgen; auch wenn diese nicht vollständig ist und Lücken aufweist. Idealerweise kommen diese Einschätzungen und Beurteilungen von Menschen, die in der Thematik über entsprechende fachliche und sachliche Grundlagen oder sogar Expertise verfügen und können dann als "evidenzbasiert" bezeichnet werden.
Warnungen vor möglichen Gefahren sind dabei absolut legitim und sinnvoll, sollten aber im Zuge eines realen, fortschreitenden Erkenntnisgewinns ggf. wieder relativiert werden. Ich habe weiter oben eine Reihe theoretisierter Gefahren und Befürchtungen augezählt. Lassen die sich in irgendeiner Form mit Zahlen untermauern oder anderweitig belegen? Wenn nicht, müssten wir im Zuge einer Risikobewertung zu dem Ergebnis kommen, dass die Eintrittswahrscheinlichkeiten offenbar so gering sind, dass selbst nach über 6Mrd. verabreichten Impfdosen weltweit, das entsprechnde Risiko sehr klein ist und u.U. irrelevant wird.
Bevor Herr St.W. jetzt wieder mit Samplerate vs. Beobachtungszeitraum zu intervenieren versucht, eine hohe Samplerate hilft, den Beobachtungszeitraum einschränken zu können und seltene Effekte früher zu erkennen. Daran ist rein gar nichts unwissenschaftlich.
Unwissenschaftlich, unrealistisch und unpraktikabel wäre es, bis zum Sankt-Nimmerleinstag testen und untersuchen zu wollen, bevor man eine Technologie oder ein Produkt einführt. Es gibt schlicht kein Produkt, kein Medikament, kein Verfahren, das auf 100% Fehler- oder Schadensfreiheit ausgelegt ist und diese erreicht. Es geht immer darum, Risiken auf ein erträgliches Maß zu begrenzen. Über dieses Maß kann man freilich diskutieren und streiten. Da mag auch jeder für sich zu einer individuellen Ansicht und Einschätzung gelangen. Daraufhin aber eine Technologie als grundsätzlich und inhärent massiv unsicher zu bezeichnen, noch dazu ohne einen Vergleich mit anderen Alltagsrisiken anzustellen oder entsprechende Daten und Fakten zu liefern, ist in höchtem Maße fragwürdig.
Es gibt übrigens eine Maßzahl für die Wahrscheinlichkeit, durch einen bestimmten Risikofaktor ums Leben zu kommen, das sog. "Mirkomort" (Wahrscheinlichkeit von 1: 1Mio. an einer Ursache zu sterben). Ein Marathonlauf schlägt z.B. mit 7 Mikromort zu Buche. Covid-19-Erkrankung im Alter 20-29: ~6 Mikromort, im Alter 80-89: 7680 Mikromort. Eine Impfung mit AstraZeneca wird mit ~3 Mikromort angegeben.
Man sollte einfach auch mal die Risikorelationen betrachten.
Hochachtungsvoll
Ihr Dragan Ulrich