20.07.2022
Hallo Robert,
"ich will mal das imaginäre Kriegsbeil um das Thema "Carbs" im Forum versuchen zu begraben."
Da gibt es eigentlich nichts zu begraben (hat ja keiner ausgegraben).
Und wir haben ja auch keinen Dissens hinsichtlich Carbs und Paläo und einer Abkehr von westlicher KH-Mast. Wobei natürlich durchaus diskussionswürdig wäre, was man denn unter "Paläo" so versteht; auch geht die Entwicklung und Erkenntnis voran. Ich hatte vor einiger Zeit schon mal auf einen Spektrum-Artikel verwiesen ("Paläodiät: Was die Neandertaler wirklich aßen", 28.06.22)
Nicht nur anatomisch moderne Menschen, sondern bereits Neandertaler und vermutlich schon deren Vorläufer haben offensichtlich viel pflanzliche Stärke zu sich genommen. So viel, dass in ihren Mundhöhlen seit mehr als 100 000 Jahren eine an stärkehaltige Nahrung angepasste Mundflora entstand.
»Wir haben keinerlei geografisch oder klimatisch bedingte Unterschiede bei der Anzahl der konsumierten Pflanzenarten entdeckt.« [...] überall stand ein ähnlicher Anteil an kohlenhydratreichen Pflanzen auf ihrem Speisezettel.
Dazu gehörten Süßgräser (Triticeae), also Wildgetreide, zu denen auch die Vorläufer von Weizen und Roggen gerechnet werden. Ferner aßen die Frühmenschen Hülsenfrüchtler (Fabaceae), etwa die Wildformen von Bohne, Erbse und Linse.
OK, Brot, Nudeln, Reis und Kartoffeln kannte der Steini wohl noch nicht, aber es ist eben ein markantes Merkmal des Menschen, dass er sich überall auf dem Globus Nahrungsquellen erschließen und nutzbar machen konnte; und sich auch an diese ein Stück weit anpassen konnte (Inuit habe deutlich weniger Amylase-Aktivität, als z.B. Europäer, ein Maß für mögliche Stärke-Utilisierung).
Ich sehe aber mit großem Wohlwollen, dass auch du die Kartoffel offenbar nicht als einen der strunzen apokalyptischen Carb-Reiter ansiehst. Du gehts zwar wohl in Bezug auf Brot und Nudeln etws konsequenter vor als ich, aber das sind dann ja eigentlich nur noch individuelle Auslegungsnuancen. Ich sage mir "die Dosis macht das Gift". Mal ist alles grundsätzlich erlaubt; in Maßen. Eine kompetente Verdauung kommt damit schon klar. Da muss man nur erst mal hinkommen.
Offen bleibt dabei aber nach wie vor unser Dissens hinsichtlich (Wiederhestellung der pathologischen) Insulinresistenz. Wenn ich mich nicht irre siehst du hier ein grundsätzliches Problem in der Anweseheit von Carbs, während Thomas und ich eine grundsätzliche Energieüberfrachtung der Zellen unabhängig vom Substrat sehen. Mit den bekannten unterschiedlichen Ansätzen zur Problemlösung. Ich habe schon mehrfach explizit darauf hingewiesen (und wurde trotzdem oft genung von Einigen bewußt missverstanden), KH-Restriktion bis hin zu NC oder sogar Keto sind nicht per sé unwirksam, unnütz oder Unsinn. Sie sind aber auf jeden Fall nicht die einizg wirksame und praktikable Intervention (schon gar nicht langfristig oder gar dauerhaft) und sie haben wie jede Intervention Grenzen und auch das Potential kontraproduktiv zu sein. Deswegen stellt KH-Restriktion bis hin zu NC / Keto für mich eben keine refelxartig empfohlene Standardempfehlung dar; KONTEXT! Das gilt umso mehr, je gravierender die Auswirkungen bei einem Misserfolg oder suboptimaler Umsetzung sein können (z.B. Krebserkrankung, Chemo vs. OP, abhängig von den individuellen Voraussetzungen und Umständen).
Übrigens schreibt Dr. Stunz in der von dir verlinkten NEWS von 54% Kohlenhydraten. Das wären für einen 75kg Erwachsenen ~450g verwertbare Kohlenhydrate. Also weit über den von Sisson genannten 50-150g; und nach meinem Verständnis auch weit jenseits dessen, was ich als NoCarb bezeichnen würde. Ich weiß, Dr. Strunz reduziert seine Betrachtung von NoCarb auf "keine leeren Kohlenhydrate". Gleichzeitig schreibt er aber auch an anderer Stelle (Weshalb messen?, 18.07.22) "Kapiert wirklich niemand, dass es völlig wurscht ist, was wir essen? Der Körper muss nur – gemessen, nachweislich – all die nötigen essentiellen Stoffe bekommen und erhalten, PER BLUTANALYSE nachweisbar." Das heißt doch dann, dass es ziemlich egal ist, woher die KH/Stärke/Glukose im Blut kommt, solange der Körper auch alles Andere in ausreichender Menge bekommt, was er braucht. Leere KH sind also nicht das grundsätzliche Problem, auch wenn sie sich im Zweifelsfall recht einfach einsparen lassen. Aber auch hier wieder: KONTEXT!
Die dicke Sofa-Petra (frei nach Michalk) muss ggf. anders agieren, als es der stämmige Kevin, der 3-5h Sport pro Woche treibt; vom dünnen Hannes ganz zu schweigen...
LG
Thorsten