28.11.2018
Hallo Robert,
ich hätte da ein paar grundsätzliche Bemerkungen anzubringen.
Lohnt es sich, alte Hüte (50 % KH) hervorzuholen und in alte Denkmuster (Reaktion, Renegation, habituelle Falsifikation) zu verfallen? Wenn uns Wissenschaft nicht wirklich weiterbringt, verdient sie keine Beachtung. Ich akzeptiere den Status quo nicht. Die SAD ist längst abgehakt, deren psychische und physische Folgen sind unübersehbar. Da braucht es keine Studien mehr, kein Autörchen mit noch einem Histörchen. Auch Wissenschaft hat ihre vorwissenschaftlichen, aus Lebenserfahrung und Urteilskraft resultierenden Prämissen. Selbst Gottvater, Sir Karl, hat das am Ende eingesehen: „Alles Leben ist Problemlösen“. Hoffentlich!
SAD hat übrigens eine lustige Zweitbedeutung: Saisonal abhängige Depression. Scheint mir inzwischen, da jahreszeitenübergreifend, ein kontrafaktischer Euphemismus zu sein.
Der komplett, also wirklich ausgewogen versorgte Körper kennt sicherlich Stoffwechselpfade, die unsere heutigen Modelle zumindest in der Gewichtung transzendieren. Die interessante Frage ist doch, wie ein funktionierendes System jenseits der Kohlenhydratwelt aussehen kann – theoretisch, aber auch ganz konkret praktisch.
Fett kann tatsächlich in Glucose umgewandelt werden. Die Gluconeogenese bedient sich insofern nicht nur der einschlägigen Aminosäuren und – wichtig für Ausdauersportler! – des Laktats. Hier eine Studie aus 2011: Kaleta et a., „In silico evidence for gluconeogenesis from fatty acids“ („in silico“ heißt computergestützte Simulation).
„Abstract: The question whether fatty acids can be converted into glucose in humans has a long standing tradition in biochemistry, and the expected answer is "No". Using recent advances in Systems Biology in the form of large-scale metabolic reconstructions, we reassessed this question by performing a global investigation of a genome-scale human metabolic network, which had been reconstructed on the basis of experimental results. By elementary flux pattern analysis, we found numerous pathways on which gluconeogenesis from fatty acids is feasible in humans. On these pathways, four moles of acetyl-CoA are converted into one mole of glucose and two moles of CO₂. Analyzing the detected pathways in detail we found that their energetic requirements potentially limit their capacity. This study has many other biochemical implications: effect of starvation, sports physiology, practically carbohydrate-free diets of inuit, as well as survival of hibernating animals and embryos of egg-laying animals. Moreover, the energetic loss associated to the usage of gluconeogenesis from fatty acids can help explain the efficiency of carbohydrate reduced and ketogenic diets such as the Atkins diet.”
Ich glaube nicht, Robert, dass das, was Kranke offenkundig gesund macht, für Gesunde schädlich ist. Das ist zunächst mal eine Frage der Logik. Ich bin bei meinem inzwischen langjährig bewährten Konzept exakt davon ausgegangen, dass es ein Modell geben muss, welches das gesamte Spektrum abdeckt, von schwerkrank bis zum (gesunden) Leistungssportler.
Wie gesund Letztere sind, ist freilich die Frage – oder auch nicht mehr. Das metabolische Syndrom ist allgegenwärtig, die westlichen Gesellschaften befinden sich in einem „semi-insulinresistenten“ Zustand. Die Welt ist voller Prädiabetiker, wie sich an den Dreißig- und Vierzigjährigen sicherlich gut nachweisen ließe. Sport auf dieser Basis verdummbeutelt Lebenschancen.
Wenn wir von „metabolisch gesund“ – und im engeren Sinn vom Indikator Insulinresistenz (IR) – reden, sollten wir uns unbedingt von der Makroebene (und irgendwelchen Prozentzahlen) lösen und stattdessen auf Blutwerte zurückgreifen, denn die sagen die Wahrheit. Übrigens geht auch Michalk expressis verbis davon aus, dass es sich bei IR um ein multifaktorielles, mithin komplexes systemisches Geschehen handelt. Wir müssen also über folgende Laborparameter und ihre Interdependenzen reden (die Liste ist gewiss nicht vollständig):
Blutzucker (nüchtern und nach Mahlzeiten, also Tagesspitzen), Insulin und dessen Verhältnis zum Blutzucker (HOMA), Triglyzeride, LDL, Lipidperoxidation, Entzündungswerte (zB TNF-alpha, IL-6), oxidativer und nitrosativer Stress, SOD2, Fettmasse (KFA, dabei v. a. Viszeralfettanteil), BMI, Retinolsäure (Vit. A), B3, Inositol, Omega-3, Harnsäure, Carnitin, Arginin (NO-Status), Alpha-Liponsäure, Lithium …. “Eigentlich” sollte alles im Lot sein. Ist das wirklich unmöglich? Meiner Erfahrung nach nicht – und den intellektuellen Anspruch sollte man eh nicht aufgeben.
Kleine Anmerkung noch zu „runner’s high“, Thomas. Schade, wenn Du das „Läuferhoch“ noch nie erlebt hast. Ich hole mir das wirklich jeden Tag. Es ist einer der wenigen Zustände, die wirklich glücklich und tatsächlich süchtig machen. Man kommt dem schon bei langen Ausdauerläufen, also im aeroben Bereich, ziemlich nahe, ganz sicher aber etwa bei hochintensiven, bergigen, intervallgeprägten Zehnern im Gruppentraining. Wenn man dann zum Abschluss noch einmal alles, wirklich alles gibt (und das ist mehr, als man glaubt), ist es da, dieses Gefühl der vollkommenen Zufriedenheit und muskulären Lockerheit. Auch bei Marathon-Wettkämpfen ist es so, sofern man sich das Rennen optimal einteilt und auf der Zielgeraden noch sprinten kann (andernfalls kommt man ziemlich zerschlagen an).
Das Läuferhoch hält einige Stunden an, in denen man mit sich und der Welt vollkommen in Einklang steht. Es ist das einzige Gefühl, das mich nach Jahrzehnten noch immer mit meinen Zwanzigern verbindet. Da hat man sie wieder, die Jugend!